Darum geht’s
- In der Schweiz ist die Pille danach rezeptfrei erhältlich, vor der Abgabe ist aber ein obligatorisches Beratungsgespräch vorgeschrieben.
- Ein neues digitales Tool soll intime Fragen diskreter machen und den Ablauf in Apotheken vereinfachen.
- