Darum geht’s
- Hasan Piker gehört zu den einflussreichsten politischen Streamern der USA und erreicht vor allem junge Menschen.
- Der bekennende Linke unterstützt demokratische Kandidierende und mischt sich zunehmend in US-Wahlkämpfe ein.
- Seine scharfe Kritik an Israel und umstrittenen Äusserungen sorgen immer wieder für Kontroversen und bringen ihn auch bei Demokrat*innen in Bedrängnis.
An Hasan Piker kommt derzeit kaum jemand vorbei, der sich mit der US-amerikanischen Politik und vor allem mit den Demokrat*innen beschäftigt. Der politische Streamer erreicht Millionen Menschen – doch seine wachsende Nähe zu demokratischen Kandidierenden sorgt nicht nur für Aufmerksamkeit, sondern auch für Kontroversen.
Hasan Piker wurde 1991 in New Jersey als Sohn türkischer Eltern geboren und wuchs teilweise in Istanbul auf. Er studierte Politik- und Kommunikationswissenschaften. Sein Einstieg in die Medienwelt erfolgte während seines Studiums über seinen Onkel Cenk Uygur, den Mitgründer der progressiven Online-Newssendung «The Young Turks». Dort arbeitete Hasan Piker als Produzent und Moderator.
2018 begann er, auf der Livestreaming-Plattform Twitch zu streamen. Sie ermöglichte ihm, Nachrichten und politische Debatten stundenlang zu kommentieren und dabei unmittelbar mit seinem Publikum zu interagieren. 2020 verliess er «The Young Turks» und konzentriert sich seither auf Twitch. Dort hat er inzwischen 3,1 Millionen Follower.
Seine Streams gehören zu den reichweitenstärksten politischen Formaten auf der Plattform. Hasan Piker beschreibt seine politischen Positionen als sozialdemokratisch beziehungsweise links. Er kritisiert insbesondere soziale Ungleichheit, betont Arbeitnehmerrechte und fordert eine kritischere US-Aussenpolitik.
Wofür ist Hasan Piker bekannt?
Piker ist vor allem für seine politischen Livestreams bekannt. Fast täglich sendet er sieben oder acht Stunden am Stück: Er spricht über aktuelle Ereignisse und Politik, Lifestyle-Themen und seinen Alltag, spielt Videospiele, reagiert auf Memes und Medienbeiträge und interagiert mit den Zuschauer*innen.
Piker spricht bewusst in einer Sprache, die sich von traditionellen Nachrichtensendungen und politischen Talkshows unterscheidet. Damit erreicht er jüngere, digital sozialisierte Zuschauer – vor allem Männer in den 20ern oder 30ern.
Piker gilt als eine der wichtigsten Stimmen der Linken in den USA. Ausserdem gehört er zu den prominentesten amerikanischen Kritiker*innen des Gaza-Kriegs und der israelischen Regierung.
Seine provokante Art hat ihn allerdings auch immer wieder in Kontroversen gebracht. Kritiker*innen werfen ihm unter anderem antisemitische und extremistische Äusserungen vor. Piker weist solche Vorwürfe zurück und bezeichnet seine Position zu Israel als politische Kritik.
Nicht zu vernachlässigen ist bei seiner Beliebtheit wohl auch sein Aussehen, das ihm Artikel einbrachte mit Titeln wie «30 heisse Bilder von Hasan Piker, die beweisen, dass sein Körper noch heisser ist als seine Ansichten».
Welchen Einfluss hat er auf die US-Politik?
Hasan Pikers Einfluss besteht vor allem darin, eine junge Zielgruppe anzusprechen, die traditionelle politische Medien und Parteien nur noch teilweise erreichen.
2024 bezeichnete das Magazin «Wired» ihn als einen der einflussreichsten politischen Kommentator*innen für Gen Z und jüngere Millennials. Ein Tiktok-User nannte ihn die «Himbo-Einstiegsdroge für linkes Gedankengut». Das Wort «Himbo» bezeichnet einen gut aussehenden, aber naiven und nicht sehr intelligenten Mann.
Inzwischen kommentiert Hasan Piker das politische Geschehen in den USA aber nicht nur. Er unterstützt auch Kandidat*innen, tritt bei Wahlkampfveranstaltungen auf und nutzt seinen Stream, um politische Themen und Kampagnen bekanntzumachen.
Es gibt jedoch keinen Beleg dafür, dass Piker mit seinen Aktionen Wahlergebnisse entscheidet. So gewann der von ihm unterstützte Kandidat Abdul El-Sayed zwar die demokratischen Senats-Vorwahlen in Michigan In Wisconsin verlor die von Piker unterstützte Kandidatin Francesca Hong aber die demokratischen Gouverneurs-Vorwahlen.
Hasan Pikers Wert für Kandidat*innen liegt vor allem in Reichweite, Aufmerksamkeit, Mobilisierung und Zugang zu einem Publikum, das von klassischen Parteistrukturen schwerer erreicht wird.
Piker steht politisch klar links vom Establishment der Demokratischen Partei. Bereits 2020 unterstützte er Bernie Sanders bei dessen Präsidentschaftskandidatur. Als sich dieser aus dem Rennen zurückzog, sprach sich Hasan Piker für Joe Biden aus.
Hasan Piker (rechts) Anfang August mit dem demokratischen Kandidaten Abdul El-Sayed.
AP
2024 war sein Verhältnis zu Biden deutlich distanzierter: Piker unterstützte während der demokratischen Vorwahlen die «uncommitted»-Bewegung, also die Bewegung der Nicht-Festgelegten. Mit der Protestbewegung wollten er und andere Demokrat*innen Biden wegen dessen Gaza-Politik unter Druck setzen.
2026 ist Piker noch stärker in Vorwahlen involviert. Zu den Kandidaten, die er unterstützt hat, gehören die demokratischen Kandidierenden Abdul El-Sayed in Michigan, Chris Rabb in Pennsylvania und Oliver Larkin in Florida.
Besonders interessant ist sein Engagement für Abdul El-Sayed. Piker trat mit ihm gemeinsam bei Wahlkampfveranstaltungen auf und half ihm dabei, jüngere Wähler*innen anzusprechen.
Warum distanzieren sich jetzt manche Demokrat*innen von ihm?
Nach umstrittenen Äusserungen über Israel und jüdische US-Amerikaner*innen hat sich Abdul El-Sayed am 24. August vom Streamer distanziert.
In einem seiner Livestreams auf Twitch hatte Hasan Piker darüber gesprochen, dass amerikanische Jüdinnen und Juden nicht geschlossen hinter Israel stehen, jedoch viele jüdische Institutionen den Eindruck vermittelten, Jüdinnen und Juden seien ein «monolithischer Block». Das sei gefährliche Propaganda.
Für Kritik sorgte dann vor allem seine nächste Aussage: «Wenn Jüdinnen und Juden in den USA weiterhin die Vorstellung verbreiten, ihr Engagement gelte einzig und allein Israel, wird irgendwann jemand kommen und handeln – wohlgemerkt nicht gegen den Staat Israel, sondern gegen amerikanische Jüdinnen und Juden.»
Der demokratische Abgeordnete und Fraktionschef im Repräsentantenhaus, Hakeem Jeffries, bezeichnete Pikers Äusserungen als gefährlich und antisemitisch.
Abdul El-Sayed erklärte in einem Statement, dass niemand ausser ihm selbst und seinem Team für seine Kampagne spräche. «Ich glaube, dass alle Amerikaner*innen das Recht haben, sich ohne Angst vor Gewalt für ihre Überzeugungen einzusetzen», schreibt er. «Dies gilt insbesondere für Gemeinschaften, die in der Vergangenheit aufgrund ihrer Überzeugungen eingeschüchtert wurden.»
Damit versucht er, sich in seinem politisch umkämpften Bundesstaat Michigan von Piker abzugrenzen, ohne gleichzeitig die junge progressive Wähler*innenschaft zu verlieren.
Auch andere Demokrat*innen haben bereits deutlich gemacht, dass sie Piker nicht als politischen Partner sehen. Vor allem moderate Demokrat*innen haben sich kritisch zu ihm geäussert.
Der Streit zeigt ein grundsätzliches Dilemma der Demokrat*innen: Piker verfügt über eine grosse Reichweite bei jungen Männern – einer Wählergruppe, bei der die Partei zuletzt grosse Schwierigkeiten hatte. Gleichzeitig könnten seine provokanten Aussagen und seine scharfe Israel-Kritik für demokratische Kandidierende politisch zum Problem werden.
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