Kampfzone Airbnb
Santa Cruz ist ein Ferienort an Portugals Atlantikküste – und seit einigen Jahren die Heimat von blue-News-Kolumnistin Michelle de Oliveira.
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Darum geht’s
- Früher buchte blue-News-Kolumnistin Michelle de Oliveira am liebsten Airbnbs.
- Seit sie in Portugal neben Ferienwohnungen lebt, hat sich ihre Sicht auf die Vermietungsplattform grundlegend verändert.
- Warum sie heute bewusster reist und sich mehr Rücksicht von Feriengästen wünscht.
Vor einigen Jahren war für mich immer klar: Wenn ich verreise, schlafe ich in Airbnbs. Ich wohnte lieber in Privatwohnungen anstatt in Hotelkomplexen, fühlte mich näher am lokalen Leben und die Auswahl war kreativer und ausgefallener.
Ob eine winzige Stadtwohnung im Pariser Marais, eine Künstlerwohnung in Tel Aviv, eine Pool-Villa in Bali oder ein Holzhäuschen in Reykjavik: Mir machte das Reisen Spass so und ich machte ausschliesslich gute Erfahrungen mit den Unterkünften und den Gastgebenden.
Mit der Zeit wurde mir aber die Problematik dieser Vermietungsart bewusst. Weil es lukrativer ist, kurzzeitig an Tourist*innen zu vermieten, wird es für die lokale Bevölkerung noch schwieriger, bezahlbaren Wohnraum zu finden.
Tourismus vor der eigenen Haustür
Zum Beispiel in Lissabon sind die Mietpreise explodiert, während die Löhne nicht angestiegen sind. Die Wohnungsnot ist ein riesiges Problem, das durch die oft schlecht regulierte, private Vermietung verschärft wird.
Ausserdem verändern sich durch die Gäste ganze Viertel, lokale Communitys werden verdrängt, und die Infrastruktur richtet sich wie ein Fähnchen im Wind nach den Bedürfnissen der Tourist*innen und nicht nach denen der Einheimischen.
Michelle ist Journalistin, Yogini, Mutter und immer auf der Suche nach Balance – nicht nur auf der Yogamatte.
Michelle de Oliveira
Michelle de Oliveira
In ihrer Kolumne berichtet die Autorin Michelle de Oliveira über ihre Erfahrungen mit dem Unfassbaren, aber auch aus ihrem ganz realen Leben mit all seinen Freuden und Herausforderungen. Sie lebt mit ihrer Familie in Portugal.
Seit wir in Portugal leben, habe ich die Vermietungsart aus dieser Perspektive kennengelernt. Wir wohnen in einer geschlossenen Reihenhaus-Wohnanlage.
Viele Nachbar*innen leben wie wir fest hier, andere kommen am Wochenende und in den Ferien. Und wieder andere Häuser werden ausschliesslich über Airbnb oder vergleichbare Plattformen vermietet.
Ich stehe, beziehungsweise wohne, also plötzlich auf der anderen Seite: Nicht mehr als Touristin an einem aufregenden Ort, sondern als Einheimische an einem – zugegebenermassen – auch sehr aufregenden Ort.
Ein Kommen und Gehen
Gerade jetzt im Sommer sind die Mietshäuser fast durchgehend besetzt. Es ist ein Kommen und Gehen, an das wir uns so nicht gewohnt sind. Meistens sind die Leute, die hier Ferien machen, freundlich und angenehm, sie stören mich nicht.
Aber es kommt doch immer wieder zu eigenartigen, zuweilen auch unangenehmen Situationen. So wie dieses eine Mal, als einer der Gäste auf unsere Terrasse zusteuerte und fragte, ob er unseren Grill ausleihen dürfte.
Er ging davon aus, dass wir alle eingemietete Feriengäste sind und wir uns solche Dinge einfach teilen, wie übrigens auch die Fussballtore, die auf unserem Grundstück stehen.
Oder das andere Mal, als ein Paar vor meinem Küchenfenster durchspazierte. Der Frau ging es offenbar nicht gut und sie machte Anstalten, sich direkt neben meinem geparkten Auto zu übergeben. So, als befänden wir uns auf irgendeinem öffentlichen Parkplatz und nicht in einer Wohnanlage, und sie damit nur wenige Meter von ihrem Miet-Zuhause und einer Toilette entfernt.
Oder damals, als eine Gruppe von rund 25 jungen Erwachsenen in einem Haus für höchstens 6 Personen hauste und nachts johlend auf ihren Mopeds Runden um unsere Häuser drehten.
Oder die neugierigen Blicke der Feriengäste, wenn wir auf der Terrasse frühstücken. Wir sind nicht Nachbar*innen, die sich kennen, sondern werden mit dem unverhohlenen Interesse bald wieder abreisender Menschen beobachtet.
Reisen mit mehr Rücksicht
Das ist alles nicht so schlimm und die wirklich nervigen Vorfälle die Ausnahme. Doch es ergibt sich aus den ständig wechselnden Menschen eine Unruhe, die ich in meinem Zuhause eigentlich nicht möchte.
Dennoch verstehe ich auch die Kehrseite: Ich profitiere ebenfalls von den Mietshäusern, wenn Freund*innen und Familie zu Besuch sind und sie in einem Haus in der unmittelbaren Nachbarschaft unterkommen und wir nicht ins Auto steigen müssen, weil sie in einem Hotel im Dorf untergebracht sind.
Ganz auf solche Formen der Vermietung möchte ich also auch nicht verzichten. Was es meiner Meinung nach braucht, ist ein besserer Umgang damit. Natürlich sind die Regierungen gefordert, entsprechende Gesetze und Regulierungen zu erlassen und zu kontrollieren, um dem Vermietungswildwuchs ein Ende zu bereiten.
Hier in Portugal müssen sich alle, die eine Wohnung für touristische Zwecke vermieten wollen, registrieren und eine entsprechende Lizenz beantragen. Gemeinden können gewisse Stadtteile als Sperrzone definieren, wo keine Vermietung mehr erlaubt ist.
Dennoch habe ich mir vorgenommen, nur noch in Ausnahmefällen Privatwohnungen zu mieten und wieder vermehrt offizielle Hotels oder Bed&Breakfasts zu buchen.
Und wenn doch, will ich noch rücksichtsvoller sein und nicht davon ausgehen, dass alle um mich herum ebenfalls in den Ferien faulenzen oder einen unbeschwerten Städtetrip unternehmen, sondern möglicherweise mitten in ihrem Alltag stecken. Und vielleicht ist genau das das Schönste daran: Dass unser Alltag für andere wie Ferien aussieht.
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