Während Ceuta zum Alltag zurückkehrt, werden weiter Tote gesucht


Nach Massenansturm

Spanien verstärkt die Sicherung der Seegrenze mit einer schwimmenden Barriere.

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Offene Läden, lachende Kinder am Strand: In Ceuta spielen sich wieder Alltagsszenen ab. Doch im Meer werden weiter mögliche Tote gesucht. Und auch in Brüssel kehrt noch keine Ruhe ein.

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Redaktion blue News, DPA

Heute um 20:27Heute um 20:30

Darum geht’s

  • Nach einem Massenansturm von Migranten hat sich die Lage in Ceuta deutlich entspannt.
  • Während die spanische Exklave zum Alltag zurückkehrt, werden weiter Ertrunkene gesucht. «Es gibt mehr Tote im Meer», wird ein Polizeibeamter zitiert.
  • Inzwischen liegt die Zahl der Toten bei mindestens 72, wie die Behörden mitteilten.
  • Die Debatte über die Ursachen und Konsequenzen der Krise mit Dutzenden Todesopfern wird Spanien und die EU wohl noch lange beschäftigen.
Zusammenfassung erstellt mitmyAi

Nach dem beispiellosen Ansturm von Migranten kehrt Ceuta allmählich wieder zur Normalität zurück. Geschäfte, Cafés und Restaurants, die in der spanischen Nordafrika-Exklave wegen der chaotischen Szenen aus Angst tagelang geschlossen waren, öffneten wieder. Auf den Strassen waren viele Bewohner mit Einkaufstaschen unterwegs, an den Stränden spielten Familien mit Kindern, wie der staatliche TV-Sender RTVE berichtete. Die politische Debatte über die Ursachen und Konsequenzen der Krise mit Dutzenden Todesopfern dürften Spanien und die EU dagegen noch lange beschäftigen.

Nach Angaben der spanischen Regierung sind die meisten der rund 50’000 bis 60’000 Menschen, die nach verschiedenen Schätzungen vor allem am Mittwoch und Donnerstag aus Marokko in die Exklave gelangt waren, inzwischen wieder zurückgekehrt. In Ceuta patrouillieren noch 3000 wegen der Krise entsandte Sicherheitskräfte. Sie sollen dort nach Angaben des Innenministeriums «so lange wie nötig» bleiben.

Laut RTVE hielten sich noch einige hundert Neuankömmlinge in Ceuta auf. Die Lage sei aber entspannt. Versuche, über das Meer in die Exklave zu gelangen, seien nicht zu beobachten, berichtete eine Reporterin des Senders. 

Regionalpräsident Juan Jesús Vivas zeichnete ein anderes Bild. Er bestritt, dass die Normalität zurückgekehrt sei. Er bezifferte die Zahl der noch in Ceuta gebliebenen Migranten «auf Tausende». Vivas gehört der konservativen Volkspartei PP von Oppositionsführer Alberto Nuñez Feijóo an, der der linken Zentralregierung die alleinige Schuld an dem Ansturm gibt und von einer «Invasion» spricht.

Einige Ankömmlinge halten sich in Ceuta noch versteckt

Einige Marokkaner hielten sich zwar noch versteckt, «aber nach und nach gehen sie alle zurück», zitierte RTVE Bewohner an den Stränden der Exklave. Der Sender sprach auch mit einigen derjenigen, die nicht zurückwollen und sich in Seitenstrassen und Parks, zwischen Häusern oder auf den Hügeln verstecken.

Oder unter einer Strassentreppe, wie Humad und dessen Freund Hachim. «Ich suche hier ein besseres Leben. Ich habe in Marokko nur meine Mutter und meinen kleinen Bruder, der krank ist und Insulin braucht», erzählt der 20-Jährige. Sein erst 17 Jahre alter Freund Hachim sei ein guter Fussballer und träume davon, beim FC Barcelona zu spielen.

