Darum geht’s
- Abdul El-Sayed gewinnt die demokratische Senatsvorwahl in Michigan gegen die etablierte Kongressabgeordnete Haley Stevens.
- Der progressive Politiker setzte sich trotz deutlich kleinerem Wahlkampfbudget durch. Sein Sieg gilt als wichtiges Signal für den linken Flügel der Demokratischen Partei.
- Wer Abdul El-Sayed ist, wofür er politisch steht und warum seine Haltung zu Israel und der Lobby-Gruppe AIPAC den Wahlkampf prägte.
Abdul El-Sayed tritt als demokratischer Kandidat für einen Senatssitz seines Heimatstaats Michigan an. Hauchdünn hat er sich in den Vorwahlen gegen seine Gegnerin, die Demokratin Haley Stevens, durchgesetzt – er erzielte 48,5 Prozent der Stimmen, sie 47,5 Prozent. Laut AP News entspricht das 14’893 Stimmen. Am 3. November tritt er gegen den republikanischen Kandidaten Mike Rogers an.
Trotz des hauchdünnen Resultats wird sein Sieg in den Vorwahlen in den USA als richtungsweisend bezeichnet.
«Er studierte Medizin – erkannte aber, dass es unsere kaputte Politik ist, die die Menschen krank macht»: So stellt sich Abdul El-Sayed auf seiner offiziellen Website vor. Der 41-Jährige wurde in den USA als Sohn ägyptischer Einwanderer geboren.
Nach seinem Doktoratsstudium in Public Health arbeitete er nicht als Arzt, sondern leitete das Gesundheitsamt der Stadt Detroit. Dort bekämpfte er unter anderem ein grosses Mineralölunternehmen, das das Trinkwasser verschmutzte.
2018 kandidierte er als Gouverneur für den Staat Michigan, verlor aber deutlich. Politisch trat er erst 2025 wieder auf, als bekannt wurde, dass ein Senatssitz für Michigan frei wird.
Abdul El-Sayed gehört zum linken Flügel der Demokratischen Partei. In seinem Wahlkampf wurde er von prominenten Progressiven unterstützt, wie dem Senator Bernie Sanders und der Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez.
Wofür setzt sich Adul El-Sayed ein?
Er setzt sich unter anderem für eine staatliche Krankenversicherung, strengere Regeln für Grosskonzerne und Lobbyismus, höhere Steuern für Vermögende, den Ausbau von Arbeitnehmerrechten sowie eine ambitionierte Klima- und Sozialpolitik ein. Ausserdem fordert er die Abschaffung der Einwanderungs- und Zollbehörde ICE.
Im Nahostkonflikt verurteilt er Israels Vorgehen scharf und fordert ein Ende der US-Unterstützung. Er tritt damit deutlich kritischer gegenüber Israel auf als viele Parteikolleg*innen. In seinem Podcast wies er auf die humanitäre Katastrophe im Gazastreifen und den Genozid hin, den Israel an den Palästinenser*innen verübt.
Gegen wen ist er angetreten?
Seine Gegnerin Haley Stevens hat politisch mehr Erfahrung: Seit Januar 2019 vertritt sie einen Distrikt von Michigan im US-Repräsentantenhaus. Die Demokratin gehört zum moderaten, wirtschaftsnahen Flügel der Partei.
Haley Stevens verlor ganz knapp.
AP
Sie setzt sich ein für eine aktive Industriepolitik mit staatlichen Investitionen in Zukunftstechnologien, Infrastruktur und die heimische Produktion, um die Wettbewerbsfähigkeit der USA zu stärken und gut bezahlte Arbeitsplätze zu sichern.
Aussenpolitisch tritt sie als entschiedene Unterstützerin Israels auf. Im Vorwahlkampf wurde sie von zahlreichen Vertretern des demokratischen Partei-Establishments unterstützt.
Insgesamt war ihr Wahlkampfbudget um ein Neunfaches höher als das ihres Gegners. Sie setzte mehr als 63 Millionen Dollar ein, er rund 7 Millionen. Etwa die Hälfte ihres Budgets soll sie von der Pro-Israel-Lobby American Israel Public Affairs Committee, kurz AIPAC, erhalten haben.
Die Lobby gehört zu den grössten Geldgebern bei US-Wahlen und hat ihr Budget in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt, wie die «New York Times» berichtet. So viel wie für Haley Stevens habe AIPAC noch nie in einen Wahlkampf investiert.
Die Position zu Israel und die Gelder von AIPAC waren ein wichtiges Thema im Wahlkampf.
Haley Stevens hatte mehr politische Erfahrung, mehr Budget und mehr Unterstützung im Partei-Establishment – und unterlag dem «Underdog» Abdul El-Sayed trotzdem.
«Abduls Sieg war meiner Meinung nach der aussergewöhnlichste Sieg in der modernen amerikanischen Politik, an den ich mich erinnern kann», sagte sein Unterstützer Bernie Sanders, als die Resultate bekannt waren.
