Berufungsprozess am Obergericht
Am Montag beginnt der zehntägige Berufungsprozess um Ex-Raiffeisen-Boss Pierin Vincenz.
sda
Darum geht’s
- Vincenz steht im Berufungsverfahren wegen Betrug, ungetreuer Geschäftsbesorgung, Bestechung und weiterer Delikte; das Urteil ist nicht rechtskräftig.
- Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Firmenübernahmen zum eigenen Vorteil beeinflusst und Interessen verschwiegen zu haben.
- Zudem soll er Firmengelder privat verwendet und Unterlagen zur Verschleierung erstellt haben.
- Neue Beweise könnten das Verfahren beeinflussen; über ihre Bedeutung entscheidet das Obergericht.
- blue News tickert ab Montag live aus dem Obergericht Zürich.
Der frühere Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz steht seit Jahren im Mittelpunkt eines der grössten Wirtschaftsstrafverfahren der Schweiz. Im August 2026 befasst sich das Zürcher Obergericht im Berufungsverfahren erneut mit dem Fall. Bereits 2022 verurteilte das Bezirksgericht Vincenz unter anderem wegen Betrugs, mehrfacher qualifizierter ungetreuer Geschäftsbesorgung und mehrfacher passiver Bestechung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten. Das Urteil ist jedoch nicht rechtskräftig. Nach dem erstinstanzlichen Schuldspruch des Bezirksgerichts Zürich haben sowohl die Verteidigung als auch die Staatsanwaltschaft und die Privatklägerschaft Berufung eingelegt. Die Anwälte von Pierin Vincenz fordern einen Freispruch. Die Staatsanwaltschaft war mit dem Strafmass ebenfalls nicht voll zufrieden und forderte deutlich längere Freiheitsstrafen.
Für Vincenz und alle Mitangeklagten gilt weiterhin die Unschuldsvermutung.
Im Zentrum der Anklage, welche 355 Seiten umfasst, stehen mehrere Geschäfte, die Vincenz während seiner Zeit als Chef von Raiffeisen und Verwaltungsrat der Kreditkartenfirma Aduno abgewickelt haben soll. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, seine Position genutzt zu haben, um sich und seinem Geschäftspartner Beat Stocker persönliche finanzielle Vorteile zu verschaffen – zulasten der Unternehmen, für die er arbeitete.
Doch was wird ihm genau vorgeworfen und was bedeuten die Anklagepunkte? blue News erklärt dir das Wichtigste zum Fall.
Dies ist einer der schwersten Vorwürfe gegen Vincenz.
Was bedeutet der Straftatbestand?
Wer ein Unternehmen führen oder dessen Vermögen verwalten muss, ist verpflichtet, im Interesse dieser Firma zu handeln. Nutzt jemand seine Stellung aus und fügt dem Unternehmen absichtlich einen finanziellen Schaden zu, kann dies als ungetreue Geschäftsbesorgung gelten. «Qualifiziert» bedeutet, dass der Fall als besonders schwer eingestuft wird – etwa wegen der Höhe des Schadens oder weil der Täter seine Vertrauensstellung missbraucht haben soll.
Was wirft die Anklage Vincenz vor?
Laut Staatsanwaltschaft soll Vincenz verdeckte Beteiligungen an Firmen gehalten haben, die später von Raiffeisen oder Aduno übernommen wurden. Weil diese Beteiligungen nicht offengelegt worden seien, habe er persönlich am Verkauf verdient, obwohl er gleichzeitig auf Käuferseite die Geschäfte verantwortete. Besonders im Mittelpunkt stehen die Firmen Investnet und Commtrain. Investnet ist eine Schweizer Private-Equity-Gesellschaft für kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die Nachfolgelösungen sucht und Firmen finanziert. Commtrain war eine kleinere ostschweizerische Firma, die unter anderem Kreditkartenterminals vertrieb.
Was bedeutet der Straftatbestand?
Von Betrug spricht das Strafrecht, wenn jemand andere durch Täuschung dazu bringt, Vermögen herauszugeben oder einen finanziellen Schaden zu erleiden.
