Darum geht’s
- Weibliche Genitalbeschneidung in der Schweiz betrifft laut FGMhelp über 20’000 Mädchen und Frauen. Die Fachstelle im Kanton Zürich berät vor allem Betroffene mit körperlichen Beschwerden sowie psychischen Folgen.
- Fachstellenleiterin Ann Schädler betont, dass Aufklärung und kultursensible Beratung entscheidend sind, um weibliche Genitalbeschneidung zu thematisieren.
- Gemeinsam mit Multiplikatorinnen aus den jeweiligen Communitys informiert FGMhelp über Frauengesundheit, die Folgen der Beschneidung und Unterstützungsangebote in der Schweiz.
Die Anlaufstelle für weibliche Genitalbeschneidung des Kantons Zürich, FGMhelp, existiert seit Februar 2024. Sie wurde im Auftrag der Gesundheitsdirektion Zürich gegründet. Laut einem Artikel im «Tages-Anzeiger» erhalten Sie alle vier Tage eine neue Anfrage. Wer meldet sich bei Ihnen?
Ann Schädler: Zum grössten Teil führen wir Beratungen durch für Frauen und Mädchen, die bereits beschnitten sind. Oft sind es Frauen oder Mädchen, die in ihrem Herkunftsland beschnitten wurden und jetzt einen Asylantrag in der Schweiz stellen. Ein wichtiger Zuweiser sind die Bundesasylzentren im Kanton Zürich. Sie verweisen die Betroffenen an uns, wenn sie körperliche, aber auch psychische Beschwerden äussern. Es kommt immer wieder vor, dass die Frauen von ihren Partnern begleitet werden.
Mit welchen Anliegen oder Fragen kommen die Frauen zu Ihnen?
Viele leiden unter körperlichen Beschwerden wie Schmerzen, Infektionen oder Juckreiz. Manche haben Fragen zu Intimität, Sexualität oder psychischer Belastung durch die Beschneidung. Wir leiten oft an spezialisierte Fachpersonen weiter – in Zürich gibt es Gynäkologinnen, Psychotherapeutinnen und Physiotherapeutinnen, die für das Thema der weiblichen Genitalbeschneidung sensibilisiert sind.
Ann Schädler ist Sozialarbeiterin und leitet die Anlaufstelle für weibliche Genitalbeschneidung des Kantons Zürich.
zvg
Zu welchen Beschwerden führt die Genitalverstümmelung?
Das ist individuell und abhängig vom Beschneidungstyp. Der Grossteil der beschnittenen Frauen und Mädchen hat Schmerzen im Intimbereich aufgrund verwachsener Narben und immer wiederkehrender Infektionen.
Beim schwersten Typ der Genitalbeschneidung wird das gesamte äussere Genital, also Vulvalippen, Klitorisvorhaut und Klitoriskopf, entfernt und die Wunde bis auf ein kleines Loch zugenäht. Viele Frauen, die davon betroffen sind, berichten von Schmerzen an der Naht, Entzündungen, Problemen beim Wasserlassen und Schmerzen bei der Sexualität. Auch Menstruationsblut kann nicht richtig abfliessen. Das führt zu Blutstau, was schwerwiegende Infektionen verursachen kann.
Psychisch kann die Beschneidung zu Angststörungen, Depressionen, Schlafstörungen, Belastungen in der Beziehung oder zu Ohnmachtsgefühlen führen.
Insbesondere Länder wie Somalia, Eritrea, Sudan, Ägypten, Guinea, Sierra Leone, Mali und Djibouti weisen eine hohe Beschneidungsrate auf. Wie gehen Sie als Frau, die nicht aus einem dieser Länder kommt, die Beratung an?
Wir machen alle Beratungen mit Multiplikatorinnen. Das sind Frauen aus den jeweiligen Communitys. Sie übernehmen die sprachliche Übersetzung, aber auch die interkulturelle. Gerade wenn es um die Hinterfragung von Traditionen geht, ist es hilfreich, dass die Multiplikatorinnen Brücken bauen können.
