Darum geht’s

  • Verschiedene Quellen spekulieren darüber, dass Wladimir Putin nach der Parlamentswahl im September eine Teilmobilmachung anordnet, weil in der Ukraine Soldaten fehlen.
  • Offenbar übersteigen die russischen Verluste die Zahl der neu rekrutierten Soldaten – dabei zahlt Moskau seinen Söldnern viel Geld.
  • Zu wenig Ausrüstung, Fluchtgefahr und Folgen für die Wirtschaft: Während es einleuchtende Gründe gegen eine Mobilmachung gibt, warnen westliche Sicherheitsexperten vor einem Szenario, das sie rechtfertigt.
Zusammenfassung erstellt mit

Warum das Gerede über Mobilmachung?

Ende Juli hat Wolodymyr Selenskyj den Stein in der breiten Öffentlichkeit ins Rollen gebracht: «[Russlands Präsident Wladimir] Putin ist nicht bereit, den Krieg zu beenden», sagt der ukrainische Präsident im Interview mit dem britischen Sender Sky News.

«Unseren Geheimdienstinformationen zufolge bereitet er sich auf eine Mobilmachung vor. Er will das nach seiner Duma-Wahl am 21. September tun», fährt der 48-Jährige fort. «Das wird ein grosses Problem sein, denn er wird versuchen, zwischen 300’000 und 500’000 Menschen zu mobilisieren. Es wird ihm nicht besonders schwerfallen, so viele Leute zu mobilisieren.»

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Ist Kiew die einzige Quelle für diese These?

Nein. Schon im Juni spekuliert das oppositionelle russische Portal «Meduza» über eine erneute Mobilmachung. Der Grund: «Immer weniger Menschen in Russland sind bereit, einen Wehrdienst zu leisten. […] Quellen aus mehreren russischen Regionen beklagten sich gegenüber Journalisten über Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Zeitsoldaten.»

Im Umfeld des Präsidenten werde deshalb über die Mobilmachung diskutiert. Das behauptet auch der populäre Telegram-Kanal Wichtige Geschichten, den Russen im Exil betreiben: «Ein Gesprächspartner, der den Rekrutierungsprozess in einem russischen Staatskonzern leitet, sagt, dass die Vorbereitungen ‹für etwas, das man niemals als Mobilmachung bezeichnen würde›, schon ‹seit einigen Monaten› laufen.»

Wie reagiert Moskau auf die Gerüchte?

Wladimir Putins Kettenhund Dmitri Medwedew dementiert, dass der Kreml das Volk in die Armee zwingen will: «Die Versuche des Feindes, Unsinn über eine angebliche Mobilmachungsvorbereitung zu verbreiten, sind nichts weiter als eine Provokation», zitiert «Meduza» den Ex-Präsidenten. «Sie sind Teil der Propagandakampagne im Vorfeld der Wahlen. Natürlich versuchen sie, die Lage zu destabilisieren.»

«Alle sagen ‹Mobilmachung, Mobilmachung›», klagt laut dem Center for European Policy Analysis (CEPA) auch der russische Moderator Wladimir Solowjow Ende Juli in seiner TV-Show «Vollkontakt». Militärblogger, die darüber schreiben, sollten «wegen der Verbreitung von Panik» juristisch belangt werden, fordert Putins Propagandist. Er sehe keinen Grund dafür.

Auch der Generaloberst und Duma-Abgeordnete Andrei Kartapolow will seine Landsleute beruhigen, weiss CEPA. «Ich halte nichts von diesen Gerüchten», sagt der Veteran zur möglichen Mobilmachung, für die es «keinen Bedarf» gebe. Das Problem: So hat sich Kartapolow auch 2022 geäussert – und die erste Mobilmachung erfolgte am Tag darauf.

Verliert Moskau mehr, als man rekrutiert?

«Das russische Militär hat seit Februar 2022 1,4 Millionen Verluste auf dem Schlachtfeld mit bis zu 450’000 Tote zu verzeichnen», schreibt die Washingtoner Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS) am 1. Juli. Als Verluste werden hier getötete, verwundete und gefangene Kombattanten zusammengefasst.

