Darum geht’s
- Am Mittwoch verdeckt der Mond in der Schweiz bis zu 93 Prozent der Sonne.
- Was Menschen früher mit Drachen, Dämonen und anderen Mythen erklärten, ist heute als natürliches und berechenbares Himmelsereignis bekannt.
- Dennoch kursieren in sozialen Medien unbelegte Verschwörungstheorien.
- Tatsächlich gefährlich ist nur der direkte Blick in die Sonne ohne geeignete Schutzbrille.
Wenn sich der Mond vor die Sonne schiebt, scheint für einen Moment die gewohnte Ordnung ausser Kraft gesetzt: Das Licht wird fahl, die Temperatur sinkt, Vögel verstummen und Pflanzen wie etwa Mittagsblumen schliessen ihre Blüten.
Wissenschaftlich ist die Sonnenfinsternis gut erklärt. Sie entsteht, einfach gesagt, wenn der Mond vor der Sonne steht und sie von der Erde aus gesehen ganz oder teilweise verdeckt. Heute verfolgen Millionen Menschen das Himmelsspektakel fasziniert, früher löste es vor allem Angst aus.
Am heutigen Mittwoch kommt es in der Schweiz zu einer sogenannten partiellen Sonnenfinsternis. Das heisst: Die Sonne ist hierzulande bis zu circa 93 Prozent vom Mond abgedeckt. In anderen Ländern wie beispielsweise in Teilen von Spanien und Island kommt es zu einer totalen Finsternis.
Drachen und Dämonen als Erklärung
In der Antike und teils noch im Mittelalter fehlte Menschen die astronomische Erklärung für das plötzliche Verschwinden des Tageslichts. Viele alte Völker sahen Sonnenfinsternisse als übernatürliche Erscheinungen an und fürchteten sich davor. Man betrachtete sie als Vorboten nahenden Unheils oder glaubte, die Sonne sei von feindlichen Dämonen bedroht.
Im alten China glaubte man, dass eine Sonnenfinsternis entsteht, wenn ein himmlischer Drache die Sonne angreift und verschlingt. Chinesische Aufzeichnungen von Finsternissen zählen zu den ältesten der Welt und reichen mehr als 4000 Jahre zurück. In einer heisst es schlicht: «Die Sonne wurde gegessen», wie in der «Enzyklopädie Britannica» steht.
Um den Drachen zu vertreiben und die Sonne zu retten, schlugen die Menschen während einer Sonnenfinsternis Trommeln und machten möglichst viel Lärm. Da die Sonne nach diesem Getöse stets wieder erschien, lässt sich leicht nachvollziehen, weshalb sich dieser Brauch über lange Zeit hielt.
Darstellung von Rahu, dem Schlangendämon und Verursacher von Sonnen- und Mondfinsternissen.
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In der hinduistischen Mythologie erklärt eine Legende die Sonnenfinsternis laut der «Enzyklopädie Britannica» so: Der Schlangendämon Rahu wollte den Trank der Unsterblichkeit stehlen. Doch Vishnu, einer der wichtigsten Götter im Hinduismus und Beschützer der Welt, bemerkte den Betrug und schlug Rahu den Kopf ab.
Weil Rahu zuvor noch einen Schluck des Tranks genommen hatte, blieb sein Kopf unsterblich. Seitdem jagt er der Sonne hinterher und verschlingt sie manchmal. Doch ohne Kehle kann er sie nicht bei sich behalten, deshalb erscheint die Sonne bald wieder.
Auch die Sprache wurde durch die alten Ängste bezüglich der Sonnenfinsternis beeinflusst: Die Punkte, an denen die Mondbahnen die Ebene der Erdbahn kreuzen und in deren Nähe Finsternisse möglich werden, heissen in der Astronomie bis heute «Drachenpunkte». Die Zeitspanne zwischen zwei Drachenpunkt-Durchgängen des Mondes wird auch «drakonischer Monat» genannt.
Moderne Verschwörungstheorien
Jahrhundertelang galten Sonnenfinsternisse als Vorboten von Krieg, Hunger und dem Tod mächtiger Herrscher. Erst Astronomen zeigten: Sie sind natürliche, berechenbare Himmelsereignisse.