Wie gehen Sie bei den Gesprächen vor?
Den Einstieg gestalten wir meistens gleich. Wir beginnen beim Thema Frauengesundheit und weibliche Körper, erklären das Schweizer Gesundheitssystem und was man gegen bestimmte Beschwerden machen kann.
Mit diesen Modellen arbeitet FGMhelp in ihren Beratungen – links eine unbeschnittene Vulva, danach Typ I, Typ II, zwei Versionen des Typs III und Typ IV der Genitalbeschneidung.
Leah Brickhouse of Sol Sisters (solsisters.se)
Dann arbeiten wir mit Vulva-Modellen aus Fimo – beschnittenen und unbeschnittenen. Wir schauen uns gemeinsam die Anatomie an und erklären die Funktion der einzelnen Teile. So können wir auch die verschiedenen Typen der Beschneidung aufzeigen. Viele Frauen und Mädchen empfinden es als hilfreich, das so direkt zu sehen und anfassen zu können. Wie es in der Beratung danach weitergeht, ist sehr individuell.
- Typ I, die «Klitoridektomie», bezeichnet die teilweise oder vollständige Entfernung des äusserlich sichtbaren Klitoriskopfs und/oder der Klitorisvorhaut.
- Typ II, die «Exzision», bedeutet, dass der äusserlich sichtbare Teil der Klitoris sowie die inneren Vulvalippen teilweise oder vollständig entfernt werden. Mitunter werden auch die äusseren Vulvalippen verstümmelt.
- Typ III, die «Infibulation», ist die schwerste Form von weiblicher Genitalverstümmelung. Dabei werden Klitoris und Vulvalippen vollständig entfernt und die Wunde bis auf ein kleines Loch zugenäht. Durch dieses kleine Loch sollen Urin und Menstruationsblut abfliessen, aber keine Penetration möglich sein. Die Penetration in der Hochzeitsnacht oder eine Geburt kann den Schmerz und das Trauma der Genitalbeschneidung reaktivieren oder sogar noch übertreffen.
- Unter den Typ IV fallen alle weiteren, medizinisch nicht begründeten Eingriffe, die die Vulva und Klitoris nachhaltig schädigen. Zum Beispiel Ätzen, Brennen, Scheuern und das Auftragen von nervenschädigenden oder betäubenden Substanzen.
Arten der Beschneidung
Laut der WHO gibt es vier Arten der weiblichen Genitalbeschneidung:
Gemäss Kinderhilfswerk UNICEF haben über 230 Millionen Frauen und Mädchen, die heute leben, eine Form der Genitalbeschneidung erlitten. In der Schweiz sind laut FGMhelp über 20’000 Mädchen und Frauen betroffen oder gefährdet. Rund 2900 von ihnen leben im Kanton Zürich.
In manchen Communitys ist die weibliche Genitalbeschneidung tief verankert. In Somalia sind beispielsweise 98 Prozent der Frauen beschnitten. Wie reagieren diese Frauen auf die Gespräche?
Es kommt immer wieder vor, dass Frauen bei uns zum ersten Mal über die Beschneidung, ihren Körper oder Intimität sprechen. Viele hatten bislang wenig Zugang zu Informationen. Im Gespräch erkennen aber die meisten, dass die Beschneidung einen Zusammenhang hat mit ihren Beschwerden, dass eine Beschneidung belastend ist und gesundheitliche Folgen mit sich bringt. Viele trauen sich dann, diese Tradition zu hinterfragen.
Die weibliche Genitalbeschneidung wird in manchen Gemeinschaften seit Generationen praktiziert. Warum beginnen Frauen, die Praxis zu hinterfragen?
