Gibt es statt Frieden nun einen Flächenbrand in Nahost?


Eskalation im Iran-Konflikt

Durch einen US-Luftangriff beschädigten Brücke an der Strasse zwischen Rudan und Bandar Abbas im Süden des Iran.

EPA ISNA NEWS AGENCY / HANDOUT / KEYSTONE

Nach der Unterzeichnung des Rahmenabkommens hoffte die Weltgemeinschaft noch auf Frieden zwischen Teheran und Washington. Doch nun droht sich der Konflikt zu einem Flächenbrand auszuweiten.

Redaktion blue News

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20.07.2026, 20:32

Darum geht’s

  • Nach der jüngsten Eskalation im Iran-Konflikt warnen Experten vor einer Ausweitung des Krieges in Nahost.
  • Das US-Militär griff die neunte Nacht in Folge Ziele im Iran an. Teheran reagierte mit Vergeltungsschlägen.
  • Für beide Seiten birgt ein voll entflammter Krieg grosse Risiken.
Zusammenfassung erstellt mitmyAi

«Tolle Arbeit»: Auf Schloss Versailles liess sich Trump bei der Unterzeichnung des Rahmenabkommens noch von Emmanuel Macron feiern. Nach zähen Verhandlungen sollte eigentlich eine endgültige Vereinbarung zwischen Teheran und Washington innerhalb von 60 Tagen erzielt werden.

Doch nur rund fünf Wochen später deutet mehr auf einen ausgeweiteten Krieg hin als auf einen dauerhaften Frieden.

So bombardierten die USA die neunte Nacht in Folge Ziele in der Islamischen Republik. Dem US-Militär zufolge habe man im Iran militärische Kommandozentralen, Anlagen zur Flugabwehr und Küstenüberwachung, Vorrichtungen für Raketenabschüsse und Drohnenstarts sowie Kommunikationsnetzwerke attackiert. Zu diesem Zeitpunkt hatte Teheran das Rahmenabkommen längst einseitig für ausgesetzt erklärt.

Schiffsverkehr kommt zum Erliegen

Teheran meldete Explosionen in mehreren Landesteilen und reagierte mit Vergeltungsangriffen auf Bahrain und Kuwait. Erstmals seit den Anfangstagen des Konflikts hatte das US-Militär am Samstag auch wieder den Tod von Soldaten infolge von iranischem Beschuss gemeldet. Sie seien bei einem Einsatz in Jordanien ums Leben gekommen, als sich US-Streitkräfte gegen iranische Raketen- und Drohenangriffe verteidigten.

Indessen kam der Schiffsverkehr in der Meerenge von Hormus aufgrund der Kämpfe fast zum Erliegen, und der Ölpreis erreichte mit über 90 Dollar pro Barrel den höchsten Stand seit Anfang Juni. Die weltweite Energiekrise verschärft sich somit weiter.

Iranische Drohnen griffen US-Ziele in Jordanien an. (Symbolbild)

Iranische Drohnen griffen US-Ziele in Jordanien an. (Symbolbild)

sda

«Eskalation gerät ausser Kontrolle»

Droht im Nahen Osten also ein Flächenbrand? Experten zumindest sehen einen Schlüsselmoment im Iran-Konflikt. «Das ist für beide Seiten der Zeitpunkt, in dem sie aufwachen müssen», sagte Ellie Geranmayeh, Iran-Expertin beim European Council on Foreign Relations, der «New York Times» und fügt hinzu: «Entweder sie nutzen jetzt die diplomatische Ausstiegsmöglichkeit oder sie riskieren, dass der Krieg über eine begrenzte Eskalation hinaus ausser Kontrolle gerät.»

«Diese Eskalation verschärft sich rapide und gerät ausser Kontrolle», sagt auch Saeid Golkar, Experte für iranische Sicherheitsfragen an der University of Tennessee, dem «Wall Street Journal». Golkar zufolge besteht die Gefahr, «dass wir in einen totalen Krieg zurückfallen, auch wenn keine der beiden Seiten das will.»

