Darum geht’s
- Beim Berliner CSD fuhr ein 21-jähriger Deutscher in die Menge und stach mit einer Machete zu. Eine Frau starb, 31 wurden verletzt. Der Täter war verurteilter Islamist, lief aber frei herum.
- Eine Frankfurter Studie zeigt: Terroranschläge steigern den AfD-Stimmenanteil um vier bis sechs Prozentpunkte.
- Sie mobilisieren Wahlmüde und verschieben Einstellungen nach rechts. Auch dann, wenn ein Terroranschlag rechtsextremistisch motiviert war.
- Die AfD nutzt die Tat migrationspolitisch, obwohl der Täter gebürtiger Deutscher ist. Auf linker und salafistischer Seite kursieren Verschwörungstheorien. Im September stehen drei Landtagswahlen an.
Am vergangenen Wochenende raste im Berliner Tiergarten ein Mann mit dem Auto in die Menge am Rande des Christopher Street Day und stach anschliessend mit einer Machete auf Feiernde ein. Eine Frau starb, 31 weitere Menschen wurden verletzt, mehrere davon lebensgefährlich. Die Tat traf Feiernde eines Fests, das eigentlich für Vielfalt, Liebe und Zusammenhalt steht.
Die Nachricht hat in Deutschland tiefe Bestürzung und Trauer ausgelöst – zugleich weckt sie ein leidvoll bekanntes Gefühl: Es ist nicht der erste Anschlag dieser Art.
Der Tatverdächtige, der 21-jährige Abdul B., war den Behörden bereits als Islamist bekannt. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) bestätigte später, Ballout sei deutscher Staatsbürger mit libanesischem Hintergrund. Er wurde 2005 in Deutschland geboren und wuchs in Berlin auf. Am Tag nach seiner Amokfahrt wurde er bei einem Polizeieinsatz in Berlin-Spandau erschossen.
Studie untersuchte, wie Anschläge Wahlen beeinflussen
Fast unheimlich mutet dazu ein Detail an: Eine Woche vor dem Anschlag hatte die Goethe-Universität Frankfurt eine Studie in Erinnerung gerufen, die einen Zusammenhang zwischen Terroranschlägen und Wahlerfolgen der AfD zeigt. Verfasst haben sie die Ökonomen Navid Sabet, Marius Liebald und Guido Friebel, veröffentlicht bereits 2025 im «American Economic Journal: Economic Policy» – mitten in die Vorbereitung dreier deutscher Landtagswahlen im September.
Die drei Forscher werteten dafür einen grossen Datensatz aus: Sie verglichen Gemeinden, in denen ein Terroranschlag «erfolgreich» verlief, mit solchen, in denen er misslang, etwa weil eine Bombe nicht zündete. Weil Erfolg oder Misserfolg eines Attentats laut den Autoren nichts mit irgendwelchen «Eigenschaften» der jeweiligen Gemeinde zu tun hat, lässt sich so der reine Effekt des Ereignisses selbst herausrechnen.
Das Ergebnis: Wo ein Anschlag gelang, stieg der AfD-Stimmenanteil bei der nächsten Landtagswahl um rund vier bis sechs Prozentpunkte. Gleichzeitig kletterte die Wahlbeteiligung in den betroffenen Gemeinden um rund 16 Prozentpunkte – davon profitierte die AfD überproportional.
Bemerkenswert dabei: Rund drei Viertel der untersuchten Anschläge waren rechtsextrem motiviert und richteten sich meist gegen Ausländer*innen – dennoch legte die AfD kurz darauf bei Wahlen zu.
«Terror will immer destabilisieren»
Die Forscher erklären das mit drei Mechanismen: Anschläge holen sonst wahlmüde Menschen an die Urne, sie verschieben Einstellungen nach rechts – besonders bei Parteilosen und Menschen ohne Hochschulabschluss –, und lokale Medien berichten nach erfolgreichen Attentaten stark über die Opfer, während die Ideologie der Täter in den Hintergrund tritt.
Im Gespräch mit blue News ordnet Friebel ein, warum die Ergebnisse der Studie ausgerechnet jetzt bewegen: «Ich glaube, weil sie den Mechanismus hinter solchen Anschlägen offenlegen: Terror will immer destabilisieren.»
Konkret: Der Terrorismus wollen Menschen erreichen, die sich sonst kaum für Politik interessieren und nach einem Anschlag beginnen, sich stärker zu sorgen – und dann eher jene Partei wählen, die dem Thema am meisten Gewicht gibt. Dass die Opfer des Berliner Anschlags aus der queeren Community stammen, ändere daran laut Friebel nichts: «Die Tatsache, dass der Täter einen islamistischen Hintergrund hat, wird einen Teil der Bevölkerung trotzdem in der Wahlentscheidung beeinflussen – unabhängig davon, wer die Opfer sind und ob man Sympathien für sie hat.»
