Leichtathletik im Aufwind

Audrey Werro, Simon Ehammer und Jason Joseph (v.l.n.r.) wollen auch bei den Olympischen Spielen auf Medaillenjagd gehen.

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Das Hoch der Schweizer Leichtathletik geht auch an den Europameisterschaften in Birmingham weiter. Nun soll mit gezielten Massnahmen dafür gesorgt werden, dass der Aufschwung nachhaltig anhält.

Keystone-SDA

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Heute um 06:38Heute um 06:43

Darum geht’s

  • An der EM in Birmingham holte die Schweiz sieben Medaillen (3 Gold, 3 Silber, 1 Bronze) und 13 weitere Top-8-Klassierungen.
  • Christoph Seiler, der Präsident von Swiss Athletics, ist sich bewusst, dass gerade, wenn es gut läuft, häufig Fehler gemacht werden. Deshalb lancierte Swiss Athletics im vergangenen Jahr das Projekt «Next Level».
  • Das Ziel ist, «die Wahrscheinlichkeit für den Gewinn einer Medaille an den Olympischen Sommerspielen 2028 zu optimieren». Aktuell hat die Schweiz acht Athleten, denen man eine Olympia-Medaille zutraut.
  • Der letzte Olympia-Podestplatz in der Leichtathletik gelang Werner Günthör 1988 mit Bronze im Kugelstossen.

Wird rein die Anzahl der Medaillen als Massstab genommen, war die EM in Birmingham aus Schweizer Sicht ein Rückschlag im Vergleich zu jener zwei Jahre zuvor in Rom. Dort gewann Swiss Athletics vier Gold-, eine Silber- und vier Bronzemedaillen. Diesmal gab es je dreimal Gold und Silber sowie einmal Bronze.

Das wäre jedoch viel zu kurz gegriffen. Das Niveau in England war deutlich höher als 2024. Damals fanden gut anderthalb Monate nach den Europameisterschaften die Olympischen Spiele in Paris statt, die den Saisonhöhepunkt bildeten. Zudem fehlte in Birmingham mit gleich fünf vierten Plätzen nur wenig zu weiteren Podestplätzen, und die Schweiz schaffte nicht weniger als 20 Top-8-Klassierungen – in Rom waren es deren 18 gewesen. Zudem gab es in diesem Jahr bislang fünf Schweizer Siege in der Diamond League. Audrey Werro (800 m), Annik Kälin (Siebenkampf) sowie Simon Ehammer (Zehnkampf) führen gar die Weltjahresbestenlisten an.

Das zeigt, dass die hiesige Leichtathletik immer besser wird. Christoph Seiler, der Präsident von Swiss Athletics, sagt dazu im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA: «Wenn man von Zürich (der Heim-EM 2014) bis jetzt schaut, dann stellt man fest, dass sich der Erfolg der Schweizer Leichtathletik stetig und nachhaltig Jahr für Jahr entwickelt hat.»

«Das war Extraklasse vom Allerfeinsten»

Hat ihn eine Leistung in Birmingham besonders gefreut? «Es ist immer gefährlich, wenn einzelne Ereignisse hervorgehoben werden. Aber besonders gefreut hat mich, dass es Audrey Werro gelungen ist, dem riesigen Druck in dieser Art und Weise standzuhalten, gerade auch nach dem Malheur im Halbfinal (sie ist nach einer Berührung gestürzt) – in Grossbritannien hat man vom ersten Tag an nur vom Duell Hodgkinson gegen Werro geredet. Das war Extraklasse vom Allerfeinsten.»

Mit ein Grund für die Schweizer Erfolge ist für Seiler die tiefe Eintrittsbarriere der Sportart. «Wenn man sieht, wie bunt zusammengemischt unser Team ist, dann ist das auch ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Jede und jeder hat den Zugang zu unserem Sport und dem müssen wir Sorge tragen», sagt Seiler.

Auffallend ist auch, dass viele Schweizer Topathleten aus kleineren Vereinen hervorgehen. Ein gutes Beispiel dafür ist ebenfalls Werro, die beim CA Belfaux gross geworden ist. «Dieser dezentrale Ansatz zeichnet uns aus», sagt Seiler. Damit er funktioniere, brauche es allerdings viel, und zwar entsprechende Umfelder und Coaches, welche die ausserordentlichen Talente behutsam aufbauen würden.

