Europas Aussengrenze
Tor zu Europa: Deswegen wird Ceuta immer wieder von Migranten gestürmt
Zehntausende Menschen aus Marokko erreichen die spanische Exklave Ceuta – viele schwimmend, andere über den Grenzzaun. Ein Urteil des Obersten Gerichts erschwert sofortige Rückschiebungen. Die Migrationskrise an der EU-Aussengrenze ha
Der plötzliche Ansturm Zehntausender Migranten und Migrantinnen auf die spanische Exklave Ceuta an der nordafrikanischen Küste entwickelt sich zur humanitären Krise – und entfacht zugleich einen neuen Streit über Europas Aussengrenzen. Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Darum geht’s
- Zehntausende Menschen sind innerhalb weniger Tage irregulär von Marokko in die spanische Exklave Ceuta gelangt.
- Spanien verstärkt den Grenzschutz und ringt mit einer humanitären Notlage.
- Zugleich verschärft die Krise den Streit über Europas Migrationspolitik.
Zehntausende irreguläre Migranten und Migrantinnen haben innerhalb weniger Tage die spanische Exklave Ceuta an der nordafrikanischen Küste erreicht. Spanien verstärkt den Grenzschutz, die EU sagt Unterstützung zu. Gleichzeitig wird über die Ursachen des plötzlichen Ansturms und die Rolle Marokkos spekuliert. Die Situation im Überblick:
Was ist in Ceuta in den vergangenen Tagen passiert?
In der spanischen Exklave Ceuta in Nordafrika sind den örtlichen Behörden zufolge in den vergangenen zwei Tagen rund 60’000 Migranten und Migrantinnen irregulär angekommen. Viele schwammen um die Grenzanlagen oder erreichten das Gebiet über den Wellenbrecher am Strand von Tarajal. Die Stadt mit ihren rund 84’000 Einwohnenden wird vom Mittelmeer und von Marokko eingeschlossen.
Die Aufnahmeeinrichtungen sind überlastet, zahlreiche Menschen mussten zeitweise im Freien übernachten. Die lokalen Behörden sprachen von einem Notstand. Viele Geschäfte in der Stadt blieben aus Sorge vor Übergriffen geschlossen.
Die spanische Nachrichtenagentur EFE berichtet unter Berufung auf Polizeikreise, dass bei dem massenhaften Grenzübertritt bislang 43 Menschen ums Leben kamen. Spanien entsandte zusätzliche Soldaten zur Unterstützung der Grenzpolizei. Ministerpräsident Pedro Sánchez kündigte an, die Regierung werde «alle Hebel in Bewegung setzen», um die Lage unter Kontrolle zu bringen, und reiste heute nach Ceuta.
Bis Freitagmorgen kamen weiterhin Menschen über die Grenze. Gleichzeitig sind nach Angaben des staatlichen Fernsehsenders RTVE bis 15.30 Uhr bereits 37’500 der irregulär angekommenen Menschen wieder nach Marokko zurückgekehrt. Dadurch habe sich die Lage etwas entspannt. Das spanische Innenministerium teilte mit, sie seien freiwillig ausgereist.
Wer sind die Menschen, die nach Ceuta kommen?
Unter den Ankommenden befinden sich überwiegend junge Männer, aber auch Frauen, Kinder und unbegleitete Minderjährige. Viele stammen aus Marokko, andere aus Algerien und Staaten südlich der Sahara. Ceuta und die benachbarte Exklave Melilla bilden die einzigen Landgrenzen der Europäischen Union auf dem afrikanischen Kontinent und gehören seit Jahren zu den wichtigsten Migrationsrouten nach Europa. Denn: Wer die Stadt erreicht, ist in der EU. Das verbinden viele Migranten mit dem Ausblick auf bessere Jobmöglichkeiten, Rechtssicherheit und der Hoffnung auf ein besseres Leben.
Menschen gehen am Strand entlang, während sie versuchen, von der marokkanischen Stadt Fnideq im Norden in die spanische Enklave Ceuta zu gelangen.