Auch heute kursieren rund um die Sonnenfinsternis Unwahrheiten und Verschwörungstheorien, vor allem in den sozialen Medien. Anders als frühere Mythen über Drachen oder Dämonen drehen sich diese Erzählungen jedoch um angeblich geheime Regierungsexperimente, drohende Stromausfälle oder die vermeintliche Vertuschung ausserirdischer Aktivitäten.
So war es auch 2024 bei der totalen Sonnenfinsternis in den USA. Rechtsextreme Akteur*innen und Verschwörungstheoretiker*innen behaupteten damals, eine Elite wolle das seltene Ereignis zur Kontrolle der Bevölkerung oder für politische Umwälzungen nutzen, wie das Magazin «Wired» berichtete.
Auf Telegram, X, Youtube, Instagram und Tiktok verbreiteten sich zudem Warnungen vor Weltuntergang, okkulten Ritualen, Ausnahmezustand oder Giftgas-Attacken.
Behördenvorkehrungen wegen der erwarteten Besucherströme, etwa Warnungen vor überlasteten Mobilfunknetzen, dienten der Sicherheits- und Infrastrukturplanung, wurden aber als Beweis geheimer Pläne gedeutet.
Spekulationen nährten auch der zur gleichen Zeit stattfindende Neustart des Cern-Teilchenbeschleunigers sowie drei Nasa-Forschungsraketen, die die Auswirkungen der Finsternis auf die Atmosphäre untersuchen sollten. Daraus konstruierten Verschwörungstheoretiker*innen angebliche «Portale» und Rituale. Auch religiöse Endzeitdeutungen kursierten.
Keine wissenschaftlichen Belege
Eine der seit Jahren verbreitetsten Behauptungen bezüglich der Sonnenfinsternis lautet, dass währenddessen schädliche Strahlungen freigesetzt werden, die Erwachsenen oder ungeborenen Kindern schaden könnten.
Eine weitere Behauptung stammt aus der Flat-Earth-Szene: Weil sich eine Sonnenfinsternis nach ihrem Weltbild kaum schlüssig erklären lässt, behaupten einzelne Anhänger*innen, die Nasa inszeniere oder manipuliere die Beobachtungen. Spezielle Schutzbrillen und Warnungen vor dem Blick in die Sonne deuten sie mitunter nicht als Sicherheitsmassnahme, sondern als Teil einer angeblichen Vertuschung.
Die Verschwörungserzählungen wurden von Fachleuten in verschiedenen Medien mehrfach als Falschbehauptungen widerlegt. Für die Behauptung, Sonnenfinsternisse könnten individuelle Schicksale beeinflussen oder künftige Ereignisse vorhersagen, gibt es keine wissenschaftlich belastbaren Belege.
«Project Anchor» mit 40 Millionen Todesopfern
Auch im Zusammenhang mit der Sonnenfinsternis am Mittwoch kursiert in den sozialen Medien eine Verschwörungstheorie: Die Schwerkraft auf der Erde soll am Mittwoch, 12. August, für sieben Sekunden ausgesetzt werden. Die US-Raumfahrtbehörde Nasa weist das Gerücht klar zurück: Die Erde werde ihre Anziehungskraft nicht verlieren.
Hinter der Verschwörungserzählung steht das angebliche geheime «Project Anchor». Demnach soll die Nasa seit Jahren von einer bevorstehenden «Gravitationspause» wissen, diese verschweigen und geheime Bunker errichten. In Posts ist zudem von weltweit bis zu 40 Millionen Todesopfern die Rede.
Für diese Behauptungen gibt es keine Belege. Ein Nasa-Sprecher erklärte gegenüber der Faktencheck-Plattform «Snopes», die Schwerkraft der Erde werde durch die Masse des gesamten Erdsystems bestimmt – also unter anderem durch Kern, Mantel, Kruste, Ozeane, Wasser und Atmosphäre. Sie könne nicht spontan für wenige Sekunden «abgeschaltet» werden.
Doch ein Risiko besteht bei jeder Sonnenfinsternis, auch bei einer partiellen: Wer direkt in die Sonne blickt, muss unbedingt geeigneten Augenschutz tragen. Die Gefahr geht dabei nicht von der Finsternis selbst aus, sondern von der nach wie vor intensiven Sonnenstrahlung.
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