blue News misst nach
In Berner Schulzimmern steigen die Temperaturen auf über 30 Grad. Im Bundeshaus bleibt es dank Kühlung deutlich angenehmer.
Darum geht’s
- Während sich Berner Klassenzimmer zum Schulbeginn auf 31,3 Grad aufheizen, arbeiten Parlamentarier*innen 1,7 Kilometer entfernt bei gekühlten 24,4 Grad – zwei grosse Kältemaschinen im Bundeshaus machen es möglich.
- Als dort ein Ventilatormotor ausfiel, war die Panne am nächsten Morgen Gesprächsthema Nummer eins – und am selben Abend behoben.
- Für Büroarbeitsplätze empfiehlt das Seco maximal 26 Grad. Für Schulzimmer gilt keine Grenze, Hitzefrei ist seit 2003 abgeschafft, und Berns Bildungsdirektor nennt die Hitze «auch eine Komfortfrage».
- Der Bundesrat hält nicht einmal einen Bericht für nötig. Ein Schulleiter kündigt an: «Wenn aber das erste Kind wegen Hitze kollabiert, dann werden wir auf eigene Faust Klimaanlagen kaufen.»
Im Kanton Bern hat die Schule wieder begonnen – mitten in einer Hitzeperiode, die seit Wochen anhält. blue News hat am Freitag in einem Berner Schulhaus nachgemessen: Ein Klassenzimmer ohne Klimaanlage heizte sich bis am Mittag auf 31 bis 32 Grad auf. Und das, obwohl darin gar kein Unterricht stattfand.
Rund 1,7 Kilometer Luftlinie entfernt, im Bundeshaus, sieht die Lage anders aus. Dort mass blue News kurz vor Mittag 26 Grad im leeren Nationalratssaal und 25 Grad in der Wandelhalle, obwohl es dort grosse Fensterfronten gibt.
Grenzwertig: So nennen angefragte Schulleiter*innen und Lehrpersonen die Situation gegenüber blue News. Die Stadt hat zwar reagiert. Auf den Pausenplätzen stehen Nebelanlagen, Hausabwarte lüften zudem die Schulzimmer bereits um 6 Uhr morgens.
Doch diese Strategie stösst an Grenzen: Nach so vielen heissen Wochen hätten sich die dicken Mauern der alten Schulhäuser derart aufgeheizt, dass selbst frühes Lüften kaum mehr etwas bringe, sagt ein Schulleiter. Bleibt oft nur der Ventilator.
Unruhe im Bundeshaus wegen kaputter Lüftung
Deutlich kühler siehts im Bundeshaus aus. Das Bundesamt für Bauten und Logistik bestätigt: «Es werden alle Konferenzzimmer, Sitzungszimmer, Büros sowie der Nationalratssaal und der Ständeratssaal über die Lüftungsanlage aktiv gekühlt.» Möglich machen das zwei grosse Kältemaschinen.
Wie selbstverständlich das geworden ist, zeigte sich diese Woche. Am Donnerstag fiel während der Sitzung der Bildungskommission im Zimmer 301 der Motor des Abluftventilators aus. Am Freitagmorgen war die Panne im Bundeshaus Gesprächsthema Nummer eins: Ein anwesendes Kommissionsmitglied berichtet, die «Deos» seien «kollektiv ausgefallen». Noch am selben Tag baute ein Lüftungstechniker laut Bundesamt einen Ersatzmotor ein. Kurz nach 18 Uhr lief die Klimatisierung wieder.
Offiziell klagen mag niemand. Mitte-Nationalrat Dominik Blunschy sagt: «Wir sind nicht zum Jammern im Bundeshaus, sondern zum Arbeiten – auch wenn das Hemd dabei einmal etwas schneller nass wird.» SVP-Nationalrat Ernst Wandfluh ergänzt: «Als Bauer ist man sich gewohnt, auch mal bei Hitze zu arbeiten.»
«Wir sind nicht zum Jammern im Bundeshaus, sondern zum Arbeiten – auch wenn das Hemd dabei einmal etwas schneller nass wird.»
Dominik Blunschy
Mitte-Nationalrat
Hinter vorgehaltener Hand bestätigen mehrere Kommissionsmitglieder aber, dass konzentriertes Arbeiten mit zunehmender Sitzungsdauer nur noch mit grosser Anstrengung möglich war.
Wie gut ansonsten die Kühlung funktioniert, zeigte SP-Nationalrätin Anna Rosenwasser, die für blue News am Freitagmittag im Kommissionszimmer den Thermometer aufstgellte. Das Messung: 24,4 Grad – während es im Berner Schulzimmer über 30 Grad hatte. Sie kritisiert, dass die Kühlung auch mal zu stark arbeiten würde und sagt: «Hier wähne ich uns definitiv in einer privilegierten Position gegenüber anderen Arbeitsplätzen oder Schulen.»