Die USA stocken ihr Arsenal für weitere Angriffe jedenfalls weiter auf. Wie beide Zeitungen unter Berufung auf US-Beamte übereinstimmend berichten, verlegt das Militär unter anderem Kampfflugzeuge vom Typ F-16 vom US-Flugplatz Spangdahlem in der Eifel in den Nahen Osten. Zudem würden F-35-Kampfflugzeuge von dem von den USA genutzten Stützpunkt RAF Lakenheath in Grossbritannien geschickt, hiess es. Auch Tankflugzeuge befinden sich demnach auf dem Weg in die Region.

Die «Washington Post» zitierte ausserdem einen namentlich nicht genannten US-Beamten mit der Aussage, die USA würden sich auf einen umfassenderen Krieg vorbereiteten. Dieser betonte jedoch, dass unter anderem schwindende Waffenvorräte der USA einer Ausweitung des militärischen Vorgehens im Iran Grenzen setzen würden. «Wir haben nicht genug, um die Einsätze sicher aufrechtzuerhalten, und ich glaube nicht, dass sich das Weisse Haus dessen bewusst ist».

Derweil zeigen die jüngsten iranischen Vergeltungsschläge auf US-Truppen, dass Teheran trotz wochenlanger amerikanischer Angriffe weiterhin über ausreichend militärische Fähigkeiten verfügt, um auch weit entfernte Ziele zu bekämpfen. Immerhin liegt der US-Verbündete Jordanien noch weiter vom Iran entfernt als die US-Ziele in den Golfstaaten, die ebenfalls attackiert wurden.

Risiken für beide Seiten

Doch sowohl für die Trump-Regierung, als auch für die iranische Führung steht viel auf dem Spiel. Eine weitere Ausweitung des unpopulären Krieges birgt die Gefahr, dass Trumps Republikaner bei den bevorstehenden Zwischenwahlen massive Verluste hinnehmen müssen und ihre Mehrheiten im Kongress verlieren. Eine wichtige Rolle spielt dabei einmal mehr der Ölpreis. So müssen Autolenker*innen erstmals seit Mitte Juni wieder mehr als vier Dollar für eine Gallone (3,785 Liter) Sprit bezahlen. Die drastisch gestiegenen Treibstoffpreise sind nur ein Grund dafür, warum Trumps Iran-Politik äusserst unbeliebt ist.

Die iranische Wirtschaft hingegen war schon vor dem Konflikt in einem solch desolaten Zustand, dass landesweite Proteste von den Revolutionsgarden brutal niedergeschlagen wurden.

«Auf jeden Fall ist der Konflikt nun zu einem Wettlauf gegen die Zeit und zu einem Ausdauerkrieg geworden», schreibt der Sicherheitsexperte Hamidreza Azizi von der Stiftung für Wissenschaft und Politik auf X. So sei die entscheidende Frage, «ob die sich verschlechternden wirtschaftlichen und infrastrukturellen Bedingungen im Iran den durch die Instabilität in der Strasse von Hormus bedingten Anstieg der Energiepreise übersteigen oder umgekehrt.»

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Zeidon al-Kinani, Direktor des Arab-Perspektives-Instituts, sieht die Situation hingegen noch nicht ganz so kritisch. Es drohe jedoch ein «halb-dauerhafter Krieg» mit permanenenten Angriffen und kurz darauffolgenden Vergeltungsschlägen, wie er der ARD sagte.

Hoffnung auf Diplomatie

Inmitten der militärischen Eskalation ist die Diplomatie immerhin noch nicht zum Erliegen gekommen. So hiess es aus Teheran, die diplomatischen Bemühungen mit den USA würden trotz der Kämpfe fortgesetzt, ohne jedoch Einzelheiten zum Inhalt der Gespräche zu nennen.

Und auch Washington signalisierte weiter Gesprächsbereitschaft. «Wir sind stets offen für Diplomatie», sagte US-Aussenminister Marco Rubio – sofern Teheran bereit sei, eine getroffene Vereinbarung einzuhalten. Man werde es «auch weiterhin versuchen. Sollte sich diese Tür öffnen, würden wir das begrüssen», sagte Rubio.

Doch mit jedem jedem Angriff schwindet die Chance, eine Verhandlungslösung zu finden und das Ruder doch noch herumzureissen. Derzeit jedoch deutet vieles darauf hin, dass Washington und Teheran weiterhin die Waffen sprechen lassen.


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