AP
Viele der irregulären Migranten und Migrantinnen haben in den letzten Tagen bewusst den Weg durch das Meer gewählt. Hintergrund ist ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs vom Juli, wonach Menschen, die Ceuta – und auch Melilla – schwimmend erreichen, nicht ohne weiteres unmittelbar zurückgewiesen werden dürfen. Hilfsorganisationen weisen allerdings darauf hin, dass die Sommermonate regelmässig zu einem Anstieg solcher Überquerungen führen und die aktuelle Situation deshalb nicht allein mit dem Urteil erklärt werden könne.
Auf marokkanischer Seite berichteten Migranten und Migrantinnen von Gerüchten, die Grenze sei geöffnet. Zudem wird spekuliert, Marokko habe seine Grenzkontrollen gelockert. Als möglicher Hintergrund gilt der diplomatische Konflikt zwischen Marokko und Algerien. Die beiden Länder stehen sich im Streit um die Westsahara seit Jahrzehnten unversöhnlich gegenüber. Nach dem kürzlichen Besuch des spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez in Algerien wird deshalb spekuliert, Marokko könnte dies als Affront gewertet und seine Grenzkontrollen aus politischen Gründen gelockert haben. Dafür gibt es bislang jedoch keine belastbaren Hinweise.
Wie reagieren Spanien und die EU?
Spanien verstärkte die Grenzsicherung mit zusätzlichen Militär- und Polizeikräften. Einen nationalen Notstand will die Regierung jedoch nicht ausrufen. Nach Angaben des Innenministeriums fallen Migrationsbewegungen nicht unter die gesetzlichen Voraussetzungen des spanischen Zivilschutzes. Madrid setzt stattdessen auf eine engere Zusammenarbeit mit Marokko und kündigte an, Menschen ohne Bleiberecht möglichst rasch zurückzuführen.
Die Europäische Union sagte Spanien Unterstützung zu. Unter anderem soll die Grenzschutzagentur Frontex helfen, die Lage an der EU-Aussengrenze zu stabilisieren. Frontex hat allerdings nach eigenen Angaben bislang noch keine Bitte um Unterstützung von der Regierung in Madrid erhalten. Auch die britische Regierung hat Spanien wegen der Krise in der Exklave Ceuta Unterstützung angeboten.
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Die Krise sorgt inzwischen auch innerhalb Europas für Spannungen. Italiens nationalkonservative Ministerpräsidentin Giorgia Meloni brachte eine Aussetzung des Schengen-Abkommens mit Spanien ins Gespräch. Unterstützung erhält sie aus Finnland. Die rechtspopulistische finnische Innenministerin Mari Rantanen schrieb auf X, Spanien habe dabei versagt, die Aussengrenze des Schengen-Raums zu schützen. Die EU-Länder müssten die Forderung von Meloni unterstützen. Länder, die nicht in der Lage seien, die Grenzen zu schützen, könnten nicht Mitglieder des Schengen-Raums sein, schrieb sie. Madrid wies die Forderung scharf zurück und warf Rom vor, die Situation innenpolitisch zu instrumentalisieren.
Der ebenfalls rechtspopulistische tschechische Regierungschef Andrej Babis fordert eine sofortige Schliessung der offenen Schengen-Grenzen mit Spanien – was er genau damit meinte, liess er offen. Frankreich hat bereits angekündigt, seine Kontrollen an der Grenze zu Spanien zu verstärken.
Ist das eine einmalige Krise oder Teil eines grösseren Trends?
Die Ereignisse erinnern an die Migrationskrise im Mai 2021. Damals gelangten innerhalb von 36 Stunden mehr als 8000 Menschen nach Ceuta. Spanien warf Marokko damals vor, die Grenzkontrollen im Streit um die Westsahara bewusst gelockert zu haben. Seit einer Annäherung beider Länder arbeiten Madrid und Rabat bei der Migrationskontrolle wieder enger zusammen.
Auch 2026 steht Ceuta bereits seit Monaten unter wachsendem Migrationsdruck. Nach Zahlen des spanischen Innenministeriums stiegen die irregulären Grenzübertritte im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahreszeitraum um mehr als 160 Prozent. Beobachter*innen sehen deshalb keinen singulären Vorfall, sondern eine Entwicklung, die sich seit Monaten abzeichnet und durch die aktuelle Massenankunft ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat.
Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa und Reuters
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