Was wirft die Anklage vor?
Die Staatsanwaltschaft ist der Ansicht, dass Vincenz und sein Geschäftspartner ihre wirtschaftlichen Interessen bewusst verschleiert hätten. Dadurch seien Verwaltungsräte und Entscheidungsgremien nicht in der Lage gewesen, die Geschäfte unabhängig zu beurteilen. Die Unternehmen hätten deshalb Kaufentscheide getroffen, die sie bei vollständiger Information möglicherweise nicht gefällt hätten.
Was bedeutet der Straftatbestand?
Passive Bestechung liegt vor, wenn eine Person in leitender Funktion Vorteile annimmt, damit sie ihre beruflichen Entscheidungen zugunsten anderer beeinflusst.
Was wirft die Anklage Vincenz vor?
Gemäss Anklage soll Vincenz geldwerte Vorteile angenommen haben, die mit seiner beruflichen Stellung zusammenhingen. Geldwerte Vorteile sind Leistungen oder Vergünstigungen mit finanziellem Wert, von denen jemand persönlich profitiert, etwa Geschenke, Reisen oder Unternehmensbeteiligungen. Das Bezirksgericht sah diesen Vorwurf 2022 als erfüllt an. Im Berufungsverfahren wird dieser Punkt erneut überprüft.
Was bedeutet der Strafbestand?
Dabei geht es um Geld oder Vermögenswerte, die jemand anvertraut erhalten hat und anschliessend für eigene Zwecke verwendet.
Was wirft die Anklage Vincenz vor?
Die Staatsanwaltschaft wirft Vincenz vor, Firmengelder teilweise für private Ausgaben verwendet zu haben. Dazu gehören laut Anklage unter anderem Reisen, private Anwaltskosten sowie Besuche in Cabarets und Stripclubs, die über Spesen bei Raiffeisen abgerechnet worden sein sollen.
Was bedeutet der Straftatbestand?
Urkundenfälschung liegt vor, wenn Dokumente erstellt oder verändert werden, um über rechtlich wichtige Tatsachen zu täuschen.
Was wirft die Anklage Vincenz vor?
Die Staatsanwaltschaft wirft Vincenz vor, im Zusammenhang mit verschiedenen Geschäften Unterlagen verwendet oder erstellt zu haben, welche die tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnisse verschleiert hätten. Mit anderen Worten, er soll Dokumente gefälscht haben. Die Vorwürfe werden im Berufungsverfahren erneut geprüft.
Was bedeutet der Straftatbestand?
Das Gesetz verbietet Geschäftspraktiken, die Mitbewerber*innen oder Geschäftspartner*innen unfair benachteiligen oder täuschen.
Wie lautet der Vorwurf?
Die Anklage ist der Ansicht, dass Vincenz durch die geheimen Eigeninteressen den fairen Wettbewerb und die korrekte Unternehmensführung verletzt habe.
Neue Diskussion um Investnet
Kurz vor dem Berufungsprozess sind neue Dokumente bekannt geworden. Das Zürcher Bezirksgericht kam 2022 zum Schluss, dass Vincenz und Stocker verdeckt an der PE-Gesellschaft beteiligt waren und beim Verkauf von Investnet an Raiffeisen unrechtmässig Gewinne erzielten. Laut der NZZ am Sonntag deuten Chats, E-Mails und Vertragsentwürfe darauf hin, dass die 2,9 Millionen Franken ein Darlehen von Beat Stocker an Pierin Vincenz, für einen Hauskauf im Tessin gewesen sein könnten. Das Bezirksgericht hat die Darstellung eines Darlehens als Schutzbehauptung gewertet.
Diese Unterlagen wurden als neue Beweisanträge eingereicht. Ob sie das Urteil beeinflussen, muss das Obergericht entscheiden.
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Hier schreitet Pierin Vincenz zu seinem Urteil
Hier schreitet Pierin Vincenz zu seinem Urteil
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