Marc Schneider, ist Fussball ungerecht?
(lacht) «Ja, klar.»
Wieso?
«Am Schluss werden Entscheide immer von Personen getroffen, die in Stresssituationen sind. Es kann gar nicht immer gerecht sein, das ist unmöglich.»
Bleiben wir beim Spiel an sich, das manchmal ungerecht ist. Sie müssen sich am Sonntag in Lugano im falschen Film gewähnt haben, als Sie trotz klarem Chancenplus kurz vor der Pause plötzlich 0:2 hinten lagen.
«Aber das hat nichts mit gerecht oder ungerecht zu tun, sondern mit der eigenen Leistung, den eigenen Entscheiden und den eigenen Ausführungen. Man ist selber dafür verantwortlich, ob Sachen für oder gegen einen laufen. Wir haben die Tore nicht gemacht und sind deshalb plötzlich 0:2 hinten gelegen. Da waren wir schlicht zu wenig gut und deshalb ist das nicht ungerecht.»
Aber unverdient.
«Das würde ich nicht so sagen. Verdient wäre gewesen, wenn wir die Tore gemacht hätten. Der Schuss von Dejan Djokic kann auch an den Innenpfosten gehen und von dort rein, statt wieder raus. Das hat weniger mit Unvermögen als vielmehr mit Pech zu tun. Glück oder Pech – auch wenn das niemand hören will – sind zwei wichtige Faktoren im Fussball. Aber am Ende setzt sich die Qualität durch. Und die hat uns am Sonntag in einigen Situationen gefehlt.»
Einerseits in der Offensive mit der Abschlussschwäche und andererseits in der Defensive beim Verteidigen von Standardsituationen.
«Genau, es gehört ja beides dazu. Die zwei Tore, die wir durch stehende Bälle erhalten, sind ärgerlich. Ich sage meinen Spielern immer: Tut alles dafür, dass wir kein Tor kassieren. Wenn du dran bist, der andere aber einfach höher springen kann als du, ein besseres Timing hat, dann kannst du ein Gegentor erhalten, das gehört zum Fussball dazu. Mühe habe ich, wenn einer im Umkreis von zwei Metern keinen Gegenspieler um sich hat. Aber auch hier, es ist alles eine Frage der Kommunikation und von Entscheiden auf dem Platz, die getroffen werden. Die waren in den beiden Situationen nicht perfekt.»
Sie haben vor der Saison verlauten lassen, auch eine Liga höher nicht von ihrem Konzept mit viel Ballbesitz abrücken zu wollen. Sehen Sie sich nach dem ersten Spiel in der Super League darin bestärkt?
«Absolut. Ich bin überzeugt davon, dass das auch eine Stufe höher funktioniert. Wir haben gegen die Mannschaft gespielt, die letztes Jahr wohl mit am meisten Ballbesitz in der ganzen Liga hatte. Und wir hatten am Sonntag mehr Ballbesitz (51 zu 49 Prozent – Red.). Ich höre schon wieder die Kritiker, die sagen: Ballbesitz schiesst keine Tore. Das ist schon Teil der Wahrheit. Aber ich habe trotzdem lieber den Ball, als ihm nachzulaufen. Für mich erhöhen sich die Chancen, ein Tor zu erzielen, wenn ich den Ball habe.»
Was ist der grösste Unterschied zwischen Challenge League und Super League?
«Es wird dir nichts geschenkt in der Super League. Du musst viel mehr Aufwand betreiben, um ein Tor zu schiessen. Gleichzeitig darfst du nicht viel falsch machen, sonst bekommst du eines. Die individuelle Qualität ist einfach viel besser. Die Pässe kommen an, die ersten Kontakte sind richtig, die Abschlüsse gehen aufs Tor.»
Sie übernahmen den FC Vaduz im Februar 2024 auf Platz 8 der Challenge League und führten ihn nach zweieinhalb Saisons in die Super League. Hand aufs Herz: Hätten Sie eine solche Entwicklung für möglich gehalten, als Sie im Ländle unterschrieben haben?
«Ja, sonst hätte ich nicht unterschrieben. Ich war überzeugt, dass in diesem Umfeld und mit diesem Verein viel möglich ist, ich mit der damaligen Mannschaft die Klasse halten und dann in Ruhe meine Art von Fussball implementieren kann. Hier sind Leute am Werk, die nicht sofort die Geduld verlieren. Das war für mich entscheidend.»
