Hitlers Geburtshaus wird zur Polizeiwache – Verhinderung einer Neonazi-Pilgerstätte


20 Millionen Euro Umbau

Der Umbau des Hauses soll 20 Millionen Euro gekostet haben.

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Nach jahrelangen Debatten hat Österreich Hitlers Geburtshaus in Braunau am Inn zu einer Polizeistation umgebaut. Mit der neuen Nutzung soll verhindert werden, dass das Gebäude weiterhin als Pilgerort für Neonazis dient.

Samuel Walder
Keystone-SDA

Darum geht’s

  • Hitlers Geburtshaus im österreichischen Braunau am Inn wurde für rund 20 Millionen Euro in eine Polizeistation umgebaut.
  • Damit soll verhindert werden, dass der Ort als Neonazi-Pilgerstätte dient.
  • Das Gebäude wurde bewusst stark verändert und wird nun von rund 50 Polizeikräften genutzt.
  • Verdächtige Personen vor dem Haus sollen kontrolliert werden.
  • Der Umbau bleibt umstritten. Kritiker wünschen sich eine stärkere historische Aufarbeitung und mehr Informationen über die NS-Verbrechen vor Ort.
Zusammenfassung erstellt mitmyAi

«Aus meiner Sicht passt das jetzt so. Die Neugierigen werden zu Hitlers Geburtstag aber immer noch kommen», meint eine 66-jährige Frau, die ihren Namen nicht nennen will. Sie steht mit zwei Bekannten aus Aachen in Deutschland vor dem Geburtshaus von Adolf Hitler im österreichischen Braunau am Inn – einen Steinwurf von der deutschen Grenze entfernt. Für 20 Millionen Euro (rund 18,5 Millionen Franken) ist das Gebäude zur Polizeistation umgebaut worden. Architektonisch erinnert kaum mehr etwas an den Ort, an dem der spätere Diktator geboren wurde.

Das Ziel: Die Neonazis sollen keinen Pilgerort mehr haben. Die Diskussionen, wie mit dem Nazi-Erbe in der 18.000-Einwohner-Stadt umgegangen werden soll, scheinen damit zunächst beendet. Allerdings räumt Bürgermeister Johannes Waidbacher ein: «Wir werden sicher keine Lösung finden, die 100 Prozent Zustimmung findet.»

Rund 50 Beamte der Polizeiinspektion und des Bezirkspolizeikommandos werden hier nun Dienst tun. Wer sich vor dem Haus rumtreibe und verdächtig wirke, «wird von uns kontrolliert und angesprochen», meint Bezirkspolizeikommandant Stefan Haslberger.

Was hat es mit dem Haus auf sich?

In dem Gebäude wurde Hitler am 20. April 1889 geboren. Seine Familie zog allerdings schon nach wenigen Monaten in ein anderes Quartier in Braunau, bevor sie – ebenfalls vorübergehend – in Passau in Bayern heimisch wurde. Das Areal samt Nebengebäude und Innenhof umfasst rund 3.000 Quadratmeter. Es war lange in Privatbesitz.

Was war besonders am Umbau?

Bis 2011 war unter anderem eine Behindertenwerkstätte dort untergebracht. Einem nötigen Umbau wegen neuer Anforderungen stimmte die Besitzerin nicht zu. Nach einem Rechtsstreit wurde das Areal 2017 enteignet. Eine Experten-Kommission sprach sich gegen einen Abriss und gegen ein Museum aus, sondern für eine Umgestaltung ohne hohen Wiedererkennungswert.

Aus Furcht vor NS-Devotionalen-Sammlern wurde die Baustelle überwacht, der Bauschutt vor Ort geschreddert und mit anderem Material vermischt. «Der Schutt wurde an einem unbekannten Ort gelagert», sagt der Chefhistoriker des Innenministeriums, Stephan Mlczoch.

Wie gross war die Anziehungskraft für Neonazis?

Der Geburtsort des späteren Diktators lockte einzelne Gruppen aus dem rechtsextremen Umfeld an. Ein Vorfall wurde zum Beispiel am 20. April 2024 verzeichnet, als zwei deutsche Pärchen in den Fensternischen Blumen ablegten, für Fotos posierten und eine Frau den Hitlergruss gezeigt haben soll. Ein damals 57-Jähriger aus Berlin soll 2021 vor dem Geburtshaus einen Kranz abgelegt haben.

Das Problem aus Sicht des Staates sind weniger die offenkundigen Vorfälle und mehr die unerkannten Neonazis, die zu diesem Ort pilgerten.

Was ist jetzt anders?

Abgesehen davon, dass das Gebäude jetzt ganz anders aussieht als zu Hitlers Lebzeiten, ist die Nutzung als Polizeiwache aus Sicht des Staates vorteilhaft. Das Gebäude ist – wie viele Polizeidienststellen – videoüberwacht. Niemand kann sich so recht sicher sein, ob er nicht von den Kameras erfasst wird. Nebenbei: Auch Hitlers Neun-Zimmer-Wohnung am Prinzregentenplatz in München wird als Polizeiwache genutzt – und zwar seit vielen Jahrzehnten.

Gab oder gibt es Kritik?

Einige Experten hatten sich an diesem Ort eine offensive Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit und ihren Verbrechen gewünscht. Auch jetzt noch besteht der Wunsch, dass zumindest eine mehrsprachige Info-Tafel nahe dem Gebäude für Aufklärung sorgt. «Das wäre das Mindeste», sagte der Historiker Florian Kotanko, Vorsitzender des Vereins für Zeitgeschichte Braunau.

Allein ein 1989 aufgestellter Gedenkstein vor dem Haus – aus dem Steinbruch des Konzentrationslagers Mauthausen – erinnert an den Terror der Nazi-Jahre: «Für Frieden Freiheit und Demokratie – Nie wieder Faschismus – Millionen Tote mahnen».

Wie wird andernorts mit dem Nazi-Erbe umgegangen?

Nürnberg als Stadt der Reichsparteitage der Nazis gilt als international stark beachtetes – und durchaus gelungenes – Beispiel zum Umgang mit einem belasteten historischen Erbe. Im dortigen Dokumentationszentrum wird die NS-Architektur nicht verherrlicht, sondern eingeordnet.

Rund 300.000 Menschen aus aller Welt kommen nach Angaben der bayerischen Stadt jährlich, um sich dort über die NS-Vergangenheit zu informieren. Da kaum noch Zeitzeugen leben, gewinnen die steinernen Zeugnisse des Grössenwahns der Nazis an Bedeutung.

Welche Verbrechen gehen auf das Konto Hitlers und der Nazis?

Hitler hat den Zweiten Weltkrieg entfesselt, in dem mindestens 60 Millionen Menschen starben. Die meisten Opfer hatte die damalige Sowjetunion zu beklagen. In ihrem Rassenwahn töteten die Nazis im Holocaust rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden sowie Menschen aus anderen Gruppen und Minderheiten. In den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen wurden einige Top-Nazis zum Tod verurteilt. Hitler hatte sich im Führerbunker im April 1945 kurz vor Kriegsende das Leben genommen.


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