Darum geht’s
- Die Inflation in der Schweiz bleibt mit 0,4 Prozent tief, könnte laut Experten im Herbst aber leicht ansteigen.
- Hauptgrund sind höhere Energiepreise und die angespannte Lage im Nahen Osten.
- Mittelfristig könnten auch Lebensmittel, Elektronik, Krankenkassen sowie Restaurants und Hotels teurer werden.
- Bei Mieten wird dagegen vorerst kein grosser Preissprung erwartet.
- Entlastung ist vor allem bei importierten Waren wie Kleidung, Schuhen oder Autos möglich.
- Die SNB rechnet insgesamt weiterhin mit einer vergleichsweise tiefen Inflation.
Die grosse Teuerungswelle ist in der Schweiz vorerst ausgeblieben. Im Juli lagen die Konsumentenpreise 0,4 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Gegenüber Juni gingen sie sogar um 0,1 Prozent zurück. Günstiger wurden unter anderem Benzin, Diesel, Flugreisen sowie Kleider und Schuhe. Heizöl wurde dagegen teurer. Das zeigen die jüngsten Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS).
Doch die Ruhe könnte trügen. Vor allem die höheren Energiepreise könnten die Inflation in den nächsten Monaten wieder nach oben drücken. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) rechnet damit, dass die Teuerung zunächst noch etwas zunimmt. Im Jahresdurchschnitt erwartet sie für 2026 eine Inflation von 0,6 Prozent.
Raiffeisen-Chefökonom Fredy Hasenmaile rechnet mit einem ähnlichen Verlauf, sieht kurzfristig aber noch etwas mehr Luft nach oben. «Die Inflation dürfte gegen den Herbst etwas ansteigen, also etwa auf 0,7 bis 0,8 Prozent», sagt Hasenmaile gegenüber blue News.
Energie bleibt das grösste Risiko
Der wichtigste Preistreiber ist für Hasenmaile klar: «Alles, was mit Energie zu tun hat.» Ein grosser Teil des Schubs sei zwar bereits erfolgt. Doch die Entwicklung im Nahen Osten bleibe ein Risiko.
Auch die SNB führt den jüngsten Anstieg der Inflation vor allem auf höhere Preise für Erdölprodukte zurück. Wie es weitergeht, hängt laut Nationalbank stark von der Lage im Nahen Osten ab. Auch der Bund hat wegen der Iran-Krise seine Annahmen für die Erdölpreise nach oben korrigiert.
Durch die Sperrungen der Strasse von Hormus steigen diverse Energiekosten. Auch Benzin- und Dieselpreise erfahren noch keine Erholung.
sda
Die Benzin- und Dieselpreise bleiben trotz leichter Erholung weiterhin hoch. Der Grund: «Das Benzin und der Diesel werden etwa zu einem Drittel über den Rheinweg in die Schweiz gebracht», sagt Hasenmaile. Der niedrige Wasserstand könnte die Preise jedoch in einigen Monaten wieder in die Höhe schiessen lassen. Der Treibstoff wird auf Lager gekauft. Somit verzögert sich eine spürbarer Rückgang bei der Teuerung. Weil Schiffe derzeit deutlich weniger laden können, sind die Transportkosten stark gestiegen. Laut Avenergy verteuert allein dieser Effekt den Treibstoff derzeit um rund 12 bis 16 Rappen pro Liter.
Besonders genau schaut Hasenmaile auf den Gasmarkt. Viele europäische Versorger hätten mit dem Auffüllen ihrer Speicher gewartet – in der Hoffnung auf eine Entspannung der Lage. «Im Herbst, wenn dann die Lager endgültig gefüllt werden müssen, könnte der Gaspreis ansteigen», sagt der Ökonom.
Die Speicher sind tatsächlich weniger gut gefüllt als gewöhnlich. Nach Angaben der Eidgenössischen Elektrizitätskommission ElCom lagen die Gasspeicher in Nordwesteuropa zuletzt bei 45 Prozent. Im Durchschnitt der vergangenen acht Jahre waren es zu diesem Zeitpunkt 71 Prozent.
Für Schweizer Haushalte mit Gasheizung könnte sich das später in den Nebenkosten bemerkbar machen.
Lebensmittel könnten mit Verzögerung teurer werden
Die Iran-Krise werde sich lauf Hasenmaile auch in den Läden bemerkbar machen. Die Sperrung der Strasse von Hormuz hat nicht nur Lieferengpässe bei Öl herbeigeführt, sondern auch bei Dünger. Auch die Schweizer Landwirtschaft bezieht Düngemittel aus dieser Region. Die Trockenheit und die Düngernot lassen schlussendlich die Preise in den Lebensmittelgeschäften. steigen.
Dabei erfolgt die Reaktion nicht sofort. «Nach sechs bis neun Monaten sieht man, dass Lebensmittel teurer werden», sagt Hasenmaile. Höhere Kosten für Dünger, Energie oder Transporte brauchen Zeit, bis sie bei den Konsumentinnen und Konsumenten ankommen.
Der Ökonom sieht deshalb das Risiko, dass die Folgen der aktuellen Krise erst in den kommenden Monaten stärker im Einkaufswagen zu spüren sind.
KI-Boom macht Elektronik teurer
Ein ungewöhnlicher Preistreiber kommt aus der Tech-Welt: künstliche Intelligenz.
Hasenmaile erklärt: «Der massive Ausbau von KI-Rechenzentren lässt die Nachfrage nach Speicherchips explodieren. Dadurch fehlen Chips für andere Geräte.» Eine Analyse des Center for Strategic and International Studies kommt zum gleichen Schluss: Hersteller konzentrieren sich stärker auf Speicher für KI-Rechenzentren, während herkömmliche Speicher für Smartphones, Computer, Autos und andere Geräte knapper werden.
«An den Orten, wo sonst noch Speicherchips gebraucht werden, herrscht im Moment eine Knappheit», sagt Hasenmaile. Das könne sich bei Computern, Smartphones, Kühlschränken und anderen elektronischen Geräten bemerkbar machen.
Apple hat bereits auf die höheren Kosten reagiert. Konzernchef Tim Cook kündigte Preiserhöhungen wegen der stark gestiegenen Kosten für Speicherchips an. Für Hasenmaile ist deshalb klar: Bei Elektronik ist die Teuerung bereits angekommen.
Krankenkassen bleiben ein Sorgenkind
Wenig Hoffnung auf Entlastung macht der Raiffeisen-Chefökonom bei den Krankenkassenprämien: «Bei den Krankenkassen wird der Trend wohl weiter nach oben gehen.»
Die Zahlen zeigen dies genau. Bereits 2026 stieg die mittlere Krankenkassenprämie um 4,4 Prozent auf 393.30 Franken pro Monat.
Die Krankenkassenprämien steigen in der Schweiz weiterhin.
sda
Und der Kostendruck hält an. Eine aktuelle KOF-Prognose im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit erwartet, dass die Kosten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung pro versicherte Person 2026 um 4,5 Prozent und 2027 nochmals um 4,0 Prozent wachsen. Die tatsächlichen Prämien für 2027 stehen allerdings noch nicht fest.
Restaurants und Hotels dürften moderat aufschlagen
Wer essen geht oder Ferien in der Schweiz macht, muss ebenfalls mit leicht höheren Preisen rechnen.
Hasenmaile erwartet bei Restaurants und Hotels in den nächsten 6 bis 9 Monaten einen «moderaten Anstieg». Betriebe hätten mit höheren Löhnen, Mieten und Lebensmittelkosten zu kämpfen. Einen Teil davon könnten sie an ihre Gäste weitergeben.
Hotel- und Restaurant-Preise könnten bald steigen. Höhere Mieten und Lebensmittelkosten werden auf die Kund*innen abgewälzt.
Moritz Frankenberg/dpa
Damit zeigt sich ein Muster: Vor allem Dienstleistungen aus der Schweiz bleiben unter Preisdruck, heisst es von Hasenmaile. So beispielsweise auch beim öffentlichen Verkehr. Alliance Swisspass hat eine Erhöhung der Tarife für nationale Billette und Abonnemente um durchschnittlich 3,9 Prozent ab Dezember 2026 beschlossen. Bei vielen importierten Waren wirkt dagegen der starke Franken als Puffer.
Bei den Mieten droht vorerst kein grosser Sprung
Etwas beruhigender sieht es bei einem der grössten Posten im Haushaltsbudget aus: der Miete.
«Bei den Mieten gibt es wohl keine grosse Veränderung», sagt Hasenmaile. Der für Mietzinsanpassungen wichtige hypothekarische Referenzzinssatz liegt derzeit bei 1,25 Prozent und blieb im Juni unverändert.
Ganz verschwunden ist der Preisdruck auf dem Wohnungsmarkt allerdings nicht. Hasenmaile verweist auf den Wohnungsmangel: Das knappe Angebot könne insbesondere bei Neuvermietungen weiterhin für steigende Preise sorgen.
Beim Strom könnte erst 2027 Entlastung kommen
Besser sieht Hasenmaile die Entwicklung beim Strom. «Anfang 2027 könnte eine Reduktion bei den Strompreisen kommen», sagt er. Danach könnte sich das Bild aber wieder drehen: Anfang 2028 sei ein erneuter Anstieg möglich. Dies ist möglich, da sich die Lage auf den internationalen Märkten beruhgt hat.
Wie hoch die Stromrechnung 2027 tatsächlich ausfällt, ist derzeit noch offen. Die Versorger müssen ihre Tarife bis Ende August bekannt geben. Immerhin gibt es einen dämpfenden Faktor: Der vom Bund festgelegte Kapitalkostensatz für die Stromnetze sinkt 2027 von 3,43 auf 3,28 Prozent. Das reduziert die Netzkosten um rund 34 Millionen Franken.
Gleichzeitig bleibt die Lage am Energiemarkt angespannt. Der Schweizer Grosshandelspreis für Stromlieferungen im Jahr 2027 lag zuletzt bei rund 109 Euro pro Megawattstunde. Zum Vergleich: Am 21. April kostete die Stromlieferung für das Schweizer Kalenderjahr 2027 am Terminmarkt nur 87,7 Euro pro Megawattstunde. Ende April waren es 90,5 Euro, Anfang Juni 96,2 Euro. Aktuell liegt der Preis laut ElCom bei rund 109 Euro – damit rund 24 Prozent höher als Mitte April.
Kleider, Schuhe und Autos könnten günstiger werden
Es gibt aber auch Produkte, bei denen die Preise sinken könnten.
Bei Importwaren könne der starke Wettbewerb auf die Preise drücken. Dazu zählt Hasenmaile etwa Schuhe, Kleider und Haushaltsgeräte. Auch der wachsende Exportdruck aus China könnte dafür sorgen, dass gewisse Produkte günstiger werden, etwa Autos.
Bald könnten Autos durch den Importdruck aus China weniger kosten.
sda
Die jüngsten BFS-Zahlen zeigen zumindest teilweise bereits in diese Richtung. Im Juli waren Kleider und Schuhe günstiger als im Vormonat – wobei dabei auch der saisonale Ausverkauf eine Rolle spielte. Importierte Produkte lagen insgesamt 0,5 Prozent tiefer als ein Jahr zuvor, während inländische Produkte 0,8 Prozent teurer waren.
Inflation bleibt tief – doch der Alltag kann trotzdem teurer werden
Von einer neuen grossen Inflationswelle ist die Schweiz damit noch weit entfernt. Auch einen raschen Sprung über zwei Prozent hält die Nationalbank derzeit nicht für wahrscheinlich.
Die entscheidende Unbekannte bleibt der Nahe Osten. Verschärft sich die Lage erneut, könnten Energie und Rohstoffe einen weiteren Preisschub auslösen. Entspannt sich die Situation, dürfte die Inflation in der Schweiz vergleichsweise tief bleiben.
Videos aus dem Ressort
Erich Hess fordert Energieunabhängigkeit – und attackiert Rot-Grün
SVP-Nationalrat Erich Hess fordert mehr Energieunabhängigkeit von der EU. Dafür brauche die Schweiz zuverlässigen Strom aus Wasser- und Kernkraft – und kritisiert den Widerstand der Linken scharf.
#Adessonews seleziona nella rete articoli di particolare interesse.
Se vuoi leggere l’articolo completo clicca sul seguente link








