Privitellis riskanter Plan geht auf
Thuns Trainer Gian-Luca Privitelli in Gedanken versunken
Bild: Keystone
Eigentlich wollten sie in Thun ja nach den Sternen greifen. Mit Aussicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau träumte man im Oberland davon, nach der historischen, sensationellen, unglaublichen – an Superlativen mangelte es den Beobachtenden in den letzten Monaten wahrlich nicht – Spielzeit dem Märchen des FC Thun ein weiteres Kapitel hinzuzufügen. Und wie einst die Helden von 2005 wieder in die Beletage des europäischen Klubfussballs vorzustossen. Bekanntlich wird nach dem dramatischen Ausscheiden gegen Dinamo Zagreb nichts mit einem zweiten Abenteuer in der Champions League.
Und so erklingt an diesem lauen Sommerabend nicht die Sternenhymne aus den Boxen, sondern das weit weniger ikonische Pendant der Europa League – und, wenn der Ball einmal ruht und die gut 6000 Fans unterhalten sein wollen, übernimmt mit Marc Trauffer ein musikalischer Lokalheld immer wieder das Zepter. Ein «Hit» des «Alpentainers» nach dem anderen dröhnt in der Pause aus den Lautsprechern. Und als der gebürtige Brienzer da so seinen Traktor besingt oder darüber sinniert, wie er einer Dame gerne einen Kuss geben würde, scheint es fast so, als ob der FC Thun einen Klangteppich legen wollte, der besser zu seiner jetzigen sportlichen Situation passt als das Hochglanzprodukt Champions League, das beim Final im Mai in Budapest immerhin von der amerikanischen Rockband The Killers begleitet wurde.
Maier und Reichmuth als Sinnbild
Zum Zeitpunkt, als Trauffers Singsang im Unterhaltungsprogramm Trumpf ist, führt der FC Thun 2:0 gegen Vikingur Reykjavik. Jan Bamert und Brighton Labeau haben in der ersten Halbzeit getroffen, und eigentlich hätten sich auch noch andere Spieler im Ensemble von Trainer Gian-Luca Privitelli in die Torschützen einreihen können. Der Schweizer Meister agierte derart überlegen im Vergleich mit dem achtfachen isländischen Champion.
Was umso mehr überraschend sein mag, als der Coach seinem Rotationsprinzip auch auf europäischer Ebene treu blieb und im Vergleich zum Heimspiel gegen YB gleich auf sechs Positionen Veränderungen vornahm. Einer der Neuen war Nico Maier, der diesmal wieder den Vorzug vor Nils Reichmuth auf dem rechten Flügel erhielt. Und anhand dieses Duos im rechten Couloir illustriert Privitelli nach Spielschluss, dass ihn seine Spieler bisweilen arg in eine Zwickmühle bringen.
Denn er sieht sowohl Maier als auch Reichmuth derzeit in starker Form, sodass die Nomination für die Startelf nicht automatisch eine höhere Stellung in der Positionshierarchie bedeuten muss. «Im nächsten Spiel beginnt dann vielleicht Nils und Nico kommt von der Bank. Sie sind wirklich beides Superspieler.»
Lengens Debüt
Wer den 48-Jährigen über sein Kader reden hört, würde nicht vermuten, dass die Thuner etliche ihrer Meisterhelden abgeben mussten. Allein mit Leonardo Bertone, Elmin Rastoder und Ethan Meichtry wagten drei prägende Figuren der letzten Saison den nächsten Schritt in ihrer Karriere. Und doch würfelt Privitelli seine Spieler von einer Partie zur nächsten stets munter durcheinander, als stünde ihm das Kader eines Spitzenteams zur Verfügung, bei dem alle Positionen doppelt oder dreifach und vor allem gleichwertig besetzt sind.
Es ist eine riskante Strategie, welche die Thuner verfolgen, aber auch eine, die dieser Tage alternativlos ist. «Wir spielen im Moment alle drei Tage, müssen reisen», sagt Privitelli. «Das kostet viel Energie. Deshalb ist es wichtig, die Belastung auf viele Schultern zu verteilen.» Gegen Reykjavik feiert Simon Lengen in der Schlussviertelstunde sein Debüt in der ersten Mannschaft, was ein weiterer Beleg dafür ist, dass in Thun Vertrauen und der Glaube an die eigenen Stärken wichtiger sind als Namen oder frühere Leistungsausweise.
Lengen ist ein 19-jähriger Stürmer, der einst bei Gurmels und Thörishaus mit Fussballspielen angefangen und zuletzt mit 30 Toren in der interregionalen 2. Liga für Aufsehen gesorgt hat. Der Thuner Amtsanzeiger titelte überschwänglich: «Der Harry Kane des Berner Oberlands». Zwar bleibt Simon «Harry» Lengen ohne Tor, und doch sagt Privitelli: «Simon hat sich diesen Einsatz verdient, und er hat seine Sache gut gemacht.»
Rapps Premiere
Diese Einschätzung teilt auch Simone Rapp, der an diesem Abend sein erstes Spiel in der neuen Rolle als Sportchef verfolgte. Der 33-Jährige, der das anspruchsvolle Erbe des pausierenden Dominik Albrecht angetreten hat, blickt nach seinem Einstand pragmatisch auf die aktuelle Lage: «Vielleicht war nicht alles top, aber wir haben ein sehr kleines Kader für diese Frequenz an Spielen». Gut möglich, dass der Tessiner in den nächsten Wochen die eine oder andere Aufgabe zu lösen haben wird, was das Kader angeht. Schliesslich ist das Transferfenster noch über einen Monat offen. Und sollten es die Thuner tatsächlich in eine europäische Ligaphase schaffen, würde neben dem alt-bewährten Rotationsprinzip vielleicht doch auch noch das Aufbesserungsprinzip zum Zug kommen.
3,1 Millionen Euro wären mindestens garantiert in der Europa League, wobei nach Reykjavik mit Lech Posen oder den Fähringern von Klaksvik in den Playoffs noch eine letzte Hürde genommen werden müsste. Nach dem Hinspiel sind die Polen mit 1:0 leicht im Vorteil. Rapp sagt, was so viele vor ihm gesagt haben: «Wir nehmen Schritt für Schritt.» Am Sonntag steht die Partie beim FC Basel an, ehe die Thuner am Donnerstag im Rückspiel auf Island diese zweitletzte Hürde nehmen wollen. Mit einem Weiterkommen wäre ihnen zumindest die Teilnahme an der Ligaphase der Conference League garantiert. Trotz 3:0-Polster gibt sich Privitelli demonstrativ zurückhaltend. «Es ist noch gar nichts entschieden. Zuhause sind sie extrem bissig. Es wird sehr hart für uns.»
Und Marc Trauffer möchte ihm wohl ganz seinem Liedbuch entsprechend zurufen: «Heiterefahne!». Und für ein My mehr Zuversicht appellieren.
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Der FC Thun stellt seine sportliche Leitung breiter auf. Simone Rapp übernimmt per sofort die Funktion des Sportchefs von Dominik Albrecht. Das sagen Albrecht, Rapp und Thun-Präsident Andres Gerber zu den Änderungen.
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