Darum geht’s
- Hüppi hat sich nach dem Cupsieg die Sandoz-Trophäe tätowieren lassen. Den Machtkampf im Klub betrachtet er als beendet.
- Der FCSG sei sportlich gut aufgestellt. Eine europäische Ligaphase wäre attraktiv, die Doppelbelastung aber anspruchsvoll.
- Hüppi bleibt trotz Cupsieg und Platz 2 zurückhaltend bei den Titelzielen. Entscheidend sei die kontinuierliche Weiterentwicklung.
Matthias Hüppi, mit Verlaub: Sind Sie mit 68 Jahren nicht zu alt für Tattoos?
(lacht) Selbstverständlich nicht. Es geht darum, Sachen, die man in Aussicht stellt und ankündigt, auch durchzuziehen.
Sie haben sich nach dem Cupsieg die Sandoz-Trophäe unter die rechte Wade stechen lassen. Was ist der Hintergrund?
Als ich vor neun Jahren hier angefangen habe, habe ich im Kreis der Verwaltungsratskollegen in einer lustigen Runde versprochen, einen allfälligen Titelgewinn auf mir zu verewigen. Es ist mein erstes Tattoo – mal schauen, ob noch eines dazu kommt.
Nicht nur auf Ihrem Körper hat der Cupsieg Spuren hinterlassen. Direkt nach dem Schlusspfiff haben die Fans mit Transparenten einen Zug ins Rollen gebracht, auf den Sie im Anschluss im SRF-Interview aufgesprungen sind. Sie sagten: «Es waren extrem harte Wochen und Monate für mich. Der FC St. Gallen ist nicht immer der Planet der Seligen, es wirken verschiedene Kräfte. Eine meiner Aufgaben als Präsident ist es, Schaden vom Klub fernzuhalten. Es gibt momentan Tendenzen, die wir in dieser Form nicht akzeptieren werden.» Würden Sie im Nachhinein noch einmal die gleichen Worte wählen?
Für mich ist die Geschichte erledigt und weit weg. Was es zu sagen gab, ist gesagt. Aber selbstverständlich stehe ich immer zu meinem Wort.
Es war ein gut gewählter Zeitpunkt, die ganze Fussballschweiz hat Ihnen zugehört.
Das ging mir in keiner Sekunde durch den Kopf. Ich bin kein Mensch, der so etwas von langer Hand plant. Dass es irgendwann Mal zum Thema werden musste, war klar. Den Moment in dieser Form habe ich nicht ausgesucht. Es hat sich einfach so ergeben.
«Was mir rausgerutscht ist, war nicht geplant, so clever bin ich nicht», sagten sie im Nachhinein. Als Kommunikationsfachmann muss Ihnen die Wirkung der gewählten Worte doch bewusst gewesen sein.
Natürlich ist die Kommunikation eines meiner Hauptgebiete, um Klarheit zu schaffen und Ideen zu verbreiten. Auf der anderen Seite bin ich kein Mensch, der kühl kalkuliert. Es ist auch in keiner Phase um mich persönlich gegangen, sondern nur um das Wohl des Klubs. Ich bin ein toleranter Mensch. Aber es gibt gewisse Grundwerte und Haltungen, die nicht verhandelbar sind.
In den Tagen nach dem Cupsieg entbrannte ein Machtkampf innerhalb der Vereinsführung. Nachdem Sie klargemacht hatten, die vom Aktionariat angestrebten Veränderungen im Verwaltungsrat nicht mitzutragen, sollten Sie als Präsident abgelöst werden. Am Ende war der Druck der Öffentlichkeit, der Politik und vor allem der Fanszene jedoch zu gross. Sie blieben im Amt, stattdessen gaben vier Aktionäre ihre Anteile am Klub ab – unter ihnen Patrick Thoma, der auch aus dem Verwaltungsrat ausschied. Zu lesen war von einem Ultimatum, das Sie den Grossaktionären Thoma und Roland Gutjahr gestellt hätten.
Für mich ist die Geschichte beendet. Streitereien in der Öffentlichkeit – davon bin ich überzeugt – hinterlassen nur Verlierer, auch wenn man zu den vermeintlichen Gewinnern zählt. Es bleibt immer etwas haften.
Der zweite Cupsieg der Klubgeschichte, der grösste Erfolg nach 26 titellosen Jahren, wird für immer mit dem Zwist zwischen dem Verwaltungsrat und dem Aktionariat verbunden sein. Sehen Sie das als Tolggen im Reinheft oder als notwendiges Übel?
Als Letzteres. Ich hätte liebend gerne auf diesen Kraftakt verzichtet. Aber es war dann relativ schnell klar, wie es weitergeht und jetzt bin ich sehr zuversichtlich. In Zukunft wird der Glanz des Festes, des Sieges, des Publikums im Wankdorf und der Cupfeier mit 60’000 Menschen in der Stadt in Erinnerung bleiben.
Der Zwist auf Führungsebene hatte keine Auswirkungen auf den sportlichen Höhenflug der Mannschaft, die mit zwei Siegen in die neue Super-League-Saison gestartet ist und nach wie vor die Chance auf eine europäische Ligaphase hat. Wie wichtig wäre eine solche für den FC St. Gallen?
Ein Platz auf der europäischen Karte ist in jeder Beziehung von Vorteil. Für die Spieler ist es attraktiv, um sich weiterzuentwickeln. Hinzu kommt der wirtschaftliche Aspekt – wobei es trügerisch ist: In der Conference League wirst du nicht mit Gold überschüttet.
Ist das Kader gemacht für die Doppelbelastung?
Im Endeffekt weiss man das erst im Nachhinein. Vor zwei Jahren, als wir die Ligaphase der Conference League erreicht haben, haben wir wichtige Erfahrungen gesammelt, es war ein Lehrblätz (in der Super League resultierte nur Platz 8; Anm. d. Red.). Aber ich bin guten Mutes. Wir haben ein ausbalanciertes Kader, eine Mannschaft, die gut zusammengestellt ist und die im Vergleich zur Vorsaison grossmehrheitlich unverändert blieb.
In dieser Woche hat der Klub den Abgang von Assistenztrainer Marvin Compper zu Royal Antwerpen bekannt gegeben. Wie lange können Sie Ihren Erfolgstrainer Enrico Maassen noch halten? Den Klubs aus der Bundesliga wird nicht entgangen sein, welche Entwicklung die Mannschaft unter dem Deutschen genommen hat.
Das ist überhaupt kein Thema bei uns. Wir haben ein hervorragendes Einvernehmen mit Enno und dem Trainerteam. Einem Assistenztrainer, der die letzten zwei Jahre hier hervorragende Arbeit geleistet hat, die Chance auf einen Cheftrainerposten in einer bedeutenden europäischen Liga zu verbauen, hätte nicht unserer Philosophie entsprochen. Klar, es gibt Verträge, man muss sich aufeinander verlassen können. Es kann aber immer sein, dass eine Lage neu beurteilt werden muss. Ich bin da völlig entspannt.
Am Sonntag steht das Heimspiel gegen Luzern an. Trotz der grossen Entfernung zwischen diesen beiden Städten ist es eine Partie mit Derby-Charakter. Können Sie sich erklären, wieso unter den Fans eine derart grosse Rivalität herrscht?
Der FC Luzern ist vergleichbar mit dem FC St. Gallen, was das Einzugsgebiet und die Begeisterung bei den Menschen anbelangt. Die Spiele zwischen diesen beiden Klubs, die die Menschen berühren, sollen besonders und emotional sein. Ich sehe es aber nicht als Kampf zwischen Rivalen und rate zur Besonnenheit.
Matthias Hüppi, Stillstand ist Rückschritt. Würden Sie diesem Sprichwort beipflichten?
Definitiv. Wenn man meint, man könne in besonders guten Zeiten gemütlich zurücklehnen, kann es schnell sein, dass der Lehnstuhl auf die falsche Seite kippt. Das gilt es zu verhindern. Das braucht immer wieder neue Energie, Kraft, Teamwork und Widerstandskraft. Es ist einfach, den Job auszuführen, wenn die Sonne scheint und man jedes Spiel gewinnt. Entscheidend ist, wie man agiert, wenn es richtig ‹obenabaerägnet›. An dem muss man arbeiten, auch bei schönem Wetter. Sonst wird man vom Gewitter überrascht und es kommt nicht gut.
Stillstand ist Rückschritt – heisst aufs Sportliche umgemünzt: Nach Platz 2 und dem Cupsieg ist für den FC St. Gallen in dieser Saison nur das Double gut genug.
Das sagen Sie, und das werden Sie von mir nicht hören. Wir sind ambitioniert und selbstbewusst, wollen Menschen begeistern. Aber wir wissen auch, was für eine Position wir in dieser Liga haben und wie gross die Herausforderung ist, an die letzte Saison anzuknüpfen.
Aber auf der linken Wade hätte es noch Platz …
(lacht) Da sage ich natürlich gar nichts dazu, da erwischen Sie mich nicht auf dem falschen Fuss, respektive auf der falschen Wade. Ich habe Freude an diesem einen Tattoo, das wie gesagt ein Meisterwerk geworden ist.
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