Die neuen Ambitionen des FC Lugano im «Boutique-Stadion»


Super League

Die Tribüne mit dem Logo des Super-League-Vereins

Bild: Keystone

Der FC Lugano leitet mit der hochmodernen AIL Arena eine neue Ära ein. Dank US-Millionen, taktischer Finesse und breitem Kader gelten die Tessiner als ernsthafter Titelkandidat in der Super League.

Keystone-SDA

Heute um 04:30

Beim FC Lugano hat unlängst eine neue Zeitrechnung begonnen. Mit der offiziellen Eröffnung der neuen AIL Arena, dem souveränen Vorstoss in die nächste Qualifikationsrunde der Conference League im Kosovo und dem jüngsten Auswärtserfolg bei den Grasshoppers senden die Tessiner ein unmissverständliches Signal an die nationale Konkurrenz. Das Fundament für diesen sportlichen wie infrastrukturellen Höhenflug bildet nicht nur ein über Jahre hinweg eingespieltes Team, sondern vor allem das neue architektonische Prunkstück direkt neben dem alten Stadio Cornaredo.

Die neue Arena, die von CEO Martin Blaser stolz als «Boutique-Stadion» bezeichnet wird, stellt für den gesamten Kanton einen Quantensprung dar. Ein Materialwart des Klubs brachte den krassen Kontrast auf den Punkt: «Wir haben vom Fiat Panda zu einem Porsche gewechselt».

Deutlicher Abo-Anstieg

Zu verdanken ist das Luxus-Upgrade in erster Linie dem US-Milliardär und Klubbesitzer Joe Mansueto. Der Investor steuerte 18,4 Millionen Franken aus eigener Tasche bei, um aus dem ursprünglich schlicht geplanten Bau eine hochmoderne Arena zu machen. Das Resultat sind exklusive Details: Eine offizielle Kapazität von 8793 Plätzen in der Meisterschaft (8153 bei UEFA-Spielen), die grösste Stadionküche der Schweiz auf 185 Quadratmetern, beheizte Hospitality-Sessel mit USB-C-Anschlüssen, eine Hightech-Garderobe und ein im Schweizer Fussball einzigartiger «Tunnel Club».

Dieses exklusive, pro Spiel auf 16 Personen limitierte Erlebnis-Paket bietet den Gästen neben einem Premium-Dinner auch Zugang zum Spielfeldrand während des Aufwärmens und lässt sie beim Einlaufen der Teams hautnah dabei sein.

Dass ein solches Projekt Anlaufschwierigkeiten mit sich bringt, zeigte sich bei der Premiere der Frauen-Nati im Juni, als das Catering an seine Grenzen stiess. Die Klubführung reagierte konsequent: Das Catering wird nun über ein eigenes Management-Mandat gesteuert. Die Begeisterung im Tessin ist spürbar: Von 4240 verfügbaren Saisonabonnements sind bereits 2975 verkauft – ein deutliches Plus im Vergleich zur alten Heimat.

Die Transformation betrifft jedoch nicht nur Beton und VIP-Logen. An der offiziellen Pressekonferenz vor Saisonbeginn präsentierte die Vereinsführung eine konsolidierte Struktur mit insgesamt 205 Angestellten. Bemerkenswert war dabei auch der Rahmen des Auftritts: Die gesamte Medienkonferenz wurde wie schon im Januar von zwei Dolmetscherinnen live in Gebärdensprache übersetzt. Dieser integrative Ansatz wird im Stadion-Alltag konsequent weitergezogen: Der Klub bietet neu auch eine Self-Guided-Tour durch die AIL Arena in italienischer Gebärdensprache (LIS) an.

Das ist ein starkes Vorzeigemodell, das eindrücklich aufzeigt, wie professionelles Gebärdensprachdolmetschen – ein Standard, den man international bereits von Vorreitern wie Arsenal kennt – schrittweise auch im Schweizer Sport Fuss fassen kann. Die Einführung solcher Dienstleistungen direkt in den Arenen eröffnet ein enormes Potenzial für spezialisierte Startups, die Inklusion und das emotionale Live-Erlebnis des Fussballs künftig für alle Fans barrierefrei zugänglich machen wollen.

Fordernder Captain Steffen

Doch macht eine topmoderne Infrastruktur aus den Bianconeri automatisch einen Meisterschaftsanwärter? Während Blick-Kolumnist Kubilay Türkyilmaz den FC Lugano öffentlich als Titelkandidat Nummer 1 tippt, übt sich die Klubspitze in demonstrativer Zurückhaltung. Sportchef Sebastian Pelzer bremst die Euphorie: «Ein wunderschönes Stadion macht noch lange keinen Meisterschaftsfavoriten aus. Wir wollen wachsen – aber Schritt für Schritt». Offizielles Ziel bleibt vorerst das Erreichen der Top 6 und der Championship Group.

Umso deutlicher wird hingegen der neue Captain Renato Steffen. Der 34-Jährige fordert Höchstleistungen ein: «Meister ist ein sehr grosses Wort, aber mit dem neuen Stadion haben wir keine Ausreden mehr.» Dass Steffen diesen Anspruch konsequent vorlebt, zeigte sich auch beim 5:1-Sieg im Europacup gegen Dukagjini, als er trotz einer 3:1-Pausenführung vor den TV-Kameras unzufrieden Trägheit monierte.

Das sportliche Herzstück des Erfolgs bleibt Trainer Mattia Croci-Torti. Der 44-jährige Tessiner geht in seine sechste Saison als Cheftrainer. Luganos Spielweise mit Ball gilt als die komplexeste der Schweiz. Unter Croci-Torti stieg der Ballbesitz drastisch an. In der Defensive setzt Lugano auf eine physische Manndeckung über den gesamten Platz, inspiriert von der modernen Serie A. Dieser kompromisslose Weg forderte allerdings auch Opfer. Klubikone Mattia Bottani verliess den Verein im Sommer im Groll und warf dem Trainer fehlende menschliche Wertschätzung vor.

Moncada als Sinnbild fürs Potenzial

Um der Dreifachbelastung standzuhalten, wurde das Kader gezielt verjüngt. Croci-Torti schwärmt unter anderem vom 18-jährigen Honduraner Dereck Moncada, der für rund drei Millionen Franken verpflichtet wurde: «Er bringt körperliche Voraussetzungen mit, die in der Super League nur ganz wenige haben.»

Wie riesig das sportliche Potenzial dieser Mannschaft tatsächlich ist, bekamen am Wochenende auch die Grasshoppers zu spüren: Im Letzigrund wandelte Lugano einen Rückstand in der zweiten Halbzeit mit einer Leistungssteigerung noch mühelos in einen 4:1-Sieg um. Mittelfeldspieler Uran Bislimi fasste die Tessiner Gefühlslage nach dem Abpfiff treffend zusammen: «Natürlich haben wir Ambitionen. Aber die Saison ist noch jung, und wir schauen nicht zu weit nach vorne. Wenn wir aber mit der Intensität der zweiten Halbzeit spielen, kommt es gut.»

Der FC Lugano agiert längst nicht mehr im Schatten der «grossen» YB und Basel. Mit finanzieller Stabilität, einer erstklassigen Infrastruktur, einem taktisch versierten Trainer und einem tiefen, talentierten Kader sind die Bianconeri bereit, die etablierte Hierarchie der Super League zu durchbrechen. Die Schonzeit ist vorbei – das Tessin fordert Titel.


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