Wenn der Fitnessring plötzlich Alarm schlägt – und recht hat


Fachleute mahnen zur Vorsicht

Oura-Ringträgerinnen berichten, dass der Smart-Ring schon im sehr frühen Stadium eine Schwangerschaft erkennt.

KEYSTONE

Kann ein Fitnessring eine Schwangerschaft erkennen, noch bevor ein Test positiv ausfällt? In sozialen Medien berichten zahlreiche Nutzerinnen von genau diesem Phänomen. Wissenschaftlich ist bislang jedoch nicht ausreichend belegt, wie zuverlässig solche Hinweise tatsächlich sind.

Carlotta Henggeler

Darum geht’s

  • Fitnessringe wie der Oura Ring können Veränderungen bei Körpertemperatur, Herzfrequenz und Herzfrequenzvariabilität erfassen. Manche Nutzerinnen berichten, dass diese Daten schon vor einem positiven Test auf eine Schwangerschaft hingewiesen hätten.
  • Wissenschaftlich ist bisher nicht ausreichend belegt, wie zuverlässig Wearables eine Schwangerschaft oder Fehlgeburt erkennen können. Fachleute warnen deshalb davor, die Messwerte als Diagnose zu verstehen.
  • Die ständige Kontrolle der Gesundheitsdaten kann Unsicherheit und psychischen Druck verstärken. Hersteller und Ärzte empfehlen, Wearables nur unterstützend zu nutzen und ärztliche Abklärungen nicht zu ersetzen.
Zusammenfassung erstellt mitmyAi

Ihr Fitnessring schlug Alarm – obwohl Ravika sich kerngesund fühlte. Während den Geburtstagsferien mit ihrem Mann zeigte ihr Oura-Ring plötzlich einen schlechten Gesundheits-Score an. Herzfrequenz und Körpertemperatur waren erhöht, gleichzeitig war die Herzfrequenzvariabilität gesunken. Für die 34-jährige Engländerin gab es dafür zunächst keine Erklärung, berichtet die «BBC».

Als sich die Werte auch nach einer Woche nicht normalisierten, googelte die Juristin im Netz nach Antworten. Dort stiess sie auf zahlreiche Frauen, die auf Social Media berichteten, ihre Fitness-Tracker hätten anhand von Körperdaten schon Hinweise auf eine Schwangerschaft geliefert. Und zwar bevor ein Test positiv ausfiel.

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Wenig später machte Ravika selbst einen Schwangerschaftstest – mit positivem Ergebnis.

Auffällige Messwerte sorgen für Verunsicherung

Kurze Zeit später bekam Ravika Unterleibskrämpfe. Gleichzeitig meldete ihr Fitnessring, ihr Körper stehe unter erheblicher Belastung. Sie suchte daraufhin eine Ärztin auf. Dort hiess es, sie solle zehn Tage später zu weiteren Untersuchungen zurückkehren. Erst dann könne festgestellt werden, ob sich die Schwangerschaft normal entwickelt.

Der Oura Ring misst unter anderem Schlaf, Herzfrequenz, Herzfrequenzvariabilität, Körpertemperatur, Aktivität und Erholung. Die Daten werden über die Oura-App ausgewertet und liefern Einblicke in die eigene Gesundheit.

Der Oura Ring misst unter anderem Schlaf, Herzfrequenz, Herzfrequenzvariabilität, Körpertemperatur, Aktivität und Erholung. Die Daten werden über die Oura-App ausgewertet und liefern Einblicke in die eigene Gesundheit.

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Während dieser Zeit kontrollierte sie die Gesundheitsdaten der App ständig. Nachts wachte sie regelmässig auf, um die Entwicklung ihrer Körpertemperatur und anderer Messwerte zu überprüfen. Rückblickend beschreibt sie dieses Verhalten als eine Art Besessenheit. In dieser ungewissen Situation hätten sich die Daten für sie wie eine Frage von Leben und Tod angefühlt.

Immer mehr Berichte von frühen Hinweisen

Normalerweise gilt das Ausbleiben der Menstruation als erstes Anzeichen einer Schwangerschaft. Erst dann liefern die meisten Schwangerschaftstests ein zuverlässiges Ergebnis. Einige Frauen berichten jedoch in sozialen Netzwerken und Online-Foren, dass ihre Fitness-Tracker bereits früher Veränderungen registriert hätten.

