Darum geht’s
- Der Zürcher Modeunternehmer Sebastian Lanz verrät, warum er seinen Kundinnen und Kunden am liebsten sagen würde: «Kauft nichts.»
- Der Rrrevolve-Gründer erklärt, weshalb Fast Fashion in Wahrheit viel zu billig ist – und wer den Preis dafür bezahlt.
- Lanz spricht über Greenwashing, den Einbruch des Nachhaltigkeitsbooms nach dem Überfall von Russland auf die Ukraine und warum Ultra-Fast-Fashion verboten werden sollte.
- Und er erzählt, weshalb er sich in weiten Hosen wie ein Clown fühlt und sein Lieblingshemd seit über 20 Jahren trägt.
Sebastian Lanz, wir machen heute ein Frage-Antwort-Spiel. Ich stelle dir in den nächsten 30 Minuten möglichst viele Fragen. Und du antwortest bitte möglichst kurz und schnell. Wenn dir eine Frage nicht passt, kannst du auch einmal «weiter» sagen. Bern oder Zürich?
Zürich ist meine Heimat, hier bin ich geboren und fühle mich bis heute unglaublich wohl
Rot oder blau?
Blau ist seit meiner Kindheit meine Lieblingsfarbe.
Baumwolle oder Leine?
Leine – bei Hitze sowieso.
Leinen knittert schrecklich.
Stimmt. Aber ich sehe sowieso meistens etwas verknittert aus. Von daher passt das gut (lacht).
Wie viele Kleidungsstücke besitzt du – und wie viele Schuhe?
Ich werfe nur ungern Dinge weg. Schätzungsweise besitze ich 100 Kleidungsstücke und 15 Paar Schuhe. Zehn davon sind uralt – ich trage sie nur noch, wenn ich im Garten arbeite.
Wieso brauchst du zehn Paar Gartenschuhe?
Brauchen tue ich sie nicht. Aber wie gesagt: Ich kann mich schlecht von Sachen trennen.
Gibt es ein Kleidungsstück, das du seit Jahren trägst und niemals ersetzen würdest?
Ich habe einige Kleidungsstücke, die ich seit über 20 Jahren trage. Besonders ans Herz gewachsen ist mir ein altes Arbeiterjäckli – heute würde man dazu Overshirt sagen. Es ist zwar voller Farbflecken, aber ich finde immer wieder Gelegenheiten, es anzuziehen.
Geht es um nachhaltige Mode, wird oft empfohlen, die Garderobe auf wenige essenzielle Kleidungsstücke zu reduzieren.
Ich gebe zu: So weit bin ich noch nicht. Die Kleidungsstücke, die ich wirklich trage, sind zwar überschaubar. Aber ich habe noch einige alte Sachen im Schrank, von denen ich mich endlich trennen sollte.
Zum Autor: Bruno Bötschi
blue News-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland. Er stellt ihnen ganz viele Fragen – immer direkt, oft lustig und manchmal auch tiefsinnig. Dabei bleibt bis zur allerletzten Frage immer offen, wo das rasante Pingpong hinführt.
Als Gründer und Geschäftsführer von Rrrevolve verdienst du Geld mit nachhaltiger und fair produzierter Mode und plädierst gleichzeitig für weniger Konsum. Wie gehst du mit diesem Widerspruch um?
Das ist tatsächlich unser grösster Widerspruch. Eigentlich müsste ich den Menschen sagen: Kauft nichts. Gleichzeitig leben wir davon, Kleider zu verkaufen.
Wie löst du den Widerspruch auf?
Ich sage immer: Wenn du etwas kaufst, dann lieber bei uns als in einem konventionellen Modegeschäft. Trotzdem gilt auch für uns: Buy responsibly – kauf verantwortungsbewusst. Kauf lieber ein Kleidungsstück weniger, dafür eines in guter Qualität.
Passiert es manchmal, dass ihr zu einer Kundin im Laden sagt: «Kauf lieber nichts, dein Kleiderschrank ist schon zu voll.»?
Nein, das machen wir nicht (lacht).
Wo ziehst du persönlich die Grenze zwischen bewusstem Konsum und Überkonsum?
Solange ich ein Kleidungsstück immer wieder trage und langfristig nutze, ist es für mich bewusster Konsum. Ich würde nie einen Anzug nur für eine Hochzeit kaufen und ihn danach nie mehr anziehen. Das ist für mich Wegwerfmentalität.
Wäre es aus deiner Sicht ein Erfolg, wenn deine Kund*innen am Ende weniger bei euch einkaufen würden?
