Darum geht’s
- Die US-Einwanderungsbehörde ICE hielt Migrant*innen teilweise tagelang in Räumen fest, die ursprünglich nur für Aufenthalte von wenigen Stunden gedacht waren.
- In einem rund 84 Quadratmeter grossen Raum in New York waren zeitweise ungefähr 86 Menschen eingesperrt.
- Interne Nachrichten zeigen, dass ICE-Mitarbeitende vor der Überbelegung und einer drohenden medizinischen Krise warnten.
- In den ICE-Räumen entstanden Zustände, die das US-Aussenministerium bei Gefängnissen anderer Länder selbst kritisiert.
- Behördendaten und Berichte aus mehreren Bundesstaaten zeigen, dass die Probleme weit über New York hinausreichen.
«Wir müssen dringend einige der Inhaftierten aus 26 Federal Plaza herausbringen», schrieb eine leitende Mitarbeiterin der US-Einwanderungsbehörde ICE im Juni 2025 an ihre Kolleg*innen. Sie fragte, ob etwas dagegen unternommen werde.
ICE ist jene Bundesbehörde, die im Landesinnern Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus festnimmt und Ausschaffungen vollzieht. Im Gebäude 26 Federal Plaza in Manhattan befinden sich sowohl eine ICE-Dienststelle als auch ein Einwanderungsgericht.
Vor allem ab dem Frühjahr 2025 nahm ICE dort zahlreiche Menschen fest, die freiwillig zu vorgeschriebenen Kontrollterminen, Interviews oder Gerichtsverhandlungen erschienen waren, etwa im Rahmen eines laufenden Asylverfahrens.
Keine Duschen und Betten
Anschliessend wurden viele von ihnen in vier provisorischen Hafträumen festgehalten, die im Sommer 2025 hoffnungslos überfüllt waren. Die Räume haben harte Böden, Betonbänke und offene Metalltoiletten. Betten und Duschen gibt es nicht.
Bei dieser sogenannten Einwanderungshaft handelt es sich rechtlich um Administrativhaft: Die Betroffenen befinden sich in einem verwaltungsrechtlichen Einwanderungsverfahren und werden wegen ihres Aufenthaltsstatus festgehalten, nicht wegen einer Straftat.
Eine neue Recherche der «Washington Post» zeichnet nun detailliert nach, wie sich die Situation zuspitzte. Grundlage sind interne E-Mails und Textnachrichten, Aussagen ehemaliger Inhaftierter, Gerichtsakten und Belegungsdaten, die das Forschungsprojekt Deportation Data Project erhielt.
Klein wie eine Telefonkabine
Die Enthüllungen erscheinen in einem brisanten Moment. Im Juni 2026 nahm ICE mit 43’138 Menschen so viele Personen fest wie in keinem anderen Monat seit Trumps Rückkehr ins Weisse Haus. Am 11. Juli befanden sich bereits 65’765 Menschen in ICE-Gewahrsam, die Mehrheit von ihnen ohne Vorstrafen.
Wie sich die Lage in New York bereits im Vorjahr zugespitzt hatte, zeigen die nun ausgewerteten Daten: Im grössten Haftraum von 26 Federal Plaza stieg die Zahl der Inhaftierten Anfang Juni 2025 innerhalb von vier Tagen von ungefähr acht auf mehr als 80. Anfang Juli waren dort zeitweise rund 86 Menschen gleichzeitig eingesperrt.
Der quadratische Raum misst ungefähr 30 Fuss pro Seite, umgerechnet rund 84 Quadratmeter. Bei voller Belegung blieb damit für jede Person weniger als ein Quadratmeter – ungefähr die Grundfläche einer altmodischen Telefonkabine. Zum Vergleich: Das Antifolterkomitee des Europarats sieht für Gemeinschaftszellen in Gefängnissen mindestens vier Quadratmeter nutzbare Fläche pro Person vor.
Aus zwölf Stunden werden neun Tage
Menschen mussten im Sitzen schlafen, weil nicht genügend Platz vorhanden war, um sich hinzulegen. Ehemalige Inhaftierte berichteten von Schweiss-, Urin- und Fäkalgeruch. Als Decken erhielten sie dünne Rettungsdecken aus Folie. Ein Mann aus Venezuela gab vor Gericht an, er habe neun Tage mit mehr als 70 anderen Männern in dem Raum verbracht.
Ein ICE-Verantwortlicher räumte in einer Befragung ein, die Räume seien zwar «nicht ganz so voll wie ein U-Bahn-Wagen» gewesen, aber deutlich stärker belegt als erwünscht. Die ausführlichen Aussagen aus dem Verfahren wurden im Mai von Courthouse News dokumentiert.
Eigentlich waren solche Räume nur für eine sehr kurze Unterbringung vorgesehen. Eine ICE-Richtlinie legte fest, dass Menschen dort ausser unter aussergewöhnlichen Umständen höchstens zwölf Stunden bleiben sollten.
Deportationskampagne verknappt Raum
Am 24. Juni 2025 lockerte die Behörde diese Vorgabe. Ein landesweiter ICE-Vermerk erlaubte nun Aufenthalte von bis zu 72 Stunden. Als Gründe nannte die Behörde unter anderem fehlende Transportmöglichkeiten und zu wenig Platz in regulären Haftzentren.
Aber selbst die neue Grenze wurde in New York überschritten. Im Juni und Juli 2025 verbrachten mehr als 60 Menschen über eine Woche im Gebäude. Ein Mann aus Paraguay berichtete, teilweise hätten Menschen im Toilettenbereich geschlafen.
