Kiews neue Taktik
Rauch über St. Petersburg nach einem Drohnenangriff auf ein dortiges Lager des Online-Händlers Wildberries. (Archivbild)
EPA
Darum geht’s
- Statt Raffinerien nimmt die Ukraine inzwischen gezielt Logistikzentren des Online-Händlers Wildberries ins Visier und verursacht damit Milliardenschäden.
- Die Angriffe treffen Russlands grössten Online-Händler und bringen Hunderttausende kleine Händler in Bedrängnis – kurz vor den Duma-Wahlen wächst der Unmut in der Bevölkerung.
- Neben wirtschaftlichem Druck könnte Kiew mit den Attacken auch Unternehmen treffen wollen, denen Verbindungen zu Putins Machtapparat nachgesagt werden.
In der vergangenen Nacht hat die Ukraine gleich zwei riesige Lagerhäuser des russischen Online-Händlers Wildberries mit Drohnen attackiert. In der Grossstadt Pensa ist ein Depot mit geschätzt 180’000 Quadratmeter Fläche in Brand geraten. Augenzeugen filmten kilometerhohe Rauchwolken.
In Sarapul, einer Grossstadt in der russischen Teilrepublik Udmurtien, traf es eine 50’000 Quadratmeter grosse Anlage. Sie brennt nach Medienberichten auf ganzer Fläche. Nur einen Tag zuvor hatten Drohnen bereits ein Lagerhaus in Rjasan getroffen und es ebenfalls in Flammen gesetzt.
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Damit haben die ukrainischen Truppen in weniger als zwei Wochen 13 Logistikzentren von Wildberries angegriffen. Mindestens zehn davon sind mindestens teilweise ausgebrannt. Nach den Angriffen auf Raffinerien stellt Kiew damit erneut die Hilflosigkeit der russischen Flugabwehr zur Schau.
Milliardenverluste nach Treffern in Grosslagern
Der Schaden ist gewaltig. Weil die Ukraine vor allem die Grosslager traf, sind inzwischen mehr als eine Million Quadratmeter ausgebrannt – etwa 20 Prozent der Gesamtlagerfläche des Unternehmens. Nach Berechnung des unabhängigen Wirtschaftsportals «The Bell» vernichteten die Flammen – noch vor den Attacken auf Rjasan, Pensa und Sarapul – allein Lagerräume im Wert von umgerechnet mehr 370 Millionen Franken. Die dort gelagerten und zerstörten Waren hatten demnach noch einmal einen Wert von knapp 1,6 Milliarden Franken.
Für das als russisches Pendant zu Amazon geltende Wildberries sind die Angriffe eine existenzielle Bedrohung. Das Unternehmen versuchte zuletzt, mithilfe von Krediten massiv zu wachsen, baute die Lagerflächen im Eiltempo aus, gründete eine Online-Bank und ein Reisebüro. Diese Strategie könnte nun zum Bumerang werden.
Kiew wirft Wildberries Handel mit Rüstungsgütern vor
Doch warum hat die Ukraine Wildberries ins Visier genommen? Dafür gibt es mehrere Erklärungsansätze. Das ukrainische Militär selbst begründete die Attacken damit, dass auf der Online-Plattform Rüstungsgüter gehandelt würden wie FPV-Drohnen, Glasfaserkabel für deren Steuerung, Panzerplatten und Schutzwesten.
Die Version ziehen aber selbst der Ukraine wohlgesonnene Beobachter in Zweifel. Wildberries sei kein militärisches Ziel, sagte der Journalist Wladislaw Gorin in seinem Podcast beim russischen Exil-Medium «Meduza».
Die Argumentation sei mit der Moskaus vergleichbar, als das russische Militär im Winter Kraftwerke in der Ukraine bombardierte. Begründet wurden die Angriffe damit, dass Kraftwerke auch Wärme und Strom für ukrainische Soldaten produzierten, sagte Gorin.