Das ist eine fiese Frage (lacht). Aber du hast natürlich recht, eigentlich müsste das unser Ziel sein. Sagen wir es so: Unsere Kundinnen und Kunden sollten nicht einfach weniger bei uns einkaufen, sondern generell weniger konsumieren. Und wenn sie etwas kaufen, dann am liebsten bei uns.
Wie misst du den Erfolg von Rrrevolve – am Umsatz oder daran, wie nachhaltig sich das Konsumverhalten deiner Kundschaft verändert?
Als Unternehmen sind auch wir den wirtschaftlichen Zwängen unterworfen. Umsatz und Marge müssen stimmen, damit wir die Löhne unserer Mitarbeitenden bezahlen können. Als Erfolg sehe ich aber auch den Einfluss, den wir in den letzten 15 Jahren auf die Branche hatten. Kürzlich sagten mir Personen, die bei den beiden grossen Modehäusern Modissa und PKZ gearbeitet haben, dass uns beide Firmen als Nachhaltigkeits-Vorbild sehen und genau beobachten würden, was wir machen. Das ist für mich ein riesiges Kompliment – und ein Erfolg, der genauso viel zählt wie der Umsatz.
Wann warst du selbst zuletzt inkonsequent und hast etwas gekauft, das du im Nachhinein bereut hast?
Das war bei uns im Laden. Ich wollte den aktuellen Trend mit den richtig weiten Hosen mitmachen. Schnell merkte ich aber: Das bin einfach nicht ich. Bei jungen Leuten sieht das super aus, ich komme mir darin wie ein Clown vor. Die Hosen sind inzwischen schon in unserem eigenen Secondhand-Laden in Bern gelandet.
Die zwei grössten Vorurteile gegenüber nachhaltiger Mode sind: Sie ist teuer und sieht nach Öko aus. Was entgegnest du?
Genau deshalb habe ich Rrrevolve vor 16 Jahren gegründet. Ich fand: Bewusst konsumieren darf nicht heissen, wie ein Öko auszusehen. Deshalb verkauften wir von Anfang an Kleidung, die diesem Klischee widerspricht. Niemand sieht unseren Kleidungsstücken an, dass sie fair produziert wurden – unser modischer Anspruch ist genauso hoch wie in jedem anderen Modegeschäft.
Und wie entkräftest du den Vorwurf mit den hohen Preisen?
Es stimmt, wir sind teurer als H&M oder Zara. Mit dem höheren Preis bezahlt man dafür, dass weder die Natur noch die Menschen in der Lieferkette darunter leiden. Ausserdem rechtfertigt auch die Qualität den Preis.
«Ich sehe sowieso meistens etwas verknittert aus. Von daher passt Leinen gut zu mir»: Sebastian Lanz.
zVg
Gehen Nachhaltigkeit und Mode überhaupt zusammen? Oder anders gefragt: Ist es überhaupt möglich, moralisch richtig zu handeln und gleichzeitig modisch zu sein?
Ich glaube, es ist immer eine Annäherung. Nichts ist nur schwarz oder weiss. Wir sind keine Moralapostel, sondern bieten Menschen eine Alternative. Mode ist aber auch immer Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Deshalb sollte sich ein Mensch auch einmal etwas Besonderes gönnen – und Mode ohne schlechtes Gewissen einfach geniessen können.
Ist nachhaltige Mode heute tatsächlich zu teuer – oder ist Fast Fashion zu billig?
Fast Fashion ist ganz klar zu billig. Die wahren Kosten sind im Preis schlicht nicht eingerechnet. Stattdessen bezahlt die Gesellschaft dafür – mit Umweltverschmutzung und schlechten Arbeitsbedingungen. Nachhaltige Mode kostet mehr, weil diese Kosten nicht einfach auf Mensch und Natur abgewälzt werden.
Wenn Konsumverzicht am umweltfreundlichsten wäre: Was wäre dann das Zweitbeste, was Konsument*innen tun könnten?
Bewusst konsumieren. Ich frage mich bei jedem Kauf: Brauche ich das wirklich? Und was steckt dahinter? Jeder Kassenbon ist auch ein Abstimmungszettel. Mit jedem Kauf entscheide ich, wen ich unterstütze. Mit jedem Kauf entscheide ich, wohin mein Geld fliesst – in einen Grosskonzern oder in einen kleinen, lokalen Laden mit fairen Arbeitsbedingungen und sauberen Lieferketten. Diese Macht sollten wir Konsumentinnen und Konsumenten unbedingt noch viel mehr nutzen.