Die Entwicklung fiel mit der massiven Verschärfung der US-Abschiebepolitik zusammen. Donald Trump hatte die grösste Deportationskampagne der amerikanischen Geschichte angekündigt.
Im Mai 2025 forderten sein damaliger stellvertretender Stabschef Stephen Miller und Heimatschutzministerin Kristi Noem bis zu 3000 ICE-Festnahmen pro Tag. Zuvor waren es während der ersten Monate von Trumps zweiter Amtszeit ungefähr 650 täglich gewesen, wie die Nachrichtenagentur AP berichtete.
«Cardiac lady» und «Covid man»
Brisant sind die internen Nachrichten zur medizinischen Versorgung. Obwohl sich unter den Inhaftierten Menschen mit Herzerkrankungen, Diabetes, Demenz und psychischen Erkrankungen befanden, gab es im New Yorker Gebäude keine medizinische Rund-um-die-Uhr-Betreuung.
In Textnachrichten bezeichneten Mitarbeitende Erkrankte teilweise mit Übernamen wie «Covid man» oder «cardiac lady». Bei einer Frau mit Herzproblemen fehlten offenbar notwendige Medikamente. Eine andere Person wurde auf dem Boden gefunden und zeigte möglicherweise eine schwere Panikreaktion.
Mehrere ehemalige Inhaftierte sagten aus, ihre Bitten um medizinische Hilfe seien ignoriert worden. Der Psychiater J. Wesley Boyd von der Harvard Medical School warnte gegenüber der «Washington Post», eine derart extreme räumliche Enge könne Angstzustände, Klaustrophobie und langfristige psychische Traumata auslösen.
In Gerichtsverfahren argumentierten Regierungsanwält*innen, die vorübergehenden Hafträume seien nötig, weil nicht genügend reguläre Haftplätze vorhanden seien. Inhaftierte erhielten zwei bis drei Mahlzeiten täglich sowie Folien- oder Baumwolldecken.
Gericht greift ein
Im August 2025 griff ein Bundesrichter ein. Er begrenzte die Gesamtbelegung der vier Räume in 26 Federal Plaza auf 22 Personen. Für jede inhaftierte Person müssten mindestens 50 Quadratfuss, rund 4,6 Quadratmeter, zur Verfügung stehen.
Zudem ordnete das Gericht saubere Schlafmatten, regelmässige Reinigung und besseren Zugang zu vertraulichen Gesprächen mit Anwält*innen an. Es bestehe eine ernsthafte Gefahr weiterer nicht wiedergutzumachender Folgeschäden für die Inhaftierten, stellte der Richter fest.
Die Anordnung begrenzte die Überbelegung in diesen Räumen, löste das grundsätzliche Problem jedoch nicht. ICE nahm weiterhin Menschen im Zusammenhang mit Terminen am Einwanderungsgericht fest. Viele von ihnen waren zu ihren Anhörungen erschienen und befanden sich in laufenden Asyl- oder Aufenthaltsverfahren.
In einem separaten Fall kritisierte ein Bundesrichter diese Praxis scharf. Die Teilnahme an einer Gerichtsverhandlung dürfe nicht zu einer Art «Haftlotterie» werden, hielt er in seinem Entscheid zur Freilassung eines Asylsuchenden fest.
Zu wenig Nahrung und Hygieneartikel
Ob sich die Haftbedingungen inzwischen dauerhaft verbessert haben, ist unklar. Im Februar 2026 berichteten Anwält*innen weiterhin von zu wenig Nahrung und Hygieneartikeln sowie fehlenden vertraulichen Telefonaten.
Zudem hielt ICE Menschen auch in Räumen fest, die nach Auffassung der Behörde nicht unter die gerichtlichen Vorgaben fielen. Der Richter warf ICE vor, die Aufklärung des Falls zu verschleppen.
Erst im Mai 2026 untersagte ein Bundesgericht ICE vorläufig, Menschen an den drei Einwanderungsgerichten Manhattans ohne besondere Voraussetzungen festzunehmen. Die Anordnung gilt nur für diese Gerichtsstandorte und lässt Ausnahmen zu. Landesweit nimmt ICE weiterhin Menschen bei Behördenterminen und im Verlauf laufender Einwanderungsverfahren fest.
Zustände, die Washington anderswo kritisiert
Überfüllte Räume, offene Toiletten und fehlende medizinische Hilfe erinnern an Haftbedingungen, die das US-Aussenministerium regelmässig in anderen Ländern anprangert. Im Menschenrechtsbericht zu Venezuela kritisierte es unter anderem massive Überbelegung, unhygienische Verhältnisse und eine unzureichende Gesundheitsversorgung in Gefängnissen.
ICE-Beamte setzen bei einem Einsatz Pfefferspray ein. (Archivbild)
sda
Auch die Haftbedingungen in El Salvador bezeichnete das US-Aussenministerium im Bericht für 2023 als hart und teilweise lebensgefährlich. Genannt wurden starke Überbelegung, unzureichende sanitäre Bedingungen sowie ein Mangel an Wasser, Nahrung und medizinischer Versorgung.
Die Berichte entstanden noch unter der Biden-Regierung. Unter Donald Trump liessen die USA später Hunderte Migrant*innen nach El Salvador abschieben und dort im Hochsicherheitsgefängnis Cecot festhalten. Human Rights Watch und Cristosal dokumentierten Misshandlungen und fehlenden Zugang zu angemessener medizinischer Betreuung.
Die Fälle sind natürlich nicht unmittelbar gleichzusetzen. In Venezuela und El Salvador werden zusätzlich Folter, politische Verfolgung und systematische Gewalt dokumentiert.
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