Ein Netzwerk geht dagegen vor – die Schweiz ist nicht dabei


Darum geht’s

  • Eine Kampagne mit über 30’000 Unterschriften fordert, dass sich die Schweiz an «Project Medusa» beteiligt. Die internationale Operation bekämpft sexuellen Missbrauch unter Drogen.
  • «Project Medusa» nimmt insbesondere Online-Netzwerke ins Visier, in denen Täter den Missbrauch unter Einfluss von Drogen planen, verherrlichen und Aufnahmen verbreiten.
  • Die Schweiz beteiligt sich laut Fedpol aus «operativen Gründen» nicht an der Europol-Initiative. Die Kampagne verlangt eine nationale Taskforce, bessere Datenerfassung sowie mehr Ressourcen und Unterstützung für Betroffene.
Zusammenfassung erstellt mit

Iwona und Paula L., die in der Schweiz von Iwonas damaligem Partner unter Drogen gesetzt und missbraucht wurden. Gisèle Pélicot in Frankreich, deren Mann sie über fast zehn Jahre regelmässig betäubt hatte und von anderen Männern vergewaltigen liess.

Die drei mutigen Frauen traten an die Öffentlichkeit – der Missbrauch, der ihnen angetan wurde, ist aber kein Einzelfall.

Gegen sexuellen Missbrauch unter Einfluss von Substanzen geht ein neues Projekt der Europol vor, das «Project Medusa». Doch die Schweiz macht nicht mit. Das will eine Kampagne auf der Plattform Campax ändern.

«An die vereinigte Bundesversammlung und den Bundesrat Beat Jans», schreibt die Initiantin. «Mit dem Projekt Medusa zeigen andere Länder, dass entschlossenes Vorgehen möglich ist. Der Schweiz fehlt nicht die technische, finanzielle oder rechtliche Möglichkeit, sondern die Struktur und der politische Wille. Das muss sich ändern.»

Die Kampagne fordert unter anderem eine nationale Taskforce und dass sich die Schweiz an Europol-Operationen wie dem Projekt Medusa beteiligt, «statt nur zuzuschauen».

Das Anliegen erhält breite Unterstützung. Nach knapp einer Woche hat es bereits über 30’000 Unterschriften – und damit das anfangs gesteckte Ziel schon mehrfach übertroffen.

Die wichtigsten Informationen zum Projekt Medusa.

Was ist das «Project Medusa»?

Das Projekt Medusa ist eine Gemeinschaftsinitiative zur Bekämpfung von sexualisierter Gewalt unter Einsatz von Substanzen in Partnerschaften – also wenn Menschen unter Drogen gesetzt und dann missbraucht werden.

Auf Englisch heisst das «drug-facilitated sexual assault», abgekürzt DFSA. Laut dem «Project Medusa» sind Opfer praktisch nur Frauen, Täter praktisch nur Männer.

Einen besonderen Fokus legt das Projekt Medusa auf Online-Communitys wie Telegram-Chatgruppen, in denen sich User über DFSA austauschen, Tipps teilen, zu Taten anstacheln und Fotos und Videos von sexuellem Missbrauch veröffentlichen.

Das Projekt Medusa wurde im April 2026 ins Leben gerufen.

Woher kommt der Name des Projekts?

Benannt ist es nach Medusa, der Frau mit den Schlangenhaaren. In der griechischen Mythologie wurde die junge Frau Medusa im Tempel der Athena vom Meeresgott Poseidon vergewaltigt.

Statt dem Opfer zu helfen, bestrafte Athena Medusa für die Entweihung ihres Tempels und verwandelte sie in ein Monster mit Schlangenhaaren, deren Blick jeden zu Stein erstarren lässt.

Medusa steht im Kontext von sexuellem Missbrauch schon lange für Überlebende, Stärke, weibliche Wut und die Rückgewinnung von Macht.

Einige Überlebende von sexuellem Missbrauch lassen sich die Medusa tättowieren – sie nutzen das Motiv, um Scham abzulegen und ihre Stärke zu zeigen.

Einige Überlebende von sexuellem Missbrauch lassen sich die Medusa tättowieren – sie nutzen das Motiv, um Scham abzulegen und ihre Stärke zu zeigen.

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Warum wurde «Project Medusa» ins Leben gerufen?

Laut Aussage der britischen National Crime Agency seien die Ermittlungen des «Project Medusa» eine Konsequenz aus den Recherchen von STRG_F, schreibt der Norddeutsche Rundfunk (NDR). STRG_F ist ein Reportage-Format des NDR für eine junge Zielgruppe.

