Gefährlicher Trend
Afghanistan statt Traumstrand: Influencer nehmen für Klicks und Likes in den sozialen Medien extreme Risiken in Kauf. (Archivbild)
Siddiqullah Alizai/AP/dpa
Darum geht’s
- Reise-Influencer nehmen für Klicks und Likes in den sozialen Medien teils extreme Risiken auf sich.
- Trotz offizieller Reisewarnungen besuchen sie unsichere Länder oder gar Kriegsgebiete.
- Mitunter enden diese Reisen im Gefängnis.
- Experten warnen vor dem gefährlichen Trend.
Dass die sozialen Medien das Reisen insgesamt verändern, ist hinlänglich bekannt. Seit einigen Jahren jedoch treiben es manche Influencer mit riskanten Unternehmungen auf die Spitze. Sie reisen trotz offizieller Warnungen in unsichere Länder oder nehmen extreme Strapazen auf sich.
So wie der deutsche Reiseblogger Joshua Allgeier. Er durchquerte mit dem Velo den afrikanischen Kontinent und geriet in Nigeria beinahe in die Fänge eines Clans. Zuvor soll er Warnungen von Einheimischen ignoriert haben, den Weg lieber zu meiden.
Oder wie Ian Andersen, der 2025 mit dem Velo unter anderem durch den Iran reiste. Andersen dokumentierte für seine Follower eine Tour über 16’000 Kilometer von Portugal nach Japan und war trotz der Reisewarnungen des US-Aussenministeriums in den Iran eingereist. Die offizielle Empfehlung tat er in einem Videoclip als Möglichkeit für «versteckte Schätze» ab.
Doch während seiner Reise griff Israel das Land mit einer Serie von Luftschlägen an. Sein iranischer Guide sagte ihm, er könne ihn nicht länger beschützen. Zwei Tage später entkam Andersen schliesslich mithilfe eines Programms des US-Aussenministeriums über Aserbaidschan. «Ich war mir des Risikos bewusst», sagt der Influencer der «New York Times» und fügt hinzu: «Und ich bin trotzdem dorthin gereist.»
Extremes Risiko für Klicks?
Weltweit in die Schlagzeilen geriet auch der Youtuber Mykhailo Polyakov mit einer höchst umstrittenen Aktion. Er reiste trotz strengem Verbot zur indischen Insel North Sentinel, um Kontakt mit dem dort abgeschottet lebenden Stamm der Sentinelesen aufzunehmen.
Ihm drohten zwischenzeitlich fünf Jahre Haft, Polyakov kam letztlich jedoch mit einer vergleichsweise milden Geldstrafe davon.
Mit solch riskanten Unternehmungen unterscheiden sich diese Influencer fundamental von den üblichen Kolleg*innen auf Social Media, die ihre Follower mit perfekt inszenierten Hochglanz-Bildern und mit bezahlten Partnerschaften auf dem Laufenden halten. Eines haben die beiden Gruppen jedoch gemeinsam: Es geht um Likes und Reichweite.
So trieb der britische Reiseblogger Lord Miles mit extrem riskanten Reisen seine Followerzahl immer weiter in die Höhe. Er reiste trotz Warnungen nach 2023 Afghanistan und wurde dort acht Montate lang von den Taliban festgehalten. Einen Tag nach Beginn des russischen Angriffskrieges reiste er zudem in die Ukraine.
Bereits zuvor war Miles wegen einer Reise nach Afghanistan im August 2021 trotz der Machtübernahme durch die Taliban auf breite Kritik gestossen und musste vom britischen Militär evakuiert werden.
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Experten warnen vor Trend
Im Gefängnis landete auch das Ehepaar Craig und Lindsay Foreman aus Grossbritannien. Die Beiden unternahmen eine Töff-Weltreise, als die iranischen Behörden sie der Spionage beschuldigten. Derzeit verbüssen sie eine zehnjährige Haftstrafe im berüchtigt Evin-Gefängnis in Teheran.
Experten warnen, dass soziale Medien den Drang nach riskantem Verhalten verstärken. Likes und Reichweite würden reale Gefahren ausblenden und mögliche Nachahmer in Gefahr bringen. «Tägliche Updates fördern das Engagement und können dazu führen, dass die Nutzer*innen eine emotionale Bindung zu den Reisenden aufbauen, weil sie sich eng in die Höhen und Tiefen der Reise eingebunden fühlen», sagt der Sozialneurowissenschaftler Jay Van Bavel der «New York Times».
Einer Studie einer US-Reiseversicherung zufolge lassen sich 98 Prozent der US-amerikanischen Millennials bei der Reiseplanung von Bildern in den sozialen Medien beeinflussen. Und laut einer Untersuchung des australischen Aussenministeriums und einem Versicherungsverband waren 45 Prozent der Befragten bereit, für ein einzigartiges oder erinnerungswürdiges Erlebnis Risiken einzugehen. Die Hälfte der unter 30-Jährigen gab zudem an, dass ihnen gefährliche Reiseziele von Influencern oder in den Medien positiv präsentiert worden seien – gerade weil sie als riskant empfunden werden.
«Verfassen Sie ein Testament»
«Generell streben wir in unserer Gesellschaft zunehmend danach, einem risikoscheuen, alltäglichen Leben zu entfliehen und uns dazu anzuspornen, einzigartige und sinnvolle Erfahrungen zu machen und uns darauf einzulassen», sagt der Tourismusforscher Marcus Hansen dem «Independent».
Doch riskante Reisen in unsichere Regionen oder Kriegsgebiete bergen deutlich mehr Risiken als die Gefahren einer üblichen Abenteuerreise, warnt Dan Richards, Geschäftsführer von Global Rescue, einem Anbieter von Evakuierungs- und Rettungsdiensten. So müssten Reisende die Möglichkeit willkürlicher Inhaftierungen, Überwachung, Durchsuchungen ihrer Geräte, Fotografierverbote, Spionagevorwürfe und sich rasch ändernder Einreisebestimmungen in Betracht ziehen, sagte er der «New York Times».
Sollte zudem eine medizinische Evakuierung erforderlich werden, könne diese bis zu 300’000 Dollar kosten (rund 245’000 Franken). In Ländern wie dem Iran, Afghanistan oder Russland sei eine Evakuierung unter Umständen gar nicht erst möglich.
Ein Sprecher des US-Aussenministeriums richtete indessen eine deutliche Warnung an diejenigen, die in ein Land der höchsten Gefahrenstufe reisen: «Lassen Sie DNA-Proben entnehmen und verfassen Sie ein Testament.»
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