Darum geht’s
- Katseye, eine aus einer Realityshow hervorgegangene globale Girlgroup nach K-Pop-Vorbild, feiert seit 2024 grosse Erfolge. Nun pausieren bereits zwei der sechs Mitglieder aus gesundheitlichen Gründen.
- Die verbleibenden vier Mitglieder treten vorerst allein auf, obwohl eine neue EP und eine internationale Tournee bevorstehen.
- Fans unterstützen die pausierenden Sängerinnen, zweifeln aber zugleich daran, ob Katseye zu viert die entstandenen Lücken füllen kann.
- Die Ausfälle werfen Fragen zum Leistungsdruck hinter Katseye auf. Das Casting- und Trainingssystem sowie öffentliche, teils rassistische und sexistische Bewertungen könnten die psychische Belastung der jungen Frauen zusätzlich verstärken.
Vier junge Frauen tanzen eine Choreografie, die eigentlich für sechs gedacht ist. Es bleiben Lücken, die Formation wirkt etwas unsicher. Als das Lied fertig ist, sagt ein Mitglied der Band: «Sophia kann heute nicht hier sein.» Dann fragt sie in die Menge: «Schickt ihr ihr eure Liebe?» Die Menge jubelt.
Das Konzert beim Head-in-the-Clouds-Festival in Kalifornien ist das erste der Popgruppe Katseye ohne Mitglied Sophia Laforteza. Nur wenige Stunden zuvor wurde bekannt, dass die 23-Jährige pausiere – aus gesundheitlichen Gründen, hiess es vonseiten des Labels. Sophia ist nach der Schweizerin Manon bereits das zweite von sechs Mitgliedern, das aussetzt. Was ist da los?
Katseye ist das Produkt einer Realityshow – ein «Experiment», wie es in der Berichterstattung über die Band immer wieder heisst. Dahinter stehen zwei Labels: das koreanische K-Pop-Label Hybe, das auch die südkoreanische Boygroup BTS grossgemacht hat, und die US-Plattenfirma Geffen Records, die zu Universal gehört.
Aus 120’000 Bewerberinnen aus der ganzen Welt stellten sie dann eine Band zusammen. Sie steckten die Anwärterinnen in Trainings, bildeten sie aus, liessen sie gegeneinander antreten – der K-Pop, also der koreanische Pop, hat dafür einen Begriff: «Survival Show», Überlebensshow. Verfolgbar war die Show auf Youtube und den sozialen Kanälen von Hybe und Geffen. Das erklärte Ziel: die nächste grosse globale Girlgroup kreieren.
Am Ende blieben sechs junge Frauen, die nicht nur singen, sondern gleichzeitig tanzen und dabei auf den Punkt performen können: Die US-Amerikanerinnen Daniela Avanzini, Lara Rajagopalan, Sophia Laforteza und Megan Skiendiel, die Schweizerin Manon Bannerman und die Koreanerin Yoonchae Jeung.
Das Experiment funktionierte. Katseyes erste Single «Touch» ging 2024 auf Tiktok viral, die Netflix-Doku «Pop Star Academy: Katseye» lieferte die Entstehungsgeschichte der Band gleich mit. Und seither reiht die Gruppe Charterfolge aneinander, war für zwei Grammys nominiert und hat mehrere American Music Awards gewonnen.
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Das Label «K-Pop-Band», wie Katseye oft genannt wird, ist aber streng genommen falsch. Die Gruppe singt auf Englisch, lebt in Los Angeles, zielt auf den globalen Markt. K-Pop ist bei Katseye nicht das Produkt, sondern eher das Geschäftsmodell: das Casting, das Training, der Fan-Apparat. Katseye ist K-Pop-nah, aber nicht K-Pop.
Die Musik von Katseye selbst klingt mit jedem neuen Lied etwas anders: «Gnarly» klingt nach Hyperpop, «Gabriela» nach Latinpop, und der neuste Release «Animal» erinnert an einen Ed-Sheeran-Song. Kein Wunder, er hat an dem Song auch mitgeschrieben.
Wer ist bisher ausgestiegen?
Der erste Bruch kam im Februar dieses Jahres – ausgerechnet am Höhepunkt: Katseye war eben für zwei Grammys nominiert worden, als das Schweizer Mitglied Manon Bannerman eine Auszeit ankündigte. Sie müsse sich auf ihre Gesundheit konzentrieren, hiess es vom Label.
Der Auftritt bei den Grammys war der letzte, bei dem die 24-Jährige mit der Gruppe auf der Bühne stand. Ein Datum für ihre Rückkehr gibt es bis heute nicht. Auch darüber, ob sie überhaupt zurückkehren wird, wird unter Fans spekuliert.
Ihre Parts übernahmen fortan die anderen. Manons charakteristische tiefe, raue Stimme fehlte – hörbar etwa im Liveauftritt des Songs «Gameboy», wo neu Lara die ersten Verse singt, die zuvor Manon getragen hatte.
Und nun nimmt auch Sophia eine Auszeit. Ausgerechnet sie, die oft als «Leaderin» der Gruppe bezeichnet wird, also als jene, die die Gruppe nach aussen vertritt und zusammenhält. Auch bei ihr nannte das Label gesundheitliche Gründe und sprach spezifischer von psychischen Problemen. Ihre Situation soll im September neu beurteilt werden.
Wie geht es mit Katseye nun weiter?
Auch Sophias Pause fällt in einen Moment, in dem für Katseye viel auf dem Spiel steht: Am Freitag erscheint eine neue EP, im September startet eine Tournee mit Konzerten in Europa, den USA und Mexiko. Auf den Plakaten zur Tournee ist Katseye zu fünft – ohne Manon. Auf der Bühne stehen werden vermutlich zumindest bei einem Teil der Konzerte aber nur vier.
Während die Unterstützung für Sophia gross ist, sind sich die Fans nicht ganz sicher, ob die verbleibenden vier die Lücken der anderen zwei füllen können.
Die Stimmung beim ersten Auftritt zu viert sei seltsam gewesen, Sophia werde deutlich vermisst, heisst es in den sozialen Medien. Oder: «Die Gruppe wirkt zu viert sichtbar angeschlagen». Andere witzeln, Katseye sei bis Jahresende wohl nur noch ein Duo. Und jemand anders fragt spöttisch: «Haben die Leute die Tickets mit 33 Prozent Rabatt bekommen?»
Es ist für viele Popstars Realität: Für die Fans sind sie sowohl Freundinnen, denen man Genesung wünscht, als auch ein Produkt, für das man bezahlt hat.
Dieser Kommentar bringt den Unmut der Fans auf den Punkt.
Screenshot Instagram
Weil zwei Ausfälle in einem halben Jahr, beide auf dem Höhepunkt, den Blick auf das System lenken, aus dem Katseye stammt.
Katseye sind, wie zu Beginn etabliert, nicht einfach ein paar junge Frauen, die Spass am Musikmachen haben. Sie sind Teil eines ökonomischen Produkts, das zur grössten Girlgroup der Welt werden soll. Dass das für die Mitglieder intensiv ist, liegt auf der Hand. Dass hohe Erwartungen an sie gestellt werden, ohnehin.
Damit haderte die Schweizerin Manon schon zu Beginn. In der Netflix-Serie wurde sie zeitweise als faul dargestellt, weil sie Trainings verpasste. «In Amerika herrscht eine ganz andere Kultur, was die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben angeht», sagte sie später in einem Interview mit dem «New York Magazine» dazu. «Bei euch dreht sich alles um harte Arbeit und Ehrgeiz. In der Schweiz nimmt man sich einen Tag frei, wenn man krank ist.»
Bei der Ankündigung von Manons Pause kam zudem die Frage auf, ob auch Rassismus eine Rolle gespielt habe – Manon soll entsprechende Instagram-Posts gelikt haben. Zur Kritik, faul zu sein, sagte sie im Interview mit dem «New York Magazine» zudem: «Als faul bezeichnet zu werden, vor allem als Schwarzes Mädchen, ist nicht fair. Jetzt habe ich das Gefühl, mich immer besonders anstrengen zu müssen, um etwas zu beweisen – obwohl das eigentlich gar nicht nötig wäre.»
Dazu kommt, dass die Bewertung, der die Band-Mitglieder als öffentliche Figuren ausgesetzt sind, auch eine sexistische Schlagseite hat. «Die Leute betrachten uns als Frauen, die bewertet werden müssen. Sie bewerten uns danach, wie hübsch wir sind, wie gut wir singen und tanzen können, und addieren dann alles zu einer Gesamtpunktzahl», sagte Lara in einem Interview mit der BBC. Ihre Bandkollegin Manon ergänzte, das sei psychisch sehr belastend.
Bemerkenswert ist das, weil genau dieses Raster nicht bei den Fans beginnt, sondern beim Label. Menschen in Zahlen und Rankings zu übersetzen – nach Aussehen, Gesang, Tanz –, das hat die Castingshow vorgeführt, Woche für Woche. Ein System, das auch die Band-Mitglieder selbst schon «dystopisch» genannt haben.
Wenn Fans die Band heute Ranglisten berechnen und nach «33 Prozent Rabatt» fragen, wenden sie also nur an, was ihnen von Anfang an vorgemacht wurde. Die Logik, Popstars wie eine messbare Ware zu behandeln, hat das System selbst geliefert.
Die Frage ist, wo in dieser Rechnung das eigene Wohlbefinden Platz hat – und ob der einzige Ort dafür der (temporäre) Ausstieg ist, wie ihn Manon und Sophia nun genommen haben.
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