Die Journalistinnen Isabell Beer und Isabel Ströh recherchierten jahrelang in Online-Vergewaltiger-Netzwerken. Sie erlangten Zugang zu Telegram-Gruppen mit teilweise über 70’000 Mitgliedern aus aller Welt.

Die Nutzer tauschen sich dort darüber aus, wie sie Frauen betäuben und vergewaltigen können, sie stacheln sich gegenseitig an und teilen Aufnahmen der Taten.

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Nach Angaben der Männer handelt es sich bei den Frauen, die sie missbrauchen, meist um ihre Ehefrauen, Partnerinnen oder Schwestern.

Die NDR-Journalistinnen hatten Ermittlungsbehörden im In- und Ausland seit 2022 auf das internationale Vergewaltiger-Netzwerk hingewiesen. Im Fall einer niedersächsischen Frau, deren Ehemann sie mindestens 15 Jahre lang immer wieder betäubt und vergewaltigt hatte, lösten laut NDR erst mehrfache Nachfragen der Journalistinnen Ermittlungen aus.

Das Projekt wird von Deutschland und Grossbritannien geleitet. Ausserdem beteiligen sich Brasilien, Kanada, Frankreich, Ungarn, die Niederlande, Spanien und die USA.

Was hat das Projekt erreicht?

Im Juli zog das «Project Medusa» eine erste Bilanz – also knapp vier Monate, nachdem die Operation ins Leben gerufen worden war. Bisher wurden 57 Täter verhaftet und 158 Opfer in Sicherheit gebracht. 113 Ermittlungen laufen, 274 weitere Ermittlungsansätze wurden gefunden.

Im Juli zog das Projekt zum ersten Mal Bilanz.

Im Juli zog das Projekt zum ersten Mal Bilanz.

Europol/Project Medusa

Warum ist die Schweiz nicht dabei?

Der «Tages-Anzeiger» hat beim Bundesamt für Polizei Fedpol nachgefragt. Dieses antwortete lediglich, dass die Schweiz aus «operativen Gründen» nicht beteiligt ist. Eine Nachfrage des «Tages-Anzeigers», um welche Gründe es sich genau handelt, blieb unbeantwortet.

In unregelmässigen Abständen würden einzelne Anfragen im Zusammenhang mit der Thematik an die Schweiz gelangen, erfährt der «Tages-Anzeiger» stattdessen. Das Fedpol leite diese an die zuständigen Kantone weiter. Kenntnis von allfällig laufenden Strafverfahren habe man nicht.

Die Ermittlungsarbeit liegt somit bei den Kantonspolizeien. Diese äussern sich auf Anfrage der Zeitung aus taktischen Gründen nicht zu ihren Vorgehensweisen und Ermittlungsansätzen.

Der «Tages-Anzeiger» hat bei weiteren Stellen nachgefragt. Das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit etwa übergebe an der Grenze sichergestellte K.-o.-Tropfen umgehend der zuständigen Kantonspolizei.

Das Bundesamt für Cybersicherheit verweist darauf, dass Hinweise auf Vergewaltigungschats oder ähnliche Beobachtungen, die gemeldet werden, Sache der regionalen Strafverfolgungsbehörden sind.

Was fordert die Kampagne in der Schweiz genau?

Nebst der nationalen Taskforce und der Mitarbeit beim «Project Medusa» fordern die über 30’000 Unterzeichnenden ein systematisches Monitoring, Ressourcen und Rechtsgrundlagen für die Kantone sowie den Ausbau der Angebote für Betroffene.

DFSA-Fälle müssten in der Schweiz systematisch erfasst werden. «Ohne belastbare Zahlen bleibt das Problem unsichtbar und die Politik und Justiz ohne Grundlage zum Handeln», steht im Kampagnentext.

Weiter bräuchten die Kantone die Mittel und die rechtlichen Instrumente, um Täter in Foren und auf Plattformen wie Telegram zu identifizieren und strafrechtlich zu verfolgen.

Ausserdem fordern die Unterzeichnenden spezialisierte Therapie, Beratung und Betreuung für Betroffene, die zugeschnitten auf die besonderen Belastungen dieser Taten sind.

«Wer schweigt, schützt die Täter», schreibt die Initiantin. «Wir fordern die Bundesversammlung und den Bundesrat auf, jetzt zu handeln.»


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