Darum geht’s
- Die Gewalt israelischer Siedler*innen gegen Palästinenser*innen im Westjordanland hat 2026 einen neuen Höchststand erreicht. Laut Uno gab es in der ersten Hälfte des Jahres durchschnittlich sechs Angriffe pro Tag.
- Seit dem 7. Oktober 2023 wurden im Westjordanland 1100 Palästinenser*innen getötet, 243 davon Kinder.
- Israelische Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Siedlungspolitik und die weitgehende Straflosigkeit für Siedlergewalt. Die EU hat Sanktionen gegen gewalttätige Siedler*innen verhängt, die Schweiz bisher nicht.
Sogar der israel-freundliche US-Botschafter Mike Huckabee wählt kritische Töne: Der «entsetzliche Akt des Terrors» habe darauf abgezielt, «diese Familie einzuschüchtern». Das sei «abscheulich», schreibt er auf X. Die israelische Polizei und das israelische Militär seien auf Bitten der US-Botschaft eingeschritten, um die «israelischen Terroristen» zu entfernen.
This is another lie. @usembassyjlm has been VERY involved & the IDF & Israel Police have gone at our request to remove the Israeli terrorists doing this. The actions of those doing this to this family’s home is criminal. The WH hasn’t “intervened” because we have kept DC… https://t.co/qrfnCYcOtB
— Ambassador Mike Huckabee (@GovMikeHuckabee) August 13, 2026
Was dem US-Botschafter in Israel die selten kritischen Worte entlockt: Seit dem 9. August hatten israelische Siedler im Dorf Qusra im Westjordanland die Häuser mehrerer palästinensischer Familien belagert. Ihnen wurde der Zugang zu Lebensmitteln, Wasser und anderen lebenswichtigen Gütern verwehrt. Eines der Häuser gehört einem Mann, der auch die US-Staatsbürgerschaft besitzt.
Sechsmal pro Tag greifen die Siedler an
Siedler*innen, das sind israelische Bürger*innen, die im palästinensischen Westjordanland oder in Ost-Jerusalem leben. Die Vereinten Nationen und der Grossteil der Staaten stufen diese Siedlungen als völkerrechtswidrig ein, da sie auf besetztem Gebiet liegen.
Die israelische Regierung fördert die Siedlungen jedoch offiziell, unter anderem werden Millionen in israelische Infrastrukturprojekte im Westjordanland investiert. Manche Siedler*innen wohnen dort, weil die Wohnungen und Häuser günstig sind. Die Regierung schafft zusätzliche Anreize wie Steuererleichterungen. Andere leben aus ideologischen Gründen auf palästinensischem Gebiet.
Der Fall von Siedler-Gewalt in Qusra macht Schlagzeilen. Doch er ist nur einer von vielen. Laut einem UN-Bericht vom Juni kam es in der ersten Hälfte von 2026 zu durchschnittlich sechs Angriffen pro Tag von Siedler*innen auf Palästinenser*innen. Mehr als jemals zuvor. Gezählt werden nur jene Angriffe, die zu Verletzten oder Sachschaden geführt haben.
«Menschen werden getötet. Sie verlieren ihre Häuser und ihre Gemeinschaften, ihr Ackerland und ihr Vieh. Familien verlieren ihre einzige Einkommensquelle. Palästinenser*innen kämpfen ums Überleben und darum, auf ihrem Land bleiben zu können, doch niemand schützt sie», sagt die bekannte israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem auf Anfrage von blue News zur Situationen der Bevölkerung im Westjordanland. Die Organisation sammelt seit 1989 Berichte und Beweise über Menschenrechtsverletzungen in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten.
243 palästinensische Kinder getötet
Laut UN-Berichten vom Juli wurden seit dem 7. Oktober 2023 im Westjordanland 1111 Palästinenser*innen von israelischen Siedler*innen oder vom israelischen Militär getötet. Mindestens 243 davon waren Kinder. Belangt wird dafür kaum jemand.
Schlagzeilen machte vor wenigen Tagen die Anklage des Siedlers Yinon Levi. Er erschoss letztes Jahr den Palästinenser Awdah Hathaleen. Awadah Hathaleen war ein Englischlehrer und Friedensaktivist. Bekannt wurde er durch seine Mitarbeit am Film «No Other Land», der 2025 den Oscar als Bester Dokumentarfilm gewann. Laut der Menschenrechtsorganisation Yesh Din wurde zuletzt 2019 ein israelischer Zivilist wegen der Tötung eines Palästinensers im Westjordanland angeklagt.
«Die Straffreiheit, die das israelische System Israelis – ob Soldat*innen oder Siedler*innen – gewährt, wenn sie Palästinenser*innen töten, ist strukturell verankert», erklärt B’Tselem. «Das System ist darauf ausgelegt, diese Gewalt zu ermöglichen, die Verantwortlichen zu schützen sowie die Fortsetzung und Ausweitung der Gewalt zu gestatten.»
64 palästinensische Ortschaften von der Landkarte verschwunden
Das Westjordanland ist seit 1967 von Israel besetzt. Diese Jahrzehnte dauernde Besatzung ist laut der internationalen Gemeinschaft völkerrechtswidrig. Fünf Uno-Resolutionen, verabschiedet zwischen 1967 und 2024, bestätigen dies.
An der Okkupation änderte dies nichts, im Gegenteil: «Die Realität im Westjordanland, wo rund drei Millionen Palästinenser*innen leben, geht längst über eine statische militärische Besatzung hinaus», sagt B’Tselem. «Israel verfolgt eine gezielte Politik der Zersetzung der palästinensischen Gesellschaft, drängt die Palästinenser*innen in immer kleiner werdende Enklaven ab und ersetzt sie durch eine dauerhafte jüdisch-israelische Präsenz.»
Laut der israelischen Menschenrechtsorganisation wurden im Westjordanland in den letzten drei Jahren 200 sogenannte Outposts errichtet. Diese Aussenposten werden von israelischen Siedlern ohne offizielle Genehmigung der israelischen Regierung errichtete.
Sie werden meist strategisch auf Hügeln im palästinensischen Gebiet platziert, um Land zu kontrollieren, Verbindungen zwischen palästinensischen Orten zu trennen und die Ausdehnung offizieller Siedlungen vorzubereiten. Die israelische Regierung legalisiert sie oft nachträglich.
Das Haus des palästinensischen Mädchens in Khirbet al-Tuba wurde Anfang August von Siedlern angegriffen – sie beschädigten mehrere Häuser, Solarpanels und anderes Eigentum der Palästinenser*innen.
www.imago-images.de
«Die Outposts dienen als Stützpunkte für häufige Angriffe von Siedlermilizen auf palästinensische Gemeinden, Dörfer und landwirtschaftliche Flächen», erklärt B’Tselem.
Israel habe inzwischen mit der Hilfe von Siedlermilizen und dem Militär 64 palästinensische Communitys im Westjordanland vertrieben. 15 weitere wurden teilweise zwangsumgesiedelt. Betroffen seien davon rund 5000 Palästinenser*innen. Zudem habe das Militär Geflüchtetenlager im Norden des Westjordanlands übernommen, in denen intern Vertriebene wohnten, und von dort rund 40’000 Palästinenser*innen zwangsumgesiedelt.
«Das israelische Militär unterstützt die Siedlermilizen und beteiligt sich häufig an deren Angriffen», so B’Tselem. «Die palästinensische Gesellschaft und Wirtschaft werden an den Rand des Zusammenbruchs getrieben, während die israelische Landnahme weiter voranschreitet.»
Angriffe auf Schulen und Universitäten
Auch Bildungseinrichtungen werden zu Zielen der Angriffen. «Milizen von Siedlern haben im Westjordanland mehrere Schulen angegriffen, israelische Behörden reissen Schulen ab, das Militär führt Razzien an Universitäten durch und nimmt Studierende fest», zählt B’Tselem auf. Dadurch solle die palästinensische Gesellschaft laut der Menschenrechtsorganisation geschwächt und die Palästinenser*innen sollen letztlich zur Abwanderung bewegt werden.
«Als palästinensisches Kind im Westjordanland aufzuwachsen bedeutet, mit ständiger Angst und Ungewissheit aufzuwachsen – und mit dem Wissen, dass selbst die Erwachsenen in deinem Umfeld dich nicht beschützen können», erklärt B’Tselem die Auswirkungen der Siedlergewalt und der militärischen Besatzung auf die Kleinsten.
EU verhängt Sanktionen – Schweiz nicht
Die Siedler- und Militärgewalt im Westjordanland habe seit dem 7. Oktober 2023, also seit dem Angriff der Hamas auf Israel und dem darauf folgenden Krieg im Gazastreifen, zugenommen: «Seither lässt sich viel deutlicher und offener beobachten, wie die israelische Politik auf eine ethnische Säuberung und die Zerstörung der palästinensischen Gesellschaft zusteuert – durch Gewalt, Landnahme, zunehmend drastische Bewegungseinschränkungen und wirtschaftliche Strangulierung.»
Die verschiedenen Formen der Gewalt seien nicht voneinander getrennt, sondern Teil eines gezielten politischen Projekts, findet B’Tselem. «Dies ist eine Politik des israelischen Regimes, und die internationale Gemeinschaft muss alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel und Druckmittel nutzen, um sie zu stoppen», fordert die Menschenrechtsorganisation.
Die EU-Staaten haben 2024 Sanktionen gegen gewalttätige Siedler*innen verhängt. Unter anderem werden Vermögenswerte eingefroren und es besteht ein Ein- und Durchreiseverbot. Auch Kanada, Australien und Neuseeland haben Massnahmen ergriffen. 2025 lehnte der Ständerat eine Motion ab, die forderte, dass sich die Schweiz den Sanktionen anschliesst.
Liebe zwischen Trümmern – Wie eine Massenhochzeit den Menschen in Gaza Hoffnung gibt
Zwischen zerstörten Häusern, Flüchtlingszelten und den Spuren des Krieges feiern in Gaza dutzende Paare ihre Hochzeit. Die Massenfeier soll den Menschen für einen Moment Hoffnung, Freude und ein Stück Normalität zurückgeben.
#Adessonews seleziona nella rete articoli di particolare interesse.
Se vuoi leggere l’articolo completo clicca sul seguente link





