Darum geht’s
- Andrew und Tristan Tate wurden am 18. Juli in Miami festgenommen. Grossbritannien verlangt ihre Auslieferung, damit sie sich wegen insgesamt 59 Anklagepunkten verantworten können.
- Die Brüder sind Manosphere-Influencer und wurden durch frauenfeindliche Inhalte sowie ein millionenschweres Geschäft mit Webcam-Pornografie und Online-Kursen bekannt.
- Sie bestreiten sämtliche Vorwürfe und sprechen von politisch motivierten Anschuldigungen.
- Neben dem angestrebten Strafverfahren in Grossbritannien laufen auch Ermittlungen in Rumänien und den USA sowie mehrere Zivilklagen.
Andrew und Tristan Tate wurden am Samstag in Miami festgenommen. Grossbritannien verlangt ihre Auslieferung, damit sie sich dort wegen insgesamt 59 Anklagepunkten verantworten können.
Wer sind die Tate-Brüder?
Die Brüder Andrew (39) und Tristan (38) Tate sind Influencer der Manosphere – ein Sammelbegriff für misogyne Online-Communitys. Auf Social Media inszenieren sie sich als hypermaskuline Selfmade-Millionäre und erreichen Millionen junger Männer mit frauenfeindlichen, abwertenden Botschaften. Mehrere Social-Media-Plattformen haben die Brüder gesperrt, auf X zählt Andrew Tate 10,8 Millionen Follower. Die Brüder besitzen sowohl die britische als auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.
Ihr Vermögen verdienten die Brüder unter anderem mit der Produktion von Pornografie: Ab Mitte der 2010er-Jahre liessen sie Frauen vor Webcams für zahlende Kunden auftreten – zunächst in Grossbritannien, dann von Rumänien aus, später auch auf Plattformen wie Onlyfans. Dazu kommen Online-Kurse, in denen sie jungen Männern gegen Bezahlung ihr Geschäftsmodell beibringen. Zwischen 2014 und 2022 nahmen sie laut einem britischen Gerichtsentscheid mindestens 21 Millionen Pfund (rund 22,8 Millionen Schweizer Franken) ein. Das Verfahren betraf hinterzogene Steuern.
Warum wurden sie verhaftet?
Die britische Polizei untersucht seit Jahren Vorwürfe gegen die Tate-Brüder. Bereits 2024 hatte die britische Staatsanwaltschaft Anklagen in insgesamt 21 Punkten genehmigt – damals ging es um Vorwürfe von drei Frauen. Nachdem die Polizei weiteres Beweismaterial eingereicht hatte, entschied die Anklagebehörde nun, die Anklage auszuweiten, und verlangt die Überstellung der Brüder nach Grossbritannien.
Bei Andrew Tate kommen demnach 32 neue Anklagepunkte hinzu: sieben Fälle von Vergewaltigung, drei Fälle von Organisation oder Erleichterung von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung, drei Fälle von Körperverletzung sowie 19 Anklagepunkte im Zusammenhang mit Missbrauchsdarstellungen von Kindern und extremer Pornografie. Zusammen sind es bei ihm 42 Anklagepunkte.
Tristan Tate wird in zusätzlich sechs Punkten angeklagt: zwei Fälle von Vergewaltigung, drei Fälle von Menschenhandel und einmal wegen eines sexuellen Übergriffs. Insgesamt sind es bei ihm 17 Anklagepunkte.
Die mutmasslichen Taten sollen sich zwischen Juli 2010 und August 2017 im Osten Englands ereignet haben – in der Region, in der die Brüder aufgewachsen sind. Mit den neuen Anklagen steigt die Zahl der mutmasslichen Opfer in Grossbritannien von drei auf sieben.
Was sagen die Tate-Brüder dazu?
Andrew und Tristan Tate bestreiten sämtliche Vorwürfe. Ihr Anwalt Joseph McBride erklärte in den sozialen Medien, die Brüder seien unschuldig und würden freikommen, sobald ein Gericht die Fakten sehe. McBride bezeichnete die neuen Vorwürfe als «Schmutz und Verleumdung» und stellte das Auslieferungsersuchen als politisch motiviert dar.
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Wurden sie nicht schon mal verhaftet?
Doch, mehrfach. Bereits 2014 und 2015 wurden die Brüder im Zusammenhang mit Gewalt- und Vergewaltigungsvorwürfen mehrerer Frauen von der britischen Polizei festgenommen. Zu einer Anklage kam es damals nicht, weil die Staatsanwaltschaft die Aussichten auf eine Verurteilung als zu gering einstufte. Doch Andrew Tate nannte die Ermittlungen später als Grund für seinen Wegzug aus Grossbritannien.