Als zweiten Mechanismus nennt er den «autoritären Reflex»: «Es gibt ein Problem, niemand kümmert sich darum, also wählen Menschen jemanden, von dem sie glauben, dass er mit Autorität durchgreift.» Das zeigte sich bereits nicht mal zwölf Stunden nach dem Terroranschlag.
AfD macht «Migrationspolitik» verantwortlich – Attentäter war aber Deutscher
Die Berliner AfD-Chefin Kristin Brinker sprach den Opfern ihr Mitgefühl aus, machte aber die «Migrationspolitik der vergangenen Jahre» verantwortlich. AfD-Chefin Alice Weidel schrieb, der mutmasslich islamistische Angriff zeige, «wie dramatisch die Folgen der unkontrollierten Migration» seien. Die Linke warnte dagegen vor einseitiger Schuldzuweisung: «Am Ende eint Nazis und Islamisten das gleiche Ziel: eine unfreie Gesellschaft», sagte deren queerpolitischer Sprecher Maik Brückner, der selbst beim CSD war.
Bemerkenswert ist dabei, dass der Tatverdächtige, Abdul B., 2005 in Berlin als deutscher Staatsbürger geboren wurde. So forderte etwa AfD-Chefin Alice Weidel die Abschiebung von über 9000 Gefährdern – eine Forderung, die beim konkreten Fall nicht angewendet hätte werden können, da der Tatverdächtige ohne Entzug der Staatsbürgerschaft nicht abschiebbar gewesen wäre.
Verdrehte Deutungen fanden sich aber nicht nur im rechten Lager: Auch unter politisch aktiven Muslim*innen sowie im linken Spektrum kursierten fragwürdige Theorien.
Medienberichten zufolge fragte die salafistische Influencerin Hanna Hansen öffentlich, ob der Anschlag ein «Inside Job» gewesen sei (ohne genauer zu werden), und verwies dabei auf die bevorstehenden Wahlen. Ihr Beitrag in den sozialen Medien wurde mittlerweile gelöscht – belegt aber, dass der Kampf um die Deutungshoheit über den Anschlag längst nicht nur im dezidiert rechtsradikalen Milieu tobt.
Auch der linke Influencer Dara Marc Sasmaz griff das Thema in einem YouTube-Video auf und mutmasste mit sarkastischen Unterton, der Anschlag sei «ganz zufällig» kurz vor den Landtagswahlen passiert. Nach öffentlicher Kritik entschuldigte er sich für diese Mutmassung.
Dieser Inhalt stammt von externen Anbietern wie YouTube, TikTok oder Facebook. Aktiviere bitte “Swisscom Werbung bei Dritten”, um diesen Inhalt anzuzeigen.
Voreilige Deutung von Terror kann sich rächen
Ein Vergleichsfall aus Spanien zeigt, wie gefährlich vorschnelle Deutungen für die Politik selbst werden können: Nach den Madrider Zuganschlägen 2004 machte die konservative Regierung zunächst fälschlicherweise die baskische Terrororganisation ETA verantwortlich, bevor sich ein islamistisches Motiv bestätigte. Wenige Tage später verlor die Regierungspartei die Wahl.
Friebel sagt dazu: «Die spanische Regierung hat sich damals vermutlich keinen Gefallen getan, das Attentat auf die ETA zu schieben. Wenn man dann zurückrudern muss, ist das ein Problem.» Die Erfahrung aus dem Jahr 2004 zeige: Wer nach einem Anschlag mit Schnellschüssen reagiere statt mit gesicherten Fakten, riskiere einen politischen Bumerang. Friebel vermutet, dass sich der Bundesinnenminister Alexander Dobrindt deshalb unmittelbar nach dem Anschlag zunächst auffallend zurückhielt.
Wie stark sich das politisch tatsächlich auswirkt, dürfte sich schon bald zeigen: Am 6. September wählt Sachsen-Anhalt ein neues Landesparlament, am 20. September folgen Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Umfragen sahen die AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zuletzt bei 41 bis 42 Prozent.
Video aus dem Ressort
Sachsen-Anhalt: AfD präsentiert 100-Tage-Plan
Sachsen-Anhalt: AfD präsentiert 100-Tage-Plan
#Adessonews seleziona nella rete articoli di particolare interesse.
Se vuoi leggere l’articolo completo clicca sul seguente link




