Darum geht’s
- Die «Cockroach Janta Party» (CJP) ist eine junge Protestbewegung in Indien. Entstanden als Satire, mobilisiert sie heute Millionen Menschen online und auf der Strasse.
- Auslöser war ein umstrittener Kommentar eines Richters, der arbeitslose Jugendliche als «Kakerlaken» bezeichnete. Die Bewegung kritisiert vor allem Jugendarbeitslosigkeit und das Bildungssystem.
- Auftrieb erhielt die CJP durch einen Skandal um Aufnahmeprüfungen, nachdem Prüfungsfragen vorab geleakt worden waren. Viele junge Menschen sehen darin ein Symbol für ein marodes System.
Was ist die Cockroach-Bewegung?
Die «Cockroach Janta Party» (CJP) ist eine politische Jugendbewegung in Indien. Sie wurde am 16. Mai vom 30-jährigen Abhijeet Dipke gegründet – ursprünglich als Witz. Doch schnell wurde daraus eine ernstzunehmende Protestgruppe. Auf Instagram hat der offizielle Account inzwischen (Stand 24. Juli) 25.9 Millionen Follower.
«Cockroach Janta Party» bedeutet übersetzt ungefähr «Kakerlaken-Volkspartei» – als Parodie auf die rechtskonservative und hindu-nationalistische Partei des indischen Premierministers Narendra Modi: «Bharatiya Janta Party», also «Indische Volkspartei». Zum Vergleich: Diese wurde 1980 gegründet, ist die stärkste Partei des Landes und hat 9.4 Millionen Follower auf Instagram.
Die Mitgliedschaftskrieterien für die «Cockroach Janta Party» wurden in satirischer Form formuliert: Beitreten kann, wer sich selbst als faul, arbeitslos, chronisch online und diskussionsfreudig sieht.
Religion, Kaste oder Gender spielen hingegen keine Rolle.
Wie ist die Bewegung entstanden?
Unzufrieden sind viele junge Inder*innen schon lange mit den Zuständen und den schlechten Zukunftsaussichten in ihrem Land. Auslöser und Namensgeber für die CJP waren die Aussagen des Obersten Richters Surya Kant, der in einer Anhörung junge, arbeitslose Inder*innen als «Kakerlaken» und «Parasiten» bezeichnete: «Es gibt junge Leute, die wie Kakerlaken sind. Sie finden keine Anstellung und keinen Platz in einem Beruf.»
Später ruderte er zurück und sagte, er habe nur über junge Arbeitslose gesprochen, die ihren Abschluss gefälscht hätten. Doch seine Aussagen blieben hängen. Zumal die Arbeitslosigkeit bei jungen Inder*innen ein riesiges Problem ist.
Indien ist das bevölkerungsreichste Land der Welt und hat eine sehr junge Gesellschaft: Rund 65 Prozent der etwa 1,5 Milliarden Einwohnenden sind unter 35 Jahre alt, das Medianalter im Land liegt bei 29 Jahren.
Die Arbeitslosenquote betrug 2025 insgesamt 3,1 Prozent, war jedoch bei den 15- bis 29-Jährigen mit 9,9 Prozent deutlich höher. Bei den Akademiker*innen unter 25 Jahren liege sie sogar bei 40 Prozent. Die Quote wäre noch höher, wenn nicht so viele Inder*innen Jobs annehmen würden, für die sie überqualifiziert sind.
Was fordern die «Kakerlaken»?
Die CJP protestiert vor allem gegen Mängel im indischen Bildungssystem und für bessere Zukunftschancen für junge Inder*innen. Ein Auslöser für deren Frust ist ein Skandal um die Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium, den sogenannten «National Eligibility cum Entrance Test» (NEET).
Viele bereiten sich monate- oder sogar jahrelang auf die schwierige Prüfung vor, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Familien geben ihre gesamten Ersparnisse aus und verschulden sich hoch, um ihre Kinder darauf vorzubereiten. Laut der britischen Zeitung «The Guardian» wird in Indien mehr Geld für private Nachhilfestunden ausgegeben als das gesamte Hochschulbudget der Regierung.
