Kann J. D. Vance Donald Trump 2028 als Präsident beerben?


Präsidentschaft 2028?

J. D. Vance gilt bereits als aussichtsreicher Anwärter auf die republikanische Präsidentschaftskandidatur 2028. Doch genau die Nähe zu Präsident Donald Trump, die ihm in der Partei hilft, könnte ihm bei der eigentlichen Wahl schaden.

Sven Ziegler

Darum geht’s

  • J. D. Vance verfügt als Vizepräsident über enorme Vorteile und gilt innerhalb der Republikanischen Partei bereits als Favorit für 2028.
  • Gleichzeitig muss er sich von unpopulären Entscheidungen Donald Trumps distanzieren, ohne dessen Unterstützung und die MAGA-Basis zu verlieren.
  • Selbst eine erfolgreiche Kandidatur wäre noch kein Garant für den Wahlsieg: Historisch scheiterten amtierende Vizepräsidenten häufig daran, ihre Vorgänger direkt zu beerben.
Zusammenfassung erstellt mitmyAi

Nur noch wenige Monate dauert es bis zu den Midterms-Wahlen, die die politische Weichenstellung für die amerikanische Politik in den nächsten zwei Jahren vorgeben. Eine Person dürfte die Resultate besonders genau mitverfolgen: J.D. Vance weiss, dass ein gutes Resultat für die republikanische Partei entscheidend ist für seine weitere Karriere.

Der US-Vizepräsident tourt durch Podcasts und Fernsehsendungen, veröffentlicht Bücher, besetzt Themen, die bei konservativen Wähler*innen gut ankommen, und sucht den direkten Kontakt zu unterschiedlichen Teilen der republikanischen Öffentlichkeit. Laut dem «Spiegel» gab Vance allein innerhalb eines Monats mehr als 30 Interviews. Sein neues Buch «Communion», in dem er seine Rückkehr zum Glauben beschreibt, wurde zum Bestseller. Längst ist klar: Dieser Mann will nicht im Schatten von US-Präsident Donald Trump bleiben. Er will dessen Job.

Zunächst spricht viel für Vance. Das «Wall Street Journal» kommt in einem Meinungsbeitrag zum Schluss, dass ihm die republikanische Kandidatur beinahe sicher wäre, sollte er tatsächlich antreten. Der entscheidende Vorteil sei weniger sein politisches Talent als sein Amt.

Vizepräsidenten erscheinen an der Seite des Präsidenten, profitieren von dessen Netzwerken und übernehmen Teile seiner politischen Infrastruktur. Sie können Spendengelder mobilisieren, ihre Bekanntheit steigern und potenzielle Rivalen früh unter Druck setzen. Vance tut genau das: Er führt  in Umfragen unter republikanischen Vorwahlberechtigten und verfügt innerhalb der Partei über eine zentrale Rolle bei der Finanzierung.

Zwar hat Aussenminister Marco Rubio in den letzten Umfragen deutlich aufgeholt und liegt nun nur noch knapp hinter Vance. Experten gehen allerdings davon aus, dass dieser Effekt von kurzfristiger Dauer ist. Rubio war in den vergangenen Wochen aufgrund des Kriegs im Nahen Osten in den Medien allgegenwärtig und deswegen derzeit besonders populär.

Die Geschichte spricht indes dafür, dass Vance die Vorwahl gewinnen könnte. In der modernen US-Politik setzten sich amtierende Vizepräsidenten bei der Kandidatenkür ihrer Partei fast immer durch, sofern sie überhaupt antraten. Richard Nixon, Hubert Humphrey, George H. W. Bush, Al Gore und zuletzt Kamala Harris wurden jeweils zu den logischen Kandidaten respektive Kandidatin ihrer Parteien.

Die Vorwahl ist kein Problem – schwierig wird es erst später

Die republikanische Vorwahl dürfte deshalb nicht das grösste Problem für Vance sein. Schwieriger wird die Frage, wie er sich überhaupt als Nachfolger positionieren kann, solange Donald Trump die Partei vollständig beherrscht.

Der «Spiegel» beschreibt Vances Dilemma anhand seines Auftritts im Podcast von Joe Rogan. Rogan wollte wissen, ob Vance den Krieg gegen den Iran ebenfalls begonnen hätte, wenn er selbst Präsident wäre. Vance wich aus und antwortete lediglich: «Das Ziel, dass der Iran keine Atomwaffe besitzen darf, finden wir alle gut. Das hat der Präsident richtig erkannt.»