Bald jede Modemarke wirbt heute mit Nachhaltigkeit. Was macht ihr bei Rrrevolve tatsächlich anders?
Wir bieten einen Service, bei dem die Suche und Prüf-Arbeit bereits erledigt ist. Unsere Kundinnen und Kunden können darauf vertrauen, dass jedes Kleidungsstück in unseren Läden und im Onlineshop nach strengen Kriterien geprüft wurde. Sie müssen nicht jedes Etikett lesen oder jedes Material einzeln überprüfen. Das übernehmen wir.
Wo stösst auch euer Konzept an Grenzen? Oder anders gefragt: Gibt es Bereiche, in denen ihr noch nicht komplett nachhaltig seid?
Bei normaler Kleidung sind wir gut aufgestellt. Schwieriger wird es bei Funktionskleidung. Sie besteht meist aus recyceltem Polyester. Ich halte Polyester grundsätzlich nicht für eine nachhaltige Lösung. Eine PET-Flasche kann immer wieder zu einer PET-Flasche recycelt werden. Wird daraus aber Garn für ein Kleidungsstück hergestellt, endet der Kreislauf – am Schluss wird es zu Abfall. Recycelter Polyester ist im Moment zwar die nachhaltigste verfügbare Variante, langfristig brauchen wir aber dringend eine bessere Lösung.
Und das alles wird dann in China verarbeitet?
Bei Funktionskleidung grösstenteils schon, weil das PET-Recycling heute überwiegend in China stattfindet. Selbst PET-Flaschen aus Europa werden dorthin transportiert, zu Garn verarbeitet und anschliessend wieder nach Europa zurückgeschickt.
Wie stellt ihr sicher, dass alle Marken, mit denen ihr arbeitet, nachhaltig sind?
Wir haben strenge Kriterien und prüfen jede Marke, bevor wir sie ins Sortiment aufnehmen.
Geht ihr auch selbst in den Fabriken vorbei?
Nein. Wir setzen auf unabhängige Drittzertifizierungen. Diese Organisationen führen auch unangemeldete Kontrollen durch, prüfen Unterlagen und sprechen mit den Mitarbeitenden. Das könnten wir selbst gar nicht leisten.
2019 hast du den Espadrilles-Brand Toms aus dem Sortiment genommen, weil er euren Nachhaltigkeitskriterien nicht mehr genügte. Wie häufig musst du solche Entscheidungen treffen?
Zum Glück passiert das nicht regelmässig. Bei Toms war es so, dass die Marke viel versprochen, sich dann aber in eine andere Richtung entwickelt hat. Kürzlich hatten wir einen ähnlichen Fall mit einer französischen Herrenmodemarke. Auf dem Papier klang vieles grossartig, am Ende genügte das Unternehmen unseren Ansprüchen aber nicht. Deshalb haben wir die Zusammenarbeit beendet und das auch offen kommuniziert.
Wo versagt die Modebranche deiner Meinung nach aktuell am meisten?
Die Überproduktion ist das grösste Problem. Kleidung braucht Vorlauf: Farben, Schnitte und Mengen müssen lange im Voraus geplant werden. Niemand weiss aber genau, wie viel davon später tatsächlich verkauft wird. Deshalb wird oft zu viel produziert. Hier braucht es dringend bessere Lösungen – etwa kleinere Produktionen, mehr lokale Herstellung oder Produktion auf Nachfrage. Das Wichtigste bleibt aber die Qualität. Wenn schon viel produziert wird, dann wenigstens so, dass die Kleidung lange hält. Stattdessen wird heute immer öfter Wegwerfmode hergestellt.
Du sprichst jetzt von Fast Fashion, oder?
Ja, wobei Ultra-Fast-Fashion noch extremer ist. Der bekannteste Anbieter ist Shein aus China. Dort kostet eine Jeans oft weniger als zehn Franken. Solche Kleidung wird schnell zum Wegwerfprodukt: Sie wird oft nur einmal getragen und landet danach Abfall.
«Wer nur auf Nachhaltigkeit setzt, hat verloren», sagtest du Ende 2025 gegenüber dem Konsumentenmagazin «Beobachter».
Ab 2018, als die Klimajugend und Fridays for Future aufkamen, ritten wir von Rrrevolve jahrelang auf einer Erfolgswelle. Damals haben wir gemerkt: Jetzt bewegt sich etwas, die Menschen werden sich des Problems bewusst.