Mit «Next Level» zu Olympia-Medaillen

Seiler ist sich bewusst, dass gerade, wenn es gut läuft, häufig Fehler gemacht werden. Deshalb lancierte Swiss Athletics im vergangenen Jahr das Projekt «Next Level». Das Ziel ist, «die Wahrscheinlichkeit für den Gewinn einer Medaille an den Olympischen Sommerspielen 2028 zu optimieren». Der letzte Olympia-Podestplatz in der Leichtathletik gelang Werner Günthör 1988 mit Bronze im Kugelstossen. Vor zwei Jahren in Paris fehlte dazu wenig: Angelica Moser (Stab), Annik Kälin (Siebenkampf) und Simon Ehammer belegten jeweils den 4. Rang. Auch Dominic Lobalu, der für das Refugee Olympic Team startete, wurde über 5000 m Vierter.

So verfügt Swiss Athletics mit Werro, Kälin, Moser, Mujinga Kambundji, Ditaji Kambundji, Ehammer, Lobalu und Jason Joseph über acht Athletinnen und Athleten, denen eine solche zugetraut wird. Diese werden nicht direkt monetär unterstützt, sondern es wird geschaut, wie deren Umfeld punktuell optimiert werden kann. Eine Massnahme war beispielsweise, dass Christiane Berset Nuoffer, die Trainerin von Werro, im vergangenen Herbst von Swiss Athletics als Nationaltrainerin Mittelstrecken angestellt wurde, damit sie ihre Stelle als Lehrerin aufgeben konnte.

Ein zweiter Aspekt des Projekts ist die Sicherung von Know-how. So soll verhindert werden, dass ein Trainer, der mit einem Topathleten gross geworden ist, aufhört, wenn sein Schützling die Karriere beendet. «Das ist auch eine Konsequenz unseres dezentralen Systems und ist ineffizient», sagt Seiler. Vielmehr soll der Transfer des Wissens sichergestellt werden. Deshalb werden an die unterstützten Trainer auch gewisse Anforderungen gestellt, beispielsweise dass sie offen dafür sind, andere Coaches bei ihnen hineinschauen zu lassen.

Auch Basis leistet wichtigen Beitrag

Finanziert wird das Ganze durch Stiftungen. War es angesichts des aktuellen Hochs einfach, an Geld heranzukommen? «Ich würde nicht sagen, dass es einfach ist, aber unsere nachhaltige Entwicklung hat natürlich geholfen», sagt Seiler. Dennoch gelte es, die Einnahmen weiter anzuheben, wobei er hervorhebt: «Nicht nur Stiftungen und Sponsoren unterstützen uns, unsere Basis hat in den letzten zehn Jahren zweimal zu erheblichen Erhöhungen bei Lizenzen und Mitgliederbeiträgen Ja gesagt, weil sie erkannt hat, dass wir als Verband noch mehr Geld brauchen.»

Seiler gibt gleich ein Beispiel: «Wir haben 41 Athletinnen und Athleten mit einem ziemlich grossen Betreuerstab nach Eugene geschickt (an die U20-WM), das kostet enorm viel Geld.» Es gehört jedoch ebenfalls zur Strategie von Swiss Athletics, möglichst vielen die Möglichkeit zu geben, an Grossanlässen Erfahrungen zu sammeln.

Heim-EM 2034 als Ziel

Seiler hätte gerne gehabt, dass die European Championships, ein Multisport-Anlass mit mehreren Europameisterschaften inklusive der Leichtathletik-EM, 2030 in der Schweiz stattgefunden hätten. Das wird jedoch nicht der Fall sein, nachdem der Bundesrat keine finanzielle Unterstützung gewährt hat.

Seiler hofft nun, dass der Anlass 2034 in der Schweiz über die Bühne geht, und will sich nach Möglichkeit dafür einsetzen. Für ihn wäre das eine riesige Chance, auch für andere Sportarten. «Wir müssen schauen, dass der Schwung, den wir jetzt haben, so lange wie möglich erhalten bleibt», betont Seiler.


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