Das ist kein Zufall. Vance soll Trump intern von einem militärischen Vorgehen abgeraten haben. Zugleich verteidigt er öffentlich das Ziel des Präsidenten, eine iranische Atombombe zu verhindern. Damit sendet er zwei Botschaften gleichzeitig: An kriegsmüde Teile der MAGA-Bewegung signalisiert er Distanz, an Trump demonstriert er Loyalität.

Dieser Spagat ist für seine Zukunft entscheidend. Vance muss zeigen, dass er eine eigene Linie besitzt. Würde er aber offen mit Trump brechen, könnte er einen grossen Teil der republikanischen Basis verlieren. Die MAGA-Bewegung ist weiterhin eng an die Person Trump gebunden. Ohne dessen Unterstützung dürfte es für Vance schwierig werden, sich als legitimer Erbe zu präsentieren.

Genau hier liegt eine grundsätzliche Schwäche seiner Strategie: Trump hat bislang wenig Interesse daran gezeigt, einen eindeutigen Nachfolger aufzubauen. Vance muss also Trumps Zustimmung gewinnen, ohne darauf zählen zu können, dass Trump sie ihm jemals eindeutig erteilt.

Ausserdem muss er eine gespaltene Basis hinter sich einen. Beim Iran-Krieg, beim Verhältnis zu Israel und beim Umgang mit den Akten des verstorbenen Sexualstraftäters Jeffrey Epstein verlaufen neue Bruchlinien.

Vance gelingt der Spagat bislang gut – aber bleibt das auch?

Im Gespräch mit Joe Rogan kritisierte Vance denn auch die Kommunikation der Regierung zu den Epstein-Akten, übernahm aber gleichzeitig unbelegte Spekulationen über mögliche Geheimdienstkontakte Epsteins. Er bezeichnete sich selbst als ein «Urgestein unter den Epstein-Verschwörungstheoretikern». Damit spricht er jenen Teil der MAGA-Basis an, der institutionellen Erklärungen grundsätzlich misstraut.

Vance hat somit gute Chancen, republikanischer Präsidentschaftskandidat zu werden. Ob er auch die Wahl gewinnen könnte, ist eine andere Frage.

Das «Wall Street Journal» verweist auf ein historisches Muster: Die Nähe zum amtierenden Präsidenten ist in der Vorwahl ein Vorteil, bei der Hauptwahl dagegen häufig eine Belastung. Im vergangenen Jahrhundert gelang nur George H. W. Bush 1988 die direkte Nachfolge eines Präsidenten, unter dem er als Vize gedient hatte. Alle anderen Kandidierenden scheiterten. Präsentestes Beispiel dürfte die ehemalige Biden-Vize Kamala Harris sein, die 2024 gegen Donald Trump antrat und diesem am Ende deutlich unterlag.

Vance sucht teilweise noch nach seinem Profil ohne Trump.

Vance sucht teilweise noch nach seinem Profil ohne Trump.

Keystone/AP Photo/Mark Schiefelbein

Vizepräsidenten werden für die Wirtschaftslage, die Aussenpolitik und die gesellschaftliche Stimmung ihrer Regierung mitverantwortlich gemacht. Gleichzeitig steht ihnen meist ein Gegner gegenüber, der glaubwürdig einen politischen Wechsel versprechen kann.

Für Vance bedeutet das: Je stärker er sich als Fortsetzung Trumps präsentiert, desto leichter kann ihn ein demokratischer Gegner für alle Probleme der Regierung verantwortlich machen. Distanziert er sich hingegen zu stark, riskiert er, den republikanischen Kern zu verärgern.

Innerhalb der Republikanischen Partei ist Trump sein wichtigster Vorteil. Für einen landesweiten Wahlsieg könnte Trump jedoch sein grösstes Problem werden. Vance dürfte daher versuchen, sich als loyaler Erbe zu präsentieren, der Trumps Bewegung fortführt, sie aber disziplinierter, ideologischer und berechenbarer führt.

Sein Weg ins Weisse Haus ist dennoch steil. Denn er führt für J.D. Vance ausgerechnet über einen Präsidenten, der sich selbst für unersetzlich hält.


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