Den Aufstieg in die Super League schafften Sie vergangene Saison in einem Hitchcock-Final im Fernduell gegen Aarau. Selbst nach dem unglücklich verlorenen Direktduell am vorletzten Spieltag und dem Abrutschen auf Platz 2 haben Sie eine Überzeugung ausgestrahlt. Woher kommt die?
«Wir haben vor der Saison intern das Ziel ausgegeben, unter die ersten Zwei kommen zu wollen. Daran habe ich die Mannschaft direkt nach dem Spiel gegen Aarau erinnert: ‘Wir haben immer noch die Möglichkeit, aufzusteigen. Vielleicht nicht direkt, das haben wir nicht mehr in den eigenen Füssen. Aber sicher über die Barrage. Und wenn es was zu erben gibt, dann müssen wir da sein.’ Ich war überzeugt, dass wir aufsteigen – auf welchem Weg auch immer.»
Die vergangene Saison weckte sicherlich Begehrlichkeiten. Gab es keine Angebote, bei denen Sie ins Grübeln kamen?
«Nein.»
Aber Angebote gab es schon?
«Kann sein.» (schmunzelt)
Wieso sind Sie dennoch in Vaduz geblieben? Was zeichnet den Standort aus?
«Es gibt mehrere Punkte: Ich habe Familie, eines meiner Kinder ist noch schulpflichtig, das Umfeld passt. Wir sind aufgestiegen, ich will mich mit dieser Mannschaft in der Super League beweisen, was eine grosse Challenge ist, die ich als sehr lohnenswert empfinde. Es ist eine grosse Herausforderung und Möglichkeit, zu zeigen, dass man auch mit wenig Mitteln viel erreichen kann.»
Am Sonntag kommt es zum Cupsieger-Duell mit St. Gallen. Würden Sie das Duell mit dem grossen Nachbarn als Derby bezeichnen?
«Ja, man bezeichnet es hier als Derby. Letztes Jahr war das Spiel gegen Wil unser Derby. Dieses Jahr ist die Partie gegen St. Gallen das Ostschweizer Derby. Darauf freuen wir uns unheimlich.»
Beide Mannschaften waren unter der Woche im Europacup engagiert, wobei Vaduz deutlich mehr Erfahrung hat mit der Doppelbelastung. Ein Vorteil für Ihr Team?
«Nein, ich glaube nicht, dass dies eine Rolle spielt. Es ist schon lustig: Alle wollen in den europäischen Wettbewerb. Aber sobald man drin ist, sprechen alle nur noch von Doppelbelastung. Dabei ist es ein riesiges Privileg, für Spieler, Trainer, den ganzen Verein. Ich sehe viel mehr Vor- als Nachteile. So kommen alle auf ihre Einsatzminuten.»
Was verändert sich, wenn man alle drei Tage spielen muss?
«Es ist super, du musst nie trainieren. Ich habe das immer geliebt als Spieler.»
Aber für einen Trainer ist es eine Herausforderung.
«Ja, schon. Wir müssen die Zeit, die uns bleibt, optimal nutzen. Das Gute ist: Wir haben einen Stamm von etwa 16 Spielern, die schon letzte Saison dabei waren, die haargenau wissen, wie wir spielen wollen. Am Schluss ist es cool, wenn du spielen kannst, da lernst du am meisten. Und ich als Trainer kann auch mehr daraus ziehen als aus einem Training. Nichts kann ein Spiel ersetzen.»
Zum Schluss müssen wir doch nochmals das Thema Gerechtigkeit aufgreifen. Im ersten Heimspiel in der Super League seit mehr als fünf Jahren müssen Sie ohne Stammgoalie Leon Schaffran auskommen. War es eine gerechte Rote Karte, die er in Lugano kurz vor Schluss erhalten hat?
«Nein, für mich nicht. Es war zu wenig für eine Rote Karte, auch wenn es regeltechnisch wohl kein Fehlentscheid war. Ein Kontakt war da, aber wenn das der Massstab sein soll, dann gehe ich einfach immer zu Boden, sobald ich etwas spüre. Ich finde die Intention schlecht, es ist nicht im Sinne des Sports. Fussball ist eine Kontaktsportart – nicht jeder Kontakt ist ein Foul. Und ich würde das auch sagen, wenn es auf der anderen Seite so entschieden worden wäre.»
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