Die beiden zogen nach Rumänien, wo die Brüder im Dezember 2022 erneut festgenommen wurden. Die dortige Staatsanwaltschaft klagte sie wegen Menschenhandels, Vergewaltigung und Bildung einer kriminellen Vereinigung zur Ausbeutung von Frauen an. Sie sollen Frauen mit falschen Liebesversprechen nach Rumänien gelockt und zur Produktion von Pornografie gezwungen haben. Auch diese Vorwürfe bestreiten die Brüder.
Im März 2024 wurden sie in Rumänien zudem kurzzeitig aufgrund britischer Haftbefehle festgenommen. Ein Bukarester Gericht entschied daraufhin, die Brüder nach Grossbritannien auszuliefern – allerdings erst nach Abschluss der rumänischen Verfahren.
Warum kamen sie damals wieder frei?
Von den Anklagen in Rumänien freigesprochen wurden die Tates nie, aber die Haftauflagen wurden schrittweise gelockert. Nach der Festnahme sassen sie bis März 2023 in Untersuchungshaft, dann bis im August im Hausarrest, schliesslich kamen sie unter gerichtlicher Aufsicht frei. Das bedeutete, sie durften das Land nicht verlassen und mussten sich regelmässig bei den Behörden melden.
Das Verfahren kam aber nicht voran: Im Dezember 2024 entschied ein Berufungsgericht, dass der Fall wegen verfahrensrechtlicher Mängel – etwa unverwertbaren Beweismitteln und Formfehlern in der Anklageschrift – vorerst nicht vor Gericht kommen könne, und verwies ihn zurück an die Staatsanwaltschaft.
Ende Februar 2025 hoben die Behörden schliesslich das Ausreiseverbot auf – die Brüder flogen umgehend im Privatjet nach Florida. Damals gab es Medienberichte, wonach die Trump-Regierung Druck auf Bukarest ausgeübt haben soll. Der damalige rumänische Premierminister hatte laut einer Recherche der «New York Times» geglaubt, damit die Trump-Regierung besänftigen zu können.
Andrew Tate als er im März 2024 in Bukarest in Handschellen aus dem Gericht geführt wurde.
AP
Es laufen aber auch zivilrechtliche Klagen?
Ja, mehrere. In London ist ein Zivilverfahren gegen Andrew Tate hängig. Vier Frauen verklagen Andrew Tate wegen mutmasslicher Vergewaltigung, Gewalt und psychischer Zwangskontrolle in den Jahren 2013 bis 2015. Es sind jene Frauen, die ihn bereits vor über zehn Jahren angezeigt hatten – deren Vorwürfe die Staatsanwaltschaft damals aber nicht zur Anklage brachte. Die vier Klägerinnen bleiben auf Anordnung des Gerichts anonym.
Auch im Strafverfahren sind die Namen der mutmasslichen Opfer bis zur Auslieferung nach Grossbritannien geschützt: einen Versuch der Brüder, die Offenlegung zu erzwingen, wies das Gericht Ende Juni ab.
In den USA verklagt zudem Andrew Tates Ex-Freundin, das Model Bri Stern, den Influencer: Er soll sie im März 2025 – kurz nach seiner Ankunft in den USA – geschlagen und gewürgt haben.
Auch diese Vorwürfe bestreitet Andrew Tate.
Und die Brüder klagen auch selbst: In Florida gehen sie seit 2023 wegen Verleumdung gegen eine Frau vor, die in der rumänischen Untersuchung als mutmassliches Opfer geführt wird.
Die Brüder müssen zunächst vor einem Bundesgericht in Miami erscheinen. Dort beginnt das Auslieferungsverfahren. Wehren sich die Brüder gegen die Überstellung nach Grossbritannien – wovon auszugehen ist –, kann sich das Verfahren über Monate hinziehen. Sollten sie ausgeliefert werden, erwartet sie in Grossbritannien ein Strafprozess.
Auch das Verfahren in Rumänien läuft weiter – die rumänische Staatsanwaltschaft ermittelt nach wie vor.
Und auch in den USA wird gegen die Brüder ermittelt: Laut einer Recherche der «New York Times» untersuchen Fahnder des US-Heimatschutzministeriums mögliche Menschenhandelsdelikte der Brüder.
Für Andrew und Tristan Tate gilt die Unschuldsvermutung.
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