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Weiter heisst es: «Russlands monatliche Verlustrate im Jahr 2026 von über 30’000 pro Monat hat wahrscheinlich die Rekrutierungsrate von etwa 27’000 neuen Rekruten pro Monat überstiegen.» Während das Verhältnis der Verluste lange Zeit bei 2:1 oder 3:1 zum Vorteil der Ukraine gelegen habe, sei es in der ersten Jahreshälfte auf «fast 8:1» angeschwollen.

Another 1,210 Russian casualties in just 24 hours. Every invading soldier taken out is one less threat to Ukrainian families and cities. Ukraine continues to pay a terrible price for its freedom, but Russia’s aggression comes at an enormous cost. Glory to Ukraine! 🇺🇦

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— Lewi Whalberg (@anno1540.bsky.social) 7. August 2026 um 09:15

Dazu passt, dass Kiew meldet, dass der Juli für den Gegner in diesem Jahr der verlustreichste Monat gewesen ist: 42’860 Russen sollen getötet, verwundet oder gefangen genommen worden sein. Für Juni wird der Wert mit 39’290 angegeben. Im Mai sollen es 33’760 gewesen sein und im April 32’980.

Was verdienen angeheuerte Soldaten?

Laut dem amerikanischen Sicherheitsexperten Ryan McBeth winkt russischen Rekruten, die sich anwerben lassen, ein Bonus von 400’000 Rubel, was gut 4000 Franken entspricht. Zum Vergleich: Das durchschnittliche Jahresgehalt liegt bei gut 1,2 Millionen Rubel, also gut 12’1000 Franken.

Hinzu kommt ein regionaler Bonus: In Moskau beträgt dieser laut McBeth 1,9 Millionen Rubel, also 19’2000 Franken. In St. Petersburg gibt es demnach sogar 4,1 Millionen Rubel oben drauf, also 41’450 Franken. In Chanty-Mansijsk in Sibirien sollen es 18,5 Millionen Rubel, also 187’000 Franken, sein. Deshalb seien so viele Leute aus dieser Region an der Front.

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Das Monatsgehalt eines Soldaten oder einer Soldatin liegt laut McBeth bei 204’000 bis 220’000 Rubel, also etwa 2060 bis 2220 Franken. Hinzu kämen weitere Boni: 8000 Rubel, also 80 Franken, würden für offensive Einsätze pro Tag gezahlt. Für jeden Kilometer, der vorgerückt werden kann, verdiene man  50’000 Rubel oder 505 Franken.

Weiter würde die Truppe für erledigte Gegner entlohnt, sofern man es belegen kann: 100’000 Rubel oder 1010 Franken winken demnach, wenn ein gegnerischer Panzer zerstört wird. Werde eine HIMARS-Artillerie oder ein Flugzeug getroffen, soll es das Dreifache geben. 500’000 Rubel ist Moskau ein westlicher Panzer wert – und eine Million Rubel oder 10’100 Franken werden angeblich für einen eroberten westlichen Panzer gezahlt.

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Damit nicht genug: Weiteres Geld soll im Krankheits- oder Todesfall fliessen. 3 Millionen Rubel oder gut 30’000 Franken würden bei einer ernsten Verletzung gezahlt. Kehrt der Soldat oder die Soldatin nicht zurück, würden 5,5 Millionen Rubel oder 55’000 Franken für die Hinterbliebenen fällig. Hinzu kämen weitere Sonderzahlungen der Regionen.

Es gibt weitere Anreize: Schulden in Höhe von bis zu 100’000 Franken können erlassen werden, wenn man sich einschreibt. Nach Rückkehr aus dem Krieg müssen Firmen Betroffene wieder einstellen. Ausserdem können Ausländer durch den Dienst in der Armee die Staatsbürgerschaft erlangen.

Was gegen eine Mobilmachung spricht

So einiges. Als Putin im September 2022 eine Teilmobilmachung von damals angeblich 300’000 Soldaten verkündet hat, ist das nicht nur bei der Gesellschaft schlecht angekommen, sondern auch bei der Wirtschaft. Die Eingezogenen fehlen in den Unternehmen – und derzeit gibt es in Russland ohnehin schon einen Mangel an Arbeitskräften.

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Eben weil eine Mobilmachung so unpopulär ist, wird auch nicht vor der Parlamentswahl mit entsprechenden Massnahmen gerechnet. Sie finden vom 18. bis 20. September statt. Würde der Kreml danach ankündigen, Soldaten einzuziehen, dürften viele Betroffene versuchen, zu fliehen: 2022 sollen 500’000 bis 800’000 Russen das Land verlassen haben.

Eine weitere Hürde: Die neuen Soldaten müssen ausgestattet werden. Und letztendlich bleibt die Frage, was das Mehr an Männern eigentlich bringt, gibt das Atlantic Council zu bedenken: «Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine ist die technologisch fortschrittlichste militärische Auseinandersetzung der Geschichte, bei der Drohnen und Roboter das Schlachtfeld zunehmend dominieren», schreibt die US-Denkfabrik.

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Es reiche nicht aus, den Fleischwolf weiter zu füttern: «Eine Massenmobilisierung wird zwar mehr Tote und Verwüstung mit sich bringen, dürfte aber den Ausgang des Krieges kaum entscheiden.»

Nicht zuletzt muss sich der Kreml fragen, was für Soldaten man sich da neu ins Boot holt: Wer bisher den Lockrufen des Verteidigungsministeriums nicht erlegen ist, wird wenig Bezug zum Dienst in der Armee haben. Diese Leute könnten bestenfalls zu Deserteuren werden – und schlechterdings die Stimmung in der Truppe runterziehen oder sich sogar gegen die eigenen Leute stellen.

Was für eine Mobilmachung spricht

Moskau will Soldaten daran hindern, das Land zu verlassen: Im März wurden offenbar Grenzkontrollen verschärft. Auch Männer, die wehrpflichtig sind und die Musterung schwänzen, bekommen ein automatisches Ausreiseverbot, weiss die «Moscow Times». Auch das Nachbarland Belarus ist heute in dieses Grenz-Regime eingebunden, ergänzt «Kyiv Independent».

Das riecht danach, als bereite sich der Kreml bereits darauf vor, die Grenzen bei einer Mobilmachung dichtzumachen. Allerdings würde es im Volk rumoren, wenn «bloss» wegen des immer unpopuläreren Ukraine-Krieges die Söhne an die Front geschickt werden. Der Kreml bräuchte eine grössere Legitimation – wie etwa eine Bedrohung Russlands durch die Nato.

NATO Secretary-General Mark Rutte said that the United States and its European allies agree that Russia is a long-term threat.”We all agree in NATO that Russia is the long-term threat to NATO territory, to the whole of the Euro-Atlantic territory,” Rutte told reporters.

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— Anton Gerashchenko (@antongerashchenko.bsky.social) 25. April 2025 um 12:09

Es würde potenziell ab Oktober ein Zwischenfall konstruiert, der die Einberufung neuer Bevölkerungsteile rechtfertigt. Vor so einem Fall warnt im Juni der deutsche Generalleutnant Christian Freuding im Gespräch mit «Politico». Nun glaubt laut dem «Wall Street Journal» auch der US-Geheimdienst, dass so ein Szenario wahr werden könnte.

Die Bandbreite möglicher russischer Provokationen reicht demnach von Cyberattacken auf Nato-Staaten bis hin zu kleinen Gruppen fremder Einheiten, die die Grenze überqueren. Der litauische Verteidigungsminister stösst ins selbe Horn: «Wir haben Informationen, dass Russland unkonventionelle [physische] Angriffe gegen kritische Infrastrukturen im Baltikum erwägt», sagt Robert Kaunas.

Lithuania warns that Russia may be planning a false flag attack in the Baltics.Defence Minister Robertas Kaunas says Russia could use captured Ukrainian drones to stage an attack, aiming to shift attention away from Ukraine and undermine support for Kyiv among NATO countries.

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— Vatnik Soup (@vatniksoup.bsky.social) 8. August 2026 um 01:19

Und weiter: «Es ist wahrscheinlich, dass Russland dafür in der Ukraine hergestellte Drohnen einsetzen könnte.» Ein solches Täuschungsmanöver, das als falsche Flagge bezeichnet wird, soll keinen Krieg, sondern Spannungen mit der Nato auslösen, die Putin eine weitere Mobilmachung rechtfertigen könnten.

Ein weiterer Punkt: Eine russische Mobilmachung nach den Wahlen geschieht nicht von heute auf morgen, sondern würde wohl sukzessiv verlaufen. Dadurch würden Probleme bei der Ausrüstung nicht so stark ins Gewicht fallen, etwaiger Protest über die Einziehung würde sich verteilen und die Militärpolizei könnte sich auf die Situation einstellen.

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