Fast 2,3 Millionen junge Menschen legten die Prüfung im Mai ab. Wenige Tage später wurde sie jedoch für ungültig erklärt. Eine staatliche Untersuchung ergab, dass die Prüfungsfragen davor durchgesickert waren. Die Fragen sollen für viel Geld an Studierende verkauft worden sein.
Wochen später mussten die Anwärter*innen die Prüfung wiederholen – ein schwerer Schlag für viele. Medienberichten zufolge soll die psychische Belastung für einige junge Inder*innen so schwer gewesen sein, dass sie Suizid begingen.
Der Regierung von Narendra Modi wird vorgeworfen, keine Verantwortung für das Debakel zu übernehmen. Die Protestierenden fordern die Aufarbeitung des Falls und den Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan.
Für viele Angehörige der Gen Z und der Millennials in Indien hat die CJP zudem einer weiterreichenden Unzufriedenheit Ausdruck verliehen – über ein Bildungssystem in der Krise und einen Arbeitsmarkt, der sie systematisch im Stich lässt. «In einem System, das einem Abwasserkanal ähnelt, lernen sogar Kakerlaken zu überleben», heisst es in einem KI-generierten Video der Protestbewegung.
Wie geht die Bewegung vor?
Anfang Juni fand die erste Demonstration in Delhi statt. Auch in anderen indischen Städten gingen Menschen auf die Strasse. Seither folgten mehrere Proteste mit zehntausenden Teilnehmenden. Viele Kundgebungen in Delhi finden auf dem Platz bei der Sternwarte Jantar Mantar statt, weshalb sie teilweise auch als Jantar-Mantar-Proteste bezeichnet werden. Einige Demonstrierende campieren sogar dort.
Die «Kakerlaken» betonen immer wieder, dass sie friedlich protestieren wollen. Sie singen Lieder, halten Plakate in die Höhe und verkünden ihre Forderungen.
Auch viele ältere Menschen solidarisieren sich mit den jungen Protestierenden. So trat der bekannte indische Ingenieur, Erfinder und Umweltschützer Sonam Wangchuk (59) ab Ende Juni in einen 26 Tage dauernden öffentlichen Hungerstreik, um die Proteste zu unterstützen.
Auch in anderen Ländern wie England oder Deutschland kam es vor den indischen Botschaften zu solidarischen Protestkundgebungen.
Wie reagiert die Regierung?
Lange versuchte die Regierung um Narendra Modi, die Proteste zu ignorieren. Als Demonstrierende am Montag zum Parlamentsgebäude marschieren wollten, ging die Polizei mit Tränengas und Schlagstöcken gegen sie vor. Es gab zahlreiche Verletzete. CJP-Gründer Abhijeet Dipke nannte die Reaktion der Polizei «absolut brutal».
Am Freitag beendete Sonam Wangchuk offiziell seinen Hungerstreik. Laut einem Instagram-Post habe ihm die Regierung zugesichert, dass die «Frage der Verantwortlichkeit im maroden Prüfungssystem» im indischen Parlament debattiert werden würde. Ausserdem sei ihm versprochen worden, dass die Angehörigen derjenigen jungen Menschen, die im Zusammenhang mit den NEET-Prüfungen Suizid begangen hatten, angemessen entschädigt würden. Auch solle gegen die friedlich protestierenden Jugendlichen der CJP kein Strafverfahren eingeleitet werden.
Am Donnerstag hatte sich Narendra Modi nun zum ersten Mal öffentlich zu den Protesten geäussert. Auf der Plattform X schrieb er: «Nichts ist wichtiger als das Wohlergehen und die Zukunft unserer Jugend! Wir haben beschlossen, Schnellverfahren einzuführen, um eine rasche und konsequente Bestrafung derjenigen zu gewährleisten, die in die Weitergabe von Prüfungsunterlagen verwickelt sind.»
Bildungsminister Dharmendra Pradhan ist noch immer im Amt. Vertreter*innen der CJP verkündeten, dass die Proteste weitergehen, bis er seines Amtes enthoben wird.
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