Lehrer*innen fordern Hitze-Obergrenze
Genau diese Ungleichheit steht im Zentrum des Positionspapiers, das der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) im Frühsommer veröffentlicht hat. Der Verband fordert eine verbindliche Obergrenze von 26 Grad für regulären Unterricht und einen dreistufigen Hitzeschutzplan: Normalbetrieb bis 26 Grad, eingeschränkter Unterricht zwischen 26 und 30 Grad und schliesslich die Einstellung des regulären Unterrichts ab 30 Grad.
Der LCH verweist auf Messungen des Lehrerinnen- und Lehrervereins Baselland an 38 Schulen: Mittags lagen die Temperaturen im Schnitt bei 30 Grad, am Nachmittag stiegen sie auf Spitzenwerte von bis zu 42 Grad. Pikant ist der Vergleich mit der Arbeitswelt: Für Büroarbeitsplätze empfiehlt das Seco bei sitzender, geistiger Tätigkeit maximal 26 Grad – exakt jener Wert, den blue News im Nationalratssaal gemessen hat.
Für Schulzimmer gibt es auf Bundesebene hingegen keine Temperaturgrenze. Verbindlich ist einzig der Mutterschutz mit 28 Grad. Und einen Anspruch auf «Hitzefrei» gibt es nicht mehr: Basel-Stadt schaffte ihn 2003 als letzter Kanton ab.
Recherche-Hinweis
Haben Sie einen vertraulichen Hinweis zu diesem Thema? Melden Sie sich per E-Mail.
Im Kanton Bern sieht der zuständige Regierungsrat trotzdem keinen dringenden Handlungsbedarf. Bildungsdirektor Reto Müller (SP) sagte im Interview mit der «Berner Zeitung»: «Solange kein medizinisches Problem vorliegt, ist die Hitze auch eine Komfortfrage.» Die Kinder müssten lernen, damit umzugehen.
Die Aussage kam in der ersten Schulwoche nach den Sommerferien sowohl bei Schulleitungen, als auch bei Lehrpersonen schlecht an. Auch Hirnforscherin Barbara Studer widerspricht. Gegenüber der «Berner Zeitung» sagt sie, hier vermische man zwei Dinge: Resilienz und die physiologischen Grundvoraussetzungen fürs Lernen. «Man würde ja auch nicht sagen, Kinder müssten lernen, mit zu wenig Sauerstoff im Raum klarzukommen.»
Keine Einigkeit im Bundeshaus
Dass es Lösungen gäbe, zeigt eine Studie der ZHAW im Auftrag des Zürcher Hochbauamts, über die die «NZZ» zuerst berichtet hat. Die wirksamste und günstigste Gegenmassnahme sei laut Studie überraschend simpel: konsequente Nachtlüftung. Statt 26 Grad wären es zu Schulbeginn dann rund 22 Grad. Kombiniert mit Beschattung und Begrünung liesse sich die Mittagsspitze von 30 auf 27 Grad senken. Doch das Beispiel der Berner Schule zeigt: Wenn sich die Wände über mehrere Wochen aufgeheizt haben, hilft auch das nicht mehr weiter.
Politisch kommt das Thema derweil nicht vom Fleck. SP-Nationalrat Benoît Gaillard verlangte im September 2025 einen Bericht des Bundesrats zur raschen Kühlung von Schulen. Die Regierung anerkannte zwar, dass Hitze die Leistungsfähigkeit senkt und sich das Problem mit der Klimakrise verschärft. Den Vorstoss empfahl sie aber zur Ablehnung: «Aufgrund der zahlreichen bereits laufenden Arbeiten ist ein weiterer Bericht nicht notwendig.» Traktandiert wurde er bis heute nicht.
Nun doppelt Grünen-Nationalrätin Laura Gantenbein nach. Die Solothurnerin, selber Primarlehrerin, verlangt nationale Mindeststandards zum Hitzeschutz und einen vom Bund finanzierten Hitzefonds, der befristet Umbauten an Schulhäusern mitfinanzieren soll. Die SVP lehnt den Vorstoss ab. Im Kanton Baselland forderten die Jungfreisinnigen eine «Klimaanlagenpflicht» an öffentlichen Schulen. Der Kanton äusserte sich dazu gegenüber «20 Minuten» kritisch.
Im Umfeld eines Bundesratsmitglieds wurden am Freitagnachmittag 30 Grad gemessen.
ZVG
Immerhin: Auch im Umfeld von Bundesrätinnen und Bundesräten scheint man zu schwitzen. Angesprochen auf die Temperaturmessung von blue News griff eine Bundesangestellte selbst zum Thermometer und mass bei sich im Büro 30 Grad.
Video aus dem Ressort
Bundesrat schaltet wegen Hitze und Trockenheit nicht in Krisenmodus
Bundesrat schaltet wegen Hitze und Trockenheit nicht in Krisenmodus
#Adessonews seleziona nella rete articoli di particolare interesse.
Se vuoi leggere l’articolo completo clicca sul seguente link






