Darum geht’s
- Lukas Graham wuchs in der alternativen Kopenhagener Kommune Christiania auf. Die gemeinschaftliche Kindheit prägt ihn bis heute und lässt ihn trotz Welterfolg als Underdog fühlen.
- Für sein neues Album «Good Times» kehrte er zu seinen Folk-Wurzeln zurück.
- Cannabis hat der 37-Jährige vor sechs Jahren aufgegeben und hält Sport heute für den besseren Ausgleich.
- Seinen Hit «7 Years» betrachtet er weiterhin als Lieblingssong, weil er sein Leben verändert hat. Zudem sieht er überraschende Parallelen zwischen Christiania und der dänischen Monarchie.
Draussen brennt die Sommersonne auf den Zürcher Prime Tower, drinnen zieht Lukas Graham erst einmal die Schuhe aus. Der dänische Sänger erscheint in Shorts, T-Shirt und mit einem Glacé in der Hand zum Interview. Nach einem festen Händedruck lässt er sich nur in Socken aufs Sofa fallen.
Eine kleine Geste, die aber viel verrät. Graham wuchs in Christiania auf, der legendären alternativen Kommune mitten in Kopenhagen. Eine Kindheit, die ihn bis heute prägt. Auch wenn sein Welthit «7 Years» längst mehr als 1,7 Milliarden Aufrufe auf YouTube gesammelt hat, sagt er: «Ich sehe mich noch immer als Underdog».
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Du bist in Christiania aufgewachsen – einer alternativen anarchistischen Kommune mitten in Kopenhagen. Wie hast du die Zeit dort erlebt?
Natürlich kann ich das schwer vergleichen, weil ich nie eine andere Kindheit hatte. Aber wenn ich heute um die Welt reise und Menschen treffe, merke ich, wie gemeinschaftlich mein Aufwachsen war. Alle waren irgendwie auf derselben Ebene. Dieses Gefühl von Zusammenhalt begleitet mich bis heute – in meinem Leben, meiner Arbeit und meiner Musik.
Hast du dich als Kind anders gefühlt?
Die Kinder aus den Nachbarvierteln kannten Christiania gut. Aber viele andere Eltern wollten ihre Kinder nicht zu uns kommen lassen. Wir galten als Problemviertel: keine Strassenlaternen, keine Polizei, keine Autos. Was viele nicht wussten: Die Strassen waren bei uns sicherer als anderswo. Alle haben aufeinander aufgepasst.
Warst du ein Aussenseiter?
Ja, das kann man sagen. Und das hat mich geprägt. Egal wie erfolgreich ich später geworden bin: Ich sehe mich bis heute als Underdog. Ich denke immer noch an den Jungen zurück, der in einem Haus ohne Toilette und Badezimmer aufgewachsen ist.
Viele Menschen beschreiben Christiania als einen Ort grenzenloser Freiheit. Stimmt das?
Nicht ganz. Christiania hatte immer eine sehr wichtige Regel: Du darfst tun, was du willst, solange du andere nicht daran hinderst, das zu tun, was sie wollen. Dadurch entsteht ein Gleichgewicht. Wir versuchen alle sicherzustellen, dass jeder genügend Raum hat, um ein gutes Leben zu führen.
Christiania war immer ein Treffpunkt für Künstler und Musiker. Wie stark hat dich das beeinflusst?
Viele Musiker kamen durch Christiania. Ich habe dort die Fugees gesehen, Rage Against The Machine oder die Red Hot Chili Peppers. Mein Vater organisierte Konzerte in verschiedenen Locations, deshalb lernte ich schon als Kind viele Folk-Musiker kennen. Diese Musik hat mich geprägt.
Hört man das auf deinem neuen Album «Good Times», das am 14. August erscheint?
Absolut. Ich bin zu meinen musikalischen Wurzeln zurückgekehrt. Man hört viel von der irischen und amerikanischen Folkmusik, mit der ich aufgewachsen bin. Einige Musiker, die ich als Kind bewundert habe, spielen sogar auf dem Album mit – darunter der Grammy-prämierte Bluegrass- und Folk-Musiker Tim O’Brien, der renommierte Folk-Musiker Michael McGoldrick sowie die Crooked-Still-Musiker Gregory Liszt und Rushad Eggleston.
Du bist jetzt 37 Jahre alt und hast bis zu deinem 31. Lebensjahr Cannabis konsumiert und dann aufgehört. Warum?
Es war einfach der richtige Zeitpunkt. Ich hatte zwei Kinder und begann darüber nachzudenken, wer ich sein möchte, wie meine Kinder mich eines Tages sehen werden und wie ich mich selbst sehen möchte.
Die Schweiz testet derzeit legale Cannabis-Verkäufe. Befürwortest du das?
Theoretisch halte ich es für besser, Menschen zu helfen, statt sie grundsätzlich zu kriminalisieren. Wenn etwas illegal ist, wird es schwieriger, Hilfe zu bekommen. Und wenn Alkohol heute erfunden würde, wäre er wahrscheinlich ebenfalls verboten.
Viele Musiker behaupten, Drogen machten sie kreativer.
Für mich war eher das Gegenteil der Fall. Kreativer hat es mich jedenfalls nicht gemacht. Für manche Menschen schafft es vielleicht ein Gefühl von Freiheit. Aber mehr Kreativität? Nein.
Was gibt dir heute das Gefühl, das Cannabis früher gegeben hat?
Wahrscheinlich Sport. Training, Sauna oder im Winter ins Meer springen. Musik war nie meine Droge. Sie war mein Hobby – eines, das irgendwann angefangen hat, meine Rechnungen zu bezahlen.
Deine Mutter lebt noch immer dort. Besuchst du Christiania oft?
Fast jede Woche. Ich wohne direkt daneben. Meine Mutter lebt dort, viele Freunde ebenfalls.
Ist Christiania denn 2026 sicher?
Ich halte Christiania für sicherer als viele Bahnhofsviertel grosser europäischer Städte. Die Medien haben dem Ort einen schlechteren Ruf gegeben, als er verdient.
Christiania scheint das genaue Gegenteil einer Monarchie zu sein. Wie blickst du auf das dänische Königshaus?
Ich glaube, die Monarchie und Christiania haben mehr gemeinsam, als viele denken. Beide existieren nur noch, weil Dänemark liberal genug ist, sie zuzulassen. Und König Frederik – damals noch Kronprinz – war früher sogar bei mehreren Rockkonzerten in Christiania. Es gibt also mehr Verbindungen zwischen diesen Welten, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
«Bis heute ist ‹7 Years› mein Lieblingssong. Das klingt vielleicht komisch, weil ich ihn geschrieben habe.»
Lukas Graham
Dänischer Sänger und Songschreiber
Mehr als zehn Jahre später: Was bedeutet dir «7 Years» heute?
Bis heute ist es mein Lieblingssong. Das klingt vielleicht komisch, weil ich ihn selbst geschrieben habe. Aber er hat mein Leben verändert. Dank dieses Songs konnte ich meiner Mutter das Dach reparieren und ihr ein Sommerhaus kaufen. Er hat mir ermöglicht, um die ganze Welt zu reisen und das zu tun, was ich liebe.
Viele Künstler können ihre grössten Hits irgendwann nicht mehr hören.
Das verstehe ich nicht. Ich habe den Song geschrieben, der mein Leben verändert hat. Natürlich singe ich ihn immer noch gerne.
Diesen Sommer bist du mit Ed Sheeran auf Tour. Wie ist er so?
Er ist ein sehr normaler, bodenständiger Typ. Wir haben viel gemeinsam: Kinder im gleichen Alter, irische Wurzeln und die Liebe zu Folk- und Rapmusik.
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