Das Thema wird immer präsenter. Dank der Digitalisierung und besserer Bildung in den Herkunftsländern haben Frauen mehr Möglichkeiten, sich zu informieren. Auch dass sie in der Schweiz leben, kann helfen. Ausserdem wurden in der Schweiz die Sensibilisierung und Prävention ausgebaut. Wir versuchen hier, Menschen, die aus Ländern mit einer hohen Beschneidungsrate kommen, direkt zu erreichen.
Wie wird die Beschneidung begründet?
Das ist je nach Gemeinschaft unterschiedlich. Man kann das nicht an einem Land, einem Kontinent oder einer Religion festmachen. Viele Argumente sind aus patriarchalen Strukturen entstanden – dass eine Frau ihre Jungfräulichkeit oder Reinheit beweisen muss. Es geht häufig um soziale Zugehörigkeit, gesellschaftliche Anerkennung oder Heiratsfähigkeit. Es gibt auch nicht das typische Alter, in dem ein Mädchen beschnitten wird, auch das kommt sehr auf die Gemeinschaft an.
Wie gross ist die Gefahr, dass Mädchen in der Schweiz beschnitten werden?
Es gibt dazu keine verlässlichen Zahlen. Seit es die Fachstelle gibt, ist uns im Kanton Zürich kein Fall von weiblicher Beschneidung bekannt. Weder von einem Mädchen, das in der Schweiz beschnitten wurde, noch von einem Mädchen, das in der Schweiz lebt, und für die Beschneidung ins Ausland gebracht wurde. Wir fragen die Frauen bei uns in der Beratung immer, ob sie Töchter haben. Diejenigen, die Töchter haben, sprechen sich alle klar gegen deren Beschneidung aus. Es bestärkt sie oft, dass sie bei uns an einem Ort sind, wo sie die Praxis kritisch hinterfragen dürfen.
Wir machen den Eltern auch jeweils deutlich, dass die Beschneidung in der Schweiz seit 2012 strafbar ist. Das Bundesamt für Gesundheit stellt dazu einen Schutzbrief in verschiedenen Sprachen zur Verfügung, der auf die Rechtslage hinweist. Das Dokument soll Familien und Mädchen unterstützen, sich gegen den sozialen und familiären Druck in ihren Gemeinschaften im Herkunftsland und in der Diaspora zu stellen. Dass sie mit Gefängnis bestraft werden könnten, kann Eltern helfen, ihre Entscheidung bei Bekannten oder der Familie zu rechtfertigen.
Woran können Aussenstehende erkennen, dass ein Mädchen Gefahr läuft, beschnitten zu werden?
Es gibt Warnsignale. Erstens natürlich, dass die Familie aus einem Land mit hoher Beschneidungsrate kommt – vor allem, wenn man weiss, dass auch die Mutter und die Schwestern beschnitten sind. Aufhorchen lassen sollte auch, wenn eine längere Reise geplant ist und ein Mädchen zum Beispiel von einer speziellen Zeremonie erzählt, die bevorsteht. Oder wenn es grosse Angst äussert vor der Reise. Aber Achtung vor Stigmatisierung!
Und was sollte man tun, wenn man einen Verdacht hat?
Wir bekommen immer wieder Anfragen von Schulen oder Kinderhorten, die einen Verdacht hegen oder unsicher sind. Wir schätzen diese Anfragen sehr, und raten allen, sich zuerst bei uns zu melden, bevor sie zum Beispiel die Polizei kontaktieren. Gemeinsam können wir eine Einschätzung machen und Tipps geben für ein Gespräch mit den Eltern.
Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht. Wir haben von den Fachpersonen oft das Feedback erhalten, dass die Eltern dankbar waren, dass sie auf das Thema angesprochen wurden und sich dazu äussern konnten. Alle haben sich klar gegen eine Beschneidung ausgesprochen.
Sara Aduse über den Moment ihrer Beschneidung
Sara Aduse spricht offen über das Trauma, das sie durch ihre Beschneidung erhalten hat. Damit will sie anderen Betroffenen Mut machen.
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