Die Welle endete am 24. Februar 2022 mit dem russischen Überfall auf die Ukraine. Plötzlich dominierten Themen wie Sicherheit, Aufrüstung und steigende Lebenshaltungskosten. Nachhaltigkeit rückte in den Hintergrund. In unsicheren Zeiten halten die Menschen ihr Geld zusammen.
Nachhaltigkeit allein ist heute kein Marketingargument mehr. Inzwischen wirbt jede Versicherung und jede Bank damit. Deshalb muss man konkreter werden und erklären, was ein Kleidungsstück tatsächlich besser macht. Die Menschen wollen sich zwar verändern, aber nicht belehrt werden.
Was heisst das konkret?
Wir verkaufen heute das gleiche Produkt wie früher. Nur reden wir nicht mehr zuerst über Nachhaltigkeit, sondern über das Produkt. Ob jemand wegen des zeitlosen Designs oder der Nachhaltigkeit kauft, spielt für uns keine Rolle.
Aber ist zeitlos nicht langweilig?
Zeitlos muss nicht langweilig sein. Es gibt viele zeitlose Kleidungsstücke, die wunderschön sind. Wir sprechen von «Sprinkles on the cake» – «Streuseln auf dem Kuchen»: Modische Highlights kombiniert man mit zeitlosen Basics. So bleibt der Stil spannend.
Fair Fashion ist nach wie vor ein Nischenprodukt. Was braucht es, damit fair produzierte Mode endlich den Durchbruch schafft?
Die Nachfrage lässt sich nicht erzwingen. Umso wichtiger ist es, dass die Ultra-Fast-Fashion stärker reguliert wird. Meiner Meinung nach braucht es klare Vorgaben, welche Produkte in der Schweiz überhaupt verkauft werden dürfen.
Sollte Ultra-Fast-Fashion verboten werden?
Kleider, die praktisch für den Abfall produziert werden, sollten in der Schweiz nicht auf den Markt kommen dürfen. So wie Einwegplastiksäckchen reguliert oder verboten wurden, braucht es auch für die Modebranche endlich strengere Gesetze.
Wer trägt aus deiner Sicht die grössere Verantwortung: die Modekonzerne oder wir Konsumentinnen und Konsumenten?
Für mich ganz klar die Modekonzerne. Zu sagen, die Nachfrage sei halt so, ist keine wirkliche Begründung, sondern eine billige Ausrede. Man kann den Konsumentinnen und Konsumenten nicht die ganze Verantwortung übertragen. Nicht alle haben die Zeit oder die Möglichkeiten, sich umfassend zu informieren. Deshalb stehen für mich die Unternehmen in der Verantwortung.
Die verstorbene britische Designerin Vivienne Westwood sagte einmal: «Weniger kaufen, gut auswählen, lange nutzen.»
Besser kann ich es nicht zusammenfassen. Das ist auch meine Devise.
Zum Schluss gehen wir noch vier Mode-Erfindungen durch. Bitte antworte jeweils kurz und spontan. Krawatte?
Zum Glück habe ich seit über 20 Jahren keine mehr getragen.
Also sinnlos – oder eine Strafe für Männer, weil sie damit aussehen, als wären sie aufgehängt?
Heute wirkt die Krawatte wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Ich glaube nicht, dass es sie in 50 Jahren noch gibt.
Minirock?
Der Minirock ist gerade wieder im Trend. Spannend finde ich, dass er in den 1960er-Jahren als Symbol der Frauenbefreiung galt – obwohl er den weiblichen Körper gleichzeitig sexualisiert.
Leggings?
Scheinen unglaublich bequem zu sein. Ich selbst habe allerdings noch nie welche getragen.
Anzug?
Kann richtig gut aussehen. Vor allem leichte Leinenanzüge. Mit den immer heisseren Sommern dürften sie noch beliebter werden.
Dein ganz persönlicher Fashion-Gau?
Mit 18 habe ich den Männerrock-Trend mitgemacht. Ich war überzeugt, dass bald alle in meiner Schule damit herumlaufen würden. Stattdessen blieb ich der Einzige (lacht).
Mehr Videos aus dem Ressort
Bötschi besucht Film-Ausstatter Jost: «Für ‹Papa Moll› brauchten wir viel Nutella und Gleitcrème»
Er zieht seine Fäden sprichwörtlich hinter den Kulissen: Rudolf Jost ist zuständig für die Kostüme von Fernseh- und Filmproduktionen. Ein Besuch in seinem Atelier in Zürich – inklusive Anprobe eines Fatsuits.
#Adessonews seleziona nella rete articoli di particolare interesse.
Se vuoi leggere l’articolo completo clicca sul seguente link












