Bäume vertrocknen

In Tüscherz im Kanton Bern sind die Auswirkungen der Hitze auf den Wald Anfang August deutlich zu sehen.

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Die Schweizer Wälder sehen vielerorts schon aus wie im Herbst. Die vertrockneten Blätter sind jedoch nur das sichtbare Zeichen eines viel grösseren Problems: Die extreme Hitze und Trockenheit setzen den Bäumen nachhaltig zu.

Britta Gfeller

Darum geht’s

  • Die Folgen der extremen Trockenheit zeigen sich deutlich in den Schweizer Wäldern.
  • Vertrocknete Blätter sind nur ein sichtbares Zeichen, denn auch Äste und Knospenanlagen der Bäume sind betroffen.
  • Langfristig dürften viele der Bäume absterben.
  • Experten erwarten, dass sich der Schweizer Wald durch den Klimawandel stark verändern wird. Einige Baumarten haben keine Zukunft in der Schweiz.
Zusammenfassung erstellt mitmyAi

Man könnte meinen, es sei bereits Herbst: An mehreren Orten in der Schweiz sind ganze Flächen im Wald braun, manche Bäume haben die Blätter verloren. Doch: Normalerweise sieht es in den Schweizer Wäldern erst Ende Oktober so aus.

«Was man jetzt sieht, hat nichts mit Herbst zu tun, sondern mit der aussergewöhnlichen Trockenheit in der Schweiz», erklärt Ansgar Kahmen. Er ist Professor für Pflanzenökologie an der Universität Basel und befasst sich mit der Schnittstelle zwischen Pflanzen und Umwelt. «Die Böden sind so ausgetrocknet, dass die Bäume ihre Kronen nicht mehr mit Wasser versorgen können. Deshalb sterben die Zellen in den Blättern ab.»

Der Grund, warum man diese Folgen der Trockenheit nur in Teilen des Waldes sieht, liegt einerseits an den Baumarten, die unterschiedlich resistent gegen die Trockenheit sind. «Eichen oder Eschen haben tief reichende Wurzeln und halten deshalb länger aus. Buchen, die im Mittelland und Jura die häufigsten Bäume sind, haben hingegen ein flaches Wurzelwerk.» Andererseits hat auch die Tiefe der Böden, auf dem die Bäume wachsen, einen Einfluss: Je tiefer der Boden ist, desto mehr Feuchtigkeit ist gespeichert.

Mickrige Baumkronen – und schliesslich komplettes Absterben

Absterbende Blätter seien an und für sich noch kein Problem, erklärt der Experte. «Blätter sind Wegwerf-Organe, sie werden jeden Herbst entsorgt und im Frühling neu gebildet.» Das Problem sei jedoch, dass die trockenheitsbedingten Schäden, die man als Laie von Auge sieht, Symptome für tiefergehende Probleme sind.

Im Lawinenschutzwald am Stanserhorn im Kanton Nidwalden sieht es nach Herbst aus.

Im Lawinenschutzwald am Stanserhorn im Kanton Nidwalden sieht es nach Herbst aus.

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Nicht nur die Blätter sind vertrocknet, sondern auch Äste und sogar Knospenanlagen, die bereits jetzt gebildet sind und nächstes Jahr zu neuen Blättern werden sollten. «Das wird nächstes Jahr zu weniger dichten Blätter-Kronen führen – die Blätter, die dann wachsen, sind kleiner und zum Teil beschädigt.»

Die Schäden, die die Trockenheit verursacht, werde man nächstes Jahr stark im Wald sehen. «Diese Hitzeperiode ist eine Zäsur für den Wald», sagt Ansgar Kahmen. Direkt absterben werden viele Bäume zwar nicht. «Sie bestehen aus vielen sich wiederholenden Einheiten – Hunderttausenden von Blättern, Ästen und Zweigen», erklärt der Botanik-Professor. Deshalb sterben die Bäume erst nur teilweise ab.

Ist die Beschädigung der Krone aber zu weit fortgeschritten, führt das zum kompletten Absterben im Laufe der nächsten Jahre. Äste, die aufgrund der Trockenheit abbrechen, werden zu Eintrittspforten für Schädlinge, die dem Baum noch mehr zusetzen.

Buchen und Fichten haben keine Zukunft

Gerade die bei uns dominante Buche werde in den nächsten Jahren massiv zurückgehen. «Auch die Fichte hat keine Zukunft in den tieferen Lagen der Schweiz. Wir in der Wissenschaft gehen davon aus, dass die Schweizer Wälder in Zukunft nicht mehr so aussehen werden, wie wir sie kennen.»

Verschwinden werde der Wald zwar nicht – schliesslich gebe es auch in trockenen Gebieten Wälder. Die Frage sei jedoch, welche Baumarten in Zukunft in der Schweiz noch überleben können. Ansgar Kahmen vermutet, dass es vor allem Arten aus dem Süden sein werden, mit längeren Wurzeln und kleineren Kronen.

Auch im Bremgartenwald in Bern vertrocknen die Bäume.

Auch im Bremgartenwald in Bern vertrocknen die Bäume.

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«Wir können diesen Wandel natürlich geschehen lassen. Doch das dauert lange», sagt er. «Oder wir können eingreifen und den Wald mit resistenteren Arten aufforsten.» Schwierig daran sei, dass der Klimawandel nicht stehen bleibt und man nicht weiss, wie sich das Klima entwickeln wird.

Forstliche Eingriffe im Wald dauern Jahrzehnte und über Generationen. «Es ist schwer vorherzusagen, welche Arten wir jetzt pflanzen sollen, damit sie in 100 Jahren mit dem dann herrschenden Klima umgehen können.» Die Menschen müssten sich damit anfreunden, dass in den Schweizer Wäldern in Zukunft wohl eher mediterrane Baumarten wachsen werden und die Bestände allgemein lichter werden.

Absterben der Bäume setzt CO₂ frei

Ein Grund, warum es kaum möglich sein wird, diesen Wandel komplett der Natur zu überlassen: Wälder sind wichtige CO₂-Speicher. Sterben die Bäume ab, wird das CO₂ freigesetzt, was den Klimawandel und damit das Baumsterben wiederum vorantreibt. Um dem entgegenzuwirken, müssen sich neue Bäume etablieren, die das CO₂ wieder binden können.

«Wir müssen uns bewusst machen, dass sich der Klimawandel nicht irgendwann in der Zukunft manifestieren wird, sondern dass wir mittendrin sind», sagt Ansgar Kahmen. «Das Einzige, was wir tun können, ist, unsere Emissionen massiv zu reduzieren.»

Doch auch dann könnte die Erwärmung und das Baumsterben nicht mehr aufgehalten werden. «Wir müssen uns an die neuen Bedingungen anpassen und Strategien entwickeln, wie wir unsere Natur gestalten können, damit sie mit dem wärmeren, trockenen Klima umgehen kann.» Genau für diese klimataugliche Aufforstung der Schweizer Wälder hat der Bundesrat um Umweltminister Albert Rösti vor kurzem jedoch Gelder gestrichen.


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