Fitness-Tracker und Smartwatches sind auch in der Schweiz weit verbreitet. Während Fitness-Tracker vor allem Gesundheits- und Aktivitätsdaten erfassen, bieten Smartwatches zusätzlich Funktionen wie Telefonie, Nachrichten oder Apps. Laut Statista nutzten 2022 rund 1,2 Millionen Menschen eine Smartwatch, weitere 340’000 einen Fitness-Tracker. Hinzu kommen Smart Rings wie der Oura Ring, die unauffällig am Finger getragen werden und unter anderem Herzfrequenz, Körpertemperatur und Schlaf überwachen.

Körpertemperatur liefert wichtige Hinweise

Eine der frühesten körperlichen Veränderungen während einer Schwangerschaft betrifft die Körpertemperatur. Nach dem Eisprung bleibt sie zunächst erhöht und sinkt normalerweise kurz vor der Menstruation wieder ab. Kommt es zu einer Schwangerschaft, bleibt sie meist weiterhin erhöht.

Fitness-Tracker mit Temperatursensor können diese Veränderung registrieren. Deshalb werden sie zunehmend auch von Frauen genutzt, die gezielt versuchen, schwanger zu werden.

Bei ihrer Recherche stiess Ravika auch auf Beiträge von Frauen, die überzeugt sind, ihr Oura Ring habe nicht nur ihre Schwangerschaft, sondern später auch eine Fehlgeburt durch auffällige Belastungswarnungen angekündigt.

Zu ihnen gehört die 32-jährige Sofia. Sie erlitt zwei Fehlgeburten, bevor sie schliesslich erfolgreich schwanger wurde und heute einen fünf Monate alten Sohn hat, berichtet «BBC» weiter.

Nach ihren Schilderungen bemerkte sie bei den ersten beiden Schwangerschaften jeweils einen plötzlichen Temperaturabfall in den Daten ihres Rings, noch bevor die Fehlgeburt bestätigt wurde. Während ihrer dritten Schwangerschaft erhielt sie erneut eine Warnmeldung wegen erhöhter Belastung und stellte gleichzeitig eine anhaltend erhöhte Körpertemperatur fest. Ein Schwangerschaftstest fiel daraufhin positiv aus.

Obwohl diese Schwangerschaft komplikationslos verlief, kontrollierte Sofia ihre Messwerte beinahe täglich. Erst nach sieben bis acht Wochen legte sie den Ring bewusst ab, um ihre Sorgen nicht weiter zu verstärken.

Zu viele Daten, zu viel Stress

Reproduktionsmediziner Stuart Lavery vom University College Hospital in London kann nachvollziehen, weshalb viele Menschen solche Technologien nutzen. Wer sich ein Kind wünsche, wolle möglichst früh Gewissheit haben, sagte er gegenüber der «BBC».

Gleichzeitig warnt er davor, die Daten zu überschätzen. Es fehle bislang an ausreichend wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Zuverlässigkeit solcher Messungen. Ohne belastbare Daten bestehe die Gefahr, dass die Unsicherheit und der psychische Druck unnötig zunehmen.

Er geht davon aus, dass Wearables künftig noch häufiger eingesetzt werden, betont aber, sie sollten nicht als verlässliches Diagnoseinstrument verstanden werden.

Auch Oura weist darauf hin, dass die gemessenen Daten lediglich unterstützend genutzt werden sollten. Schwangerschaften seien unabhängig von Wearables oft von Unsicherheit geprägt – insbesondere beim ersten Kind. Das Unternehmen empfiehlt Nutzerinnen, bei Überforderung die App zeitweise nicht mehr aktiv zu verwenden. Der Ring könne weiterhin Daten sammeln, solle aber keine ärztliche Betreuung ersetzen.

Für Ravika nahm die Geschichte ein trauriges Ende: Sie erlitt eine Fehlgeburt. Die 34-Jährige möchte künftig erneut versuchen, schwanger zu werden. Ob sie ihren Fitnessring dann wieder trägt, weiss sie allerdings noch nicht. Nach ihrer Erfahrung können Gesundheitsdaten zusätzlichen Stress verursachen. Sollte sie erneut schwanger werden, würde sie den Ring deshalb wohl ablegen.


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