Grosse Schäden mit geringem Einsatz
Tatsächlich ist der Anteil der bei Wildberries gehandelten militärischen Güter gering. Wichtiger scheint die wirtschaftliche Komponente. Immerhin ist Wildberries Russlands grösster Online-Händler und erwirtschaftete 2025 einen Umsatz von umgerechnet etwa 62.5 Milliarden Franken. Der Gewinn lag bei etwas unter zwei Milliarden Euro – ein Plus von 68 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
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Etwa die Hälfte des russischen E-Commerce läuft über Wildberries. Mit relativ wenig Aufwand kann die Ukraine russischen Unternehmern durch Drohnenangriffe riesigen Schaden zufügen.
Zusammenbrechen wird die Wirtschaft freilich nicht. Getroffen werden vor allem Klein- und Kleinstunternehmen. Bis zu 400’000 Russen sind als Händler auf der Online-Plattform unterwegs – und erleiden enorme Verluste, die der Internetriese ihnen nur zu einem Bruchteil ersetzt. In den sozialen Netzwerken sind die Klagen gross.
Soziale Unzufriedenheit als Druckmittel
Kurz vor der Duma-Wahl in Russland ist diese Unzufriedenheit ein Druckmittel, auf das Kiew im Krieg setzt. Das ist zynisch, entspricht aber dem Kalkül Moskaus beim Beschuss ukrainischer Kraftwerke.
Die Kehrseite: Die Probleme der Russen spielen für Kremlchef Wladimir Putin nur eine untergeordnete Rolle. Der Machtapparat hat über Medien, Zensur und Sicherheitskräfte genügend Hebel, um Unzufriedenheit zu unterdrücken oder zu kanalisieren. Es könnte Putin eher dazu bewegen, seinerseits den Krieg weiter zu eskalieren.
Zielten die Angriffe auf Besitztümer von Putin-Vertrauten?
Es gibt noch eine weitere Theorie, warum Kiew ausgerechnet auf Wildberries zielt. 2024 gab es um das 20 Jahre zuvor von einem Ehepaar gegründete Unternehmen einen schmutzigen und sogar blutigen Scheidungskrieg. Firmengründerin Tatjana Kim warf ihren Mann Wladislaw Bakaltschuk aus dem Unternehmen.
Der verbündete sich nach dem Rauswurf mit dem mächtigen Tschetschenen-Chef Ramsan Kadyrow und wollte mit Bewaffneten ins Hauptquartier von Wildberries eindringen – seinen Angaben nach zu Verhandlungen. Bei der daraus resultierenden Schiesserei mit dem Wachdienst kamen zwei Männer ums Leben.
Kim fusionierte den Konzern anschliessend mit der Reklameagentur Russ. Die Fusion musste im Kreml abgesegnet werden – und angeblich sind seither hochrangige Putin-Vertraute wie der Chef der Präsidialverwaltung Anton Waino und sein Stellvertreter Alexej Gromow an Wildberries beteiligt.
Offiziell gibt es keine Angaben dazu. Auffällig ist aber, dass der Machtapparat keine Anstalten macht, Wildberries zu Schadenersatz für die durch die ukrainischen den Angriffe ruinierten Kleinunternehmer zu drängen. Stattdessen gab es Lob aus dem Kreml und wohl Überlegungen, dem Unternehmen mithilfe einer Staatsbank zu helfen, den Bankrott zu umgehen.
Zivilverteidigung soll Lagerhäuser schützen
Derweil hat die russische Tageszeitung «Nesawissimaja Gaseta» «Lösungsvorschläge» zum Schutz gegen die ukrainischen Angriffe unterbreitet. Ein Ende des Kriegs gehört nicht dazu. Stattdessen fordern die Autoren die Rückkehr zur Zivilverteidigung. Kampfgruppen nach sowjetischem Vorbild sollen die Anlagen schützen.
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Die Dächer der Lagerhäuser böten zwar eine grosse Angriffsfläche, zugleich aber auch genügend Platz, um Flak-Geschütze und andere Flugabwehrwaffen zu stationieren. Die solle das Unternehmen auf eigene Rechnung kaufen.
Die Geschütze müssten auch nur teilweise bemannt werden, da es inzwischen Möglichkeiten gebe, sie aus der Ferne zu steuern, argumentiert das Blatt. Dass damit die russische Bevölkerung noch tiefer in Putins Krieg verwickelt werden würde und die Zahl ziviler Opfer steigen könnte, wird nicht erwähnt.
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