«El-Sayeds Sieg lieferte den Progressiven genau das, wonach sie gesucht hatten: den Beweis, dass sich ihre politischen Ansätze nicht nur in ausschliesslich demokratisch regierten Städten und Wahlbezirken durchsetzen können, sondern auch bei einer Vorwahl der Demokraten in einem der wichtigsten Swing States des Landes», schreibt AP.
Adam Green, Mitbegründer des Progressive Change Campaign Committee, der in der Endphase des Wahlkampfs an El-Sayeds Seite mobilisiert hatte, sagt gegenüber der Nachrichtenagentur: «Abdul El-Sayed ist nun die Speerspitze für die These, dass wirtschaftspolitische Kämpfer, die das System aufbrechen wollen, in Swing States gewinnen können.»
Stimmen, die die militärische Unterstützung Israels durch die USA schon lange kritisieren, sehen in Abdul El-Sayeds Sieg auch ein Zeichen dafür, dass viele US-Amerikaner*innen das Vorgehen Israels nicht mehr unterstützen wollen.
«Egal, wie viel Geld Sie aufwenden, um die Angelegenheit zu verschleiern: Die amerikanischen Wähler*innen werden diesen Völkermord nicht unterstützen», sagt etwa der politische Aktivist und Influencer Matt Bernstein in einem Instagram-Video.
Was sind die Reaktionen auf El-Sayeds Sieg?
Verliererin Haley Stevens gratuliert Abdul El-Sayed in einem Statement und bietet ihm ihre Unterstützung an. «Dies war ein intensiver Wahlkampf, der das gesamte Spektrum der Ansichten innerhalb der Demokratischen Partei zutage gefördert hat – und genau dafür gibt es Vorwahlen», schreibt sie.
Und: «Ich bin stolz darauf, mich zur Kandidatur bereit erklärt zu haben, und noch stolzer darauf, weiterhin gemeinsam daran zu arbeiten, dass dieser Senatssitz demokratisch bleibt, wir die Mehrheit im US-Senat erobern und unsere Arbeit für Michigan fortsetzen.»
Nicht alle Demokrat*innen sind so versöhnlich wie sie. Er werde eine neue, auf den Zeitraum bis 2028 angelegte Initiative im Wert von 15 Millionen Dollar starten, die darauf abzielt, den demokratischen Sozialismus zu diskreditieren, verrät der Demokrat Jonathan Cowan in der «New York Times».
Cowan ist Präsident und Co-Gründer von «Third Way», einem Think Tank, der der demokratischen Mitte zugerordnet wird. «Wir bereiten uns auf den nächsten Krieg vor», so Cowan. Die Angst der moderaten Demokrat*innen: Abdul El-Sayeds Sieg könnte einem oder einer Progressiven den Weg ebnen, um sich 2028 die Präsidentschaftsnominierung der Partei zu sichern – nur um anschliessend die allgemeine Wahl zu verlieren.
Trump on Abdul El-Sayed:
This guy hates Jews. Somebody said, “Oh, that’s a little strong.” No, he hates Jews, and he hates Israel.
Abdul El-Sayed! Can you believe this? This could only happen to me.
Abdul El-Sayed! Lovely gentleman. He is a man of hate. pic.twitter.com/9vKo7P2429
— Clash Report (@clashreport) August 5, 2026
Auch Präsident Trump meldet sich nach den Vorwahlen in Michigan zu Wort. «Abdul El-Sayed ist ein liebenswürdiger Gentleman. Er ist ein Mann des Hasses», meint er bei einer Veranstaltung in Las Vegas. «Er hasst Israel und er hasst Juden. Er ist voller Scheisse», behauptet der Präsident.
Der Gewinner aus Michigan nimmt es mit Humor. «Dass ich ein liebenswürdiger Gentleman bin, stimmt», sagt er in einem Interview mit dem Sender CNN. Der Rest sei aber nicht wahr.
Statt auf Trumps Aussagen einzugehen, hebt er hervor, was er als Senator erreichen möchte und wie wichtig unter anderem der Zugang zu Gesundheitsversorgung sowie bezahlbarem Wohnraum für die Menschen in Michigan seien.
Ausserdem betont er im Interview, dass er und Haley Stevens sich zwar in einigen Punkten uneinig seien, dass es aber viel mehr gebe, was sie als Demokratinnen und Demokraten eint.
Sein Interview kommt an. «Um Himmels willen, es ist eine echte Wohltat, einen Politiker zu erleben, der sich tatsächlich gewählt ausdrücken kann», schreibt jemand dazu. Ein anderer User meint: «Abdul konzentriert sich auf die amerikanische Familie, nicht auf ein fremdes Land. Wählen Sie ihn.» Und ein dritter kommentiert: «Er ist ein Ausnahmetalent. Leute aus Michigan, da habt ihr einen echten Glücksgriff gemacht.»
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New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani macht die Vorwahlen der Demokraten zum Richtungsentscheid für die ganze Partei. An einer Rally in Brooklyn stellte er sich mit Bernie Sanders hinter mehrere linke Herausforderer.
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