Darum geht’s
- Finanz-Apps können den Zugang zum Sparen und Investieren deutlich erleichtern.
- Problematisch wird es, wenn spielerische Reize Nutzerinnen und Nutzer zu häufigeren oder riskanteren Trades verleiten.
- Entscheidend sind das Geschäftsmodell der Anbieter, wirksame Schutzmechanismen und finanzielle Bildung.
Ein Wischen über den Bildschirm, und die Anlagestrategie ist gewählt. Bei jedem Einkauf wird automatisch ein kleiner Betrag investiert. Einige Apps quittieren einen Trade mit Geräuschen, Animationen oder digitalem Geldregen.
Was bequem und modern wirkt, kann das Verhalten von Anlegerinnen und Anlegern gezielt beeinflussen. Marc Arnold, Professor für Corporate Finance an der Universität St. Gallen, sieht vor allem klassische Belohnungselemente kritisch.
«Gamification sind Funktionen, die wir aus der Unterhaltungsindustrie kennen und die auf das Belohnungssystem des Gehirns zielen», sagt er im Gespräch mit blue News. «Dazu gehören etwa Geldregen, Animationen oder Geräusche nach einem Trade. Im Gaming sollen solche Reize dazu bringen, weiterzuspielen. Beim Investieren dienen sie entsprechend dazu, dass die Nutzerinnen und Nutzer weiterhandeln.»
Einfache Bedienung ist nicht per se schlecht
Nicht jede Vereinfachung ist automatisch problematisch. Ein automatischer Sparplan, eine verständliche Oberfläche oder eine digitale Einzahlung können den Einstieg erleichtern, ohne zu riskanten Entscheiden zu verleiten.
Arnold sieht darin grundsätzlich einen Fortschritt. «Früher war das Investieren kompliziert. Man musste Formulare ausfüllen und mit dem Bankberater sprechen. Heute kann man vieles selbst und rund um die Uhr erledigen. Von der Grundidee her ist das absolut zu begrüssen.»
Professor Marc Arnold
Uni SG
Zur Person
Marc Arnold ist seit Februar 2024 ordentlicher Professor für Corporate Finance an der Universität St. Gallen. Zudem ist er Direktor am Institut für Accounting, Controlling und Auditing (ACA-HSG). Seine Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in den Bereichen Corporate Finance, Investitionen, Kreditrisiken und Bankenwesen. Zuvor war Arnold an der HSG als Assistenz- und ausserordentlicher Professor tätig und absolvierte Forschungsaufenthalte an der New York University.
Entscheidend sei jedoch, wofür die einfache Bedienung eingesetzt werde. «Mein Eindruck ist, dass gerade der Bereich Gamification häufig nicht primär für mehr Benutzerfreundlichkeit genutzt wird, sondern um weitere Trades auszulösen – und somit daran zu verdienen.»
Spielerische Elemente können Risiken verharmlosen
Anlageentscheide können erhebliche finanzielle Folgen haben. Eine spielerische Gestaltung kann sie jedoch harmloser erscheinen lassen, als sie tatsächlich sind.
«Gamification ist in unserem Gehirn mit Spielen verknüpft», sagt Arnold. «Wichtige Vermögensentscheide werden dadurch heruntergebrochen und wirken wie einfache Entscheidungen. Solche Funktionen stören das Verhalten und die Entscheidungsfähigkeit. Die Menschen tendieren dann zu risikoreicherem Verhalten.»
Das Problem beginnt damit nicht bei der gamifizierten Aktion selbst, sondern bei der Wirkung, die eine App erzielen will.
Patrik Schär, CEO des digitalen Vermögensverwalters Selma, verteidigt die einfache Bedienung seiner App. Dort lassen sich verschiedene Portfolioausrichtungen und eine mögliche Krypto-Beimischung mit einfachen Auswahlfunktionen festlegen.
«Eine gute App soll Komplexität abnehmen und nicht zusätzlich schaffen. Schliesslich wird eine Anlageentscheidung nicht sicherer, nur weil man sich durch möglichst viele Seiten und Untermenüs klicken muss», sagt Schär.
Gleichzeitig dürfe Investieren nicht nach denselben Prinzipien funktionieren wie eine Dating- oder Sprachlern-App. «Anlegen ist kein Spiel. Würde man beim Investieren mit Belohnungssystemen, Ranglisten oder anderen Gamification-Elementen arbeiten, könnte Anlegen schnell zu einer emotionalen Angelegenheit werden. Genau das ist problematisch, denn beim Investieren sind Emotionen meist schlechte Berater.»
Patrik Schär setzt mit Selma auf eine einfache Umverteilung.
Bei einer Krypto-Beimischung zeigt Selma den aktualisierten Anlageplan deshalb vor der Aktivierung nochmals zur Bestätigung an. Die Funktion steht nur Kundinnen und Kunden offen, die eine ausreichend hohe Risikobereitschaft und Risikofähigkeit aufweisen. Zudem müssen mindestens 7500 Franken im Portfolio investiert sein. Werden die Voraussetzungen später nicht mehr erfüllt, wird die Krypto-Präferenz automatisch deaktiviert.
Diese Schutzmechanismen erfassen allerdings nur Anlagen innerhalb von Selma. Weitere Kryptopositionen bei anderen Anbietern kann die App nicht berücksichtigen.
Der zentrale Interessenkonflikt
Besonders kritisch beurteilt Finanzprofessor Arnold Plattformen, die an jeder Transaktion verdienen. In diesem Modell stehen die Interessen des Anbieters und jene der Kundschaft nicht automatisch auf derselben Seite.
«Der App-Nutzer will eine gute langfristige Performance. Der Broker will hingegen möglichst viel verdienen», sagt Arnold. «Wenn ein Broker pro Trade verdient, besteht ein Interesse daran, dass möglichst viele Kundinnen und Kunden möglichst häufig handeln.»
«Finanzmärkte sind unglaublich effizient. Das unterschätzen viele Menschen.»
Marc Arnold
Professor Corporate Finance
Genau hier können Push-Nachrichten, Animationen, Ranglisten oder Hinweise auf vermeintlich einmalige Chancen ihre Wirkung entfalten. Jede zusätzliche Transaktion bringt dem Anbieter Einnahmen – auch wenn sie den Nutzerinnen und Nutzern langfristig keinen Vorteil verschafft.
Auch Selma-CEO Schär weist auf diesen Konflikt hin. «Gerade bei vermeintlich kostenlosen oder besonders günstigen Plattformen lohnt sich ein Blick auf das Geschäftsmodell. Verdient eine Plattform an jeder Transaktion, hat sie ein Interesse daran, dass Kundinnen und Kunden möglichst häufig handeln.»
Mehr Trading bedeutet meist weniger Rendite
Dass häufiges Handeln den Erfolg erhöht, ist laut Arnold ein Trugschluss. Finanzmärkte seien so effizient und kompetitiv, dass Privatanleger kaum dauerhaft einen Informationsvorsprung erzielen könnten.
«Finanzmärkte sind unglaublich effizient. Das unterschätzen viele Menschen», sagt Arnold. «Wäre eine Aktie klar zu tief bewertet, würde innert Sekundenbruchteilen Geld in diese Aktie fliessen und der Preis würde steigen.»
Bei einzelnen Trades könnten Anleger Glück haben. Mit steigender Zahl an Transaktionen gleiche sich dieses Glück aber zunehmend aus.
«Bei jedem Trade hat man entweder Glück oder Pech. Wer sehr häufig handelt, landet langfristig immer näher bei der durchschnittlichen Marktentwicklung – abzüglich der Tradingkosten», sagt Arnold.
Auch tiefere Gebühren änderten daran nur bedingt etwas. Wenn Anleger wegen günstiger Transaktionen deutlich häufiger handelten, könne sich der Kostenvorteil wieder auflösen.
Automatisches Sparen ist ein anderer Fall
Nicht jede Funktion, die Investieren beiläufiger macht, soll zu mehr Handel führen. Kaspar & Bank Thalwil setzen bei ihrer neu entwickelten App auf automatisches Aufrunden.
Bei Kartenzahlungen wird der Betrag auf den nächsten Franken oder eine selbst gewählte Summe erhöht. Die Differenz fliesst in ein Anlageportfolio.
«Ein starker Mehrwert ist, dass man sich nicht überlegen muss, ob man am Ende des Monats genügend Geld für eine Investition oder einen Sparbetrag zur Verfügung hat», sagt Bank-Thalwil-CEO Sandro Meichtry. Das Investieren laufe dadurch im «Grundrauschen des Alltagskonsums».
Nach Angaben der Bank ergibt eine durchschnittliche Aufrundung von 50 Rappen bei zwei Transaktionen pro Tag rund 30 Franken im Monat. Die Bank betont, dass Transaktionen und Portfoliostand jederzeit einsehbar seien und die Funktion ausgeschaltet werden könne. Vor dem ersten Investment werde zudem ein Risikoprofil erstellt.
Apps könnten auch vor Fehlern warnen
Finanzprofessor Arnold sieht in den technischen Möglichkeiten von Finanz-Apps denn auch nicht nur Gefahren. Sie könnten etwa genutzt werden, um Fehlentscheide zu verhindern.
Eine App könnte erkennen, wenn ein geplanter Kauf im Verhältnis zum Gesamtvermögen besonders gross ist, ein Portfolio einseitig macht oder das Risiko stark erhöht.
«Ein System könnte das individuelle Portfolio überwachen, Korrelationen berechnen und bei problematischen Transaktionen warnen», sagt Arnold. «Ein Kryptokauf etwa ist nicht per se problematisch. Entscheidend ist die Grösse des Trades im Verhältnis zum gesamten Portfolio.»
Vor folgenreichen Entscheiden könnte die App zusätzlich einen «Impulsbrecher» einbauen – etwa eine Warnung, eine erneute Bestätigung oder eine kurze Wartezeit.
Gamification könnte so theoretisch nicht zu mehr Trades, sondern zu besseren Entscheidungen führen. Arnold ist allerdings skeptisch, ob Anbieter mit transaktionsabhängigen Einnahmen daran interessiert sind.
«Wenn man Gamification mit einem Ausbildungsaspekt verknüpfen könnte, wäre das sinnvoll», sagt er. «Das dürfte aber bei Brokern, die an jeder Transaktion verdienen, kaum im Vordergrund stehen.»
Das Öl aus Iran landet fast nur in China – Warum wir den Konflikt trotzdem an der Zapfsäule bezahlen
Europa kauft wegen Sanktionen kaum iranisches Öl. Trotzdem steigen unsere Spritpreise. Der Konflikt scheint weit weg – doch der Ölmarkt kennt keine Grenzen. Warum wir das an der Zapfsäule spüren, erklärt das Video.
#Adessonews seleziona nella rete articoli di particolare interesse.
Se vuoi leggere l’articolo completo clicca sul seguente link