Andere Träume platzten brutal, wie jene ihres Freundes Mohamed. Der 19-Jährige sei wenige Meter vor der Küste ertrunken, erzählt Humad. «Er konnte schwimmen. Aber an der Grenzanlage waren so viele Menschen. Ich habe versucht, ihm zu helfen, aber er war zu weit weg». «Es sind viele Menschen gestorben. Ich habe ihm zugerufen: «Los, Mohamed, los!» Aber dann sah ich ihn nur noch dort…» Den Satz kann der junge Mann nicht mehr zu Ende bringen.

Tor zu Europa: Deswegen wird Ceuta immer wieder von Migranten gestürmt

Zehntausende Menschen aus Marokko erreichen die spanische Exklave Ceuta – viele schwimmend, andere über den Grenzzaun. Ein Urteil des Obersten Gerichts erschwert sofortige Rückschiebungen. Die Migrationskrise an der EU-Aussengrenze ha

Bereits 72 Todesopfer geborgen

Die Einsatzkräfte bargen weitere Leichen. Inzwischen liegt die Zahl der Toten bei mindestens 72, wie die Behörden mitteilten. Einsatzkräfte suchen das Meer weiter ab. Die Zeitung «El País» zitierte einen anonymen Polizeibeamten mit den Worten: «Es gibt mehr Tote im Meer.» Die meisten Todesopfer ertranken bei dem Versuch, schwimmend von Marokko aus in die Exklave an der Strasse von Gibraltar zu gelangen.

Schnell verwirklichte die Zentralregierung die Ankündigung von Ministerpräsident Pedro Sánchez, mit einer rund 500 Meter langen aufblasbaren orangefarbenen Barriere ein weiteres Hindernis an der Grenze zu schaffen. Die schwimmende Sperre, die je nach Wellengang etwa 30 bis 70 Zentimeter aus dem Wasser ragt und bis zu einem Meter in die Tiefe reicht, soll verhindern, dass Migranten schwimmend nach Ceuta gelangen. Die Barriere ist im Grunde eine Verlängerung des Grenzdamms an Land im Meer. 

Die Lücke im Gesetz

Die Barriere solle auch dazu beitragen, dass die Kontrolle und Überwachung des Gebiets verbessert werde, heisst es vom Innenministerium. Mit der neuen Sperre, die durch eine Bojenkette verstärkt wird, will Madrid aber nicht zuletzt eine Lücke schliessen, die nach Einschätzung mancher Beobachter durch ein Urteil des Obersten Gerichts entstanden war.

Das Gericht hatte Anfang Juli entschieden, dass Migranten, die über einen unbefestigten Grenzabschnitt wie das Meer nach Spanien gelangen, Anspruch auf eine individuelle Prüfung ihres Asylbegehrens haben. Eine sofortige Zurückweisung ist demnach nur zulässig, wenn sie zuvor einen Zaun oder eine andere Grenzsperre überwunden haben.

EU-Innenminister beraten am Dienstag über die Krise

In der EU verschärft sich die Debatte über den Schutz der Aussengrenzen. Er erwarte, dass die EU-Kommission dem Thema «absolute Priorität einräumt, um das Schengen-System offener EU-Binnengrenzen nicht weiter zu gefährden», sagte Aussenminister Johann Wadephul der «Bild am Sonntag».

Am Dienstag wollen die EU-Innenminister per Videokonferenz über die Krise beraten. Das Treffen könnte auch der Aussprache dienen – waren in den vergangenen Tagen deutliche Risse zwischen den EU-Partnern sichtbar geworden. Italien und Dänemark initiierten einen offenen Brief, in dem Madrid indirekt vorgeworfen wird, mit jüngsten migrationspolitischen Entscheidungen unerwünschte Signale gesendet zu haben. 22 der 27 EU-Staats- und Regierungschefs unterzeichneten ihn.

Sánchez kritisierte die Reaktion einiger EU-Partner als von «Vorurteilen, Falschmeldungen, Unwissenheit oder politischen Interessen» getrieben. Ceuta gehöre nicht zum Schengen-Raum, schrieb er an die EU-Spitze. Migranten könnten von dort nicht ohne Weiteres in andere EU-Staaten weiterreisen.