Darum geht’s
- Während 80 Prozent der Männer unter Haarausfall leiden, sind es auch etwa 50 Prozent der Frauen nach der Menopause.
- Der Markt für Produkte und Therapien gegen Haarausfall boomt.
- Haarmedizinerin Dr. med. Juste Baksanskaite erklärt, was wirklich hilft.
- Obwohl Gesundheitsthemen wie Haarausfall allgemein dank Social Media sichtbarer werden, ist das Thema bei Frauen nach wie vor tabuisiert.
Prinz William ist wohl der bekannteste Prominente mit Haarausfall. Und er versucht nicht einmal, ihn zu verbergen. Beim Coiffeur witzelte er einmal, dass er nicht mehr viel Haar habe, über das man sprechen müsse. Während er seine kahlen Stellen mit Humor nimmt, herrscht über das Thema über Ländergrenzen hinweg weitgehend Stillschweigen. Fussballstar Xherdan Shaqiri lief nach einer mehrwöchigen Trainingspause plötzlich wieder mit vollem Haar auf den Platz, ohne jemals eine Behandlung bestätigt zu haben.
Prinz William geht locker mit dem Thema Haarausfall um.
Keystone, AP Pool AFP
Einen anderen Weg wählte Michèle Burkart. Sie wagte den Versuch, das Thema zu enttabuisieren. In einer Videobotschaft auf Instagram wandte die Frau von «Divertimento»-Star Manu Burkart sich mit den Worten an ihre Follower: «Vielleicht geht es euch auch so. Seit ein paar Monaten habe ich starken Haarausfall.» Anschliessend erklärte sie, dass sie sich einer Eigenbluttherapie unterziehe. «Es tut uhhh weh», sagt die 42-Jährige im Video.
Bei Frauen nach wie vor tabuisiert
Dass Frauen offen über Haarausfall sprechen, ist noch immer eher die Ausnahme. Während Haarausfall bei Männern deutlich stärker normalisiert ist, ist das Thema bei Frauen nach wie vor tabuisiert. «Heute hatte ich beispielsweise einen männlichen Patienten, der zu mir sagte: ‹Ihr Frauen könnt froh sein, das betrifft euch nicht.› Da musste ich widersprechen», erzählt Haarmedizinerin Dr. med. Juste Baksanskaite blue News. «Obwohl Gesundheitsthemen wie Haarausfall allgemein dank Social Media sichtbarer werden, versuchen viele Frauen ihren Haarausfall noch immer mit Extensions oder Sprays zu kaschieren.»
Während 80 Prozent der Männer betroffen sind, sind es auch etwa 50 Prozent der Frauen nach der Menopause. «Hinzu kommen viele Frauen, die nach einer Schwangerschaft oder während hormoneller Veränderungen vorübergehend Haare verlieren», so die Ärztin der Māra Haarklinik Zürich. «Ich sehe immer mehr Frauen, die sich Hilfe suchen und etwas dagegen unternehmen möchten».
Aber auch Männer leiden unter ihren Geheimratsecken und kahlen Stellen. «Zunächst ist Haarausfall keine Krankheit. Aber sobald jemand darunter leidet, sollte man das ernst nehmen. Ich habe auch männliche Patienten über 60, die ihr Haar als wichtigen Teil ihres Erscheinungsbildes empfinden und sich eine Behandlung wünschen», erklärt Dr. med. Juste Baksanskaite.
«Je früher man Haarausfall behandelt, desto besser sind die Erfolgsaussichten»
Bis heute gibt es kein Wundermittel gegen Haarverlust. «Deshalb investieren Unternehmen viel Geld in neue Produkte und Therapien.» Shampoos, Seren oder Haaröle mit Inhaltsstoffen wie Koffein, Biotin, Ginsengwurzel-, oder Zwiebelextrakt versprechen eine volle Haarpracht.
Doch die Einschätzung der Expertin ist ernüchternd: «Shampoo allein hilft gegen genetisch bedingten Haarausfall nicht, weil es zu kurz auf der Kopfhaut bleibt. Es dient in erster Linie der Kopfhautpflege», erklärt Baksanskaite. «Seren oder Pflegeprodukte können die Kopfhaut beruhigen und Entzündungen lindern. Sie schaden meist nicht, doch viele Betroffene geben viel Geld für Produkte aus, die ihnen letztlich nicht helfen.»
Liegt die Ursache des Haarausfalls im Körper, etwa ein Eisen- oder Vitamin-D-Mangel oder eine hormonelle Störung, muss dieser Auslöser behandelt werden. Äusserliche Produkte allein reichen in solchen Fällen nicht aus.
Haarausfall ist kein Schicksal
Die gute Nachricht: Haarausfall ist kein Schicksal, sondern oft behandelbar – vorausgesetzt, Betroffene handeln früh. «Ich sehe immer mehr junge Menschen, die Veränderungen früh bemerken und sich Hilfe holen. Das ist sehr positiv, denn je früher man Haarausfall behandelt, desto besser sind die Erfolgsaussichten», sagt Baksanskaite.
Der erste Schritt ist immer, die genaue Ursache des Haarausfalls zu finden. «Wir beginnen mit einer ausführlichen Anamnese: Gibt es Vorerkrankungen? Werden Medikamente eingenommen? Das muss alles berücksichtigt werden».
Anschliessend untersucht die Ärztin die Kopfhaut mit einer Spezialkamera. Damit lassen sich Haarwurzeln, Haarqualität und Kopfhaut genau beurteilen. Zusätzlich müssen wichtige Laborwerte untersucht werden – etwa Eisen, Vitamin D, Zink, die Schilddrüsenwerte, das Blutbild und gegebenenfalls auch Cortisol. So lässt sich feststellen, ob ein Mangel vorliegt oder der Haarausfall genetisch bedingt ist. Erst danach wird über die passende Behandlung entschieden.
Liegt ein genetisch bedingter Haarausfall vor, kommen nach ärztlicher Abklärung Medikamente wie Minoxidil oder Finasterid infrage. Eine medikamentöse Therapie kann Nebenwirkungen haben und muss in der Regel langfristig fortgeführt werden. Eine hundertprozentige Garantie, dass sie Wirkung zeigt, gibt es allerdings nicht. Genetischer Haarausfall lässt sich nicht heilen, sondern lediglich stabilisieren und teilweise verbessern. Wenn die Haarfollikel einmal abgestorben sind und bereits eine Glatze entstanden ist, kann man sie mit Medikamenten nicht mehr zurückbringen. Deshalb ist ein früher Therapiebeginn entscheidend.
Eine Alternative mit vergleichsweise wenigen Nebenwirkungen ist die Eigenbluttherapie (PRP), die auch Michèle Burkart getestet hat. Dabei wird aus dem Eigenblut ein an Wachstumsfaktoren reiches Plasma gewonnen und mit feinen Nadeln etwa zwei Millimeter tief in die Kopfhaut injiziert. Die Therapie soll die Haarwurzeln anregen, die Durchblutung fördern und Entzündungen reduzieren.
Dr. Juste Baksanskaite zur Eigenbluttherapie (PRP): Dabei wird aus dem eigenen Blut ein an Wachstumsfaktoren reiches Plasma gewonnen und mit feinen Nadeln etwa zwei Millimeter tief in die Kopfhaut injiziert.
Māra Haarklinik Zürich
Für sichtbare Ergebnisse sind in der Regel sechs bis acht Sitzungen im Monatsabstand nötig, anschliessend empfiehlt sich eine Auffrischung etwa alle sechs Monate. Eine Behandlung kostet rund 500 Franken. «Bei Menschen mit sehr frühem und starkem genetischem Haarausfall reicht PRP allein häufig nicht aus. Dann kombinieren wir die Behandlung mit Medikamenten wie Minoxidil oder Finasterid,» so die Ärztin.
Sind bereits Geheimratsecken oder kahle Stellen entstanden, hilft oft nur noch eine Haartransplantation, da die Haarfollikel bereits abgestorben sind. Doch eine Haartransplantation allein ist keine dauerhafte Lösung. Die transplantierten Haare bleiben zwar bestehen, die übrigen, genetisch empfindlichen Haare können jedoch weiterhin ausfallen. Deshalb wird auch nach einer Transplantation meist eine Kombination mit Medikamenten oder PRP-Behandlungen empfohlen.
Stress spielt eine Rolle
Doch auch Stress spielt bei der Haarpracht eine Rolle. «Unsere Haarfollikel reagieren sehr empfindlich auf Veränderungen im Körper. Bei starkem Stress wird vermehrt Cortisol ausgeschüttet. Dieses Stresshormon beeinflusst den Haarzyklus und sorgt dafür, dass viele Haarwurzeln gleichzeitig von der Wachstumsphase in die Ruhephase wechseln», so die Ärztin.
Die Folge: Die Haare fallen nicht sofort aus, sondern meist erst drei bis vier Monate nach dem belastenden Ereignis. «Deshalb frage ich meine Patientinnen und Patienten immer: Was ist vor drei oder vier Monaten passiert? Viele denken zunächst gar nicht daran, dass ein belastendes Ereignis die Ursache sein könnte».
Genetischem Haarausfall kann man zwar nicht vorbeugen. Doch für die allgemeine Haargesundheit empfiehlt die Ärztin eine ausreichende Eiweisszufuhr, genügend Eisen und Vitamin D, ausreichend Schlaf sowie möglichst wenig chronischen Stress. Das kann vor allem diffusen Haarausfall positiv beeinflussen. «Je früher man Veränderungen bemerkt und handelt, desto besser sind die Behandlungschancen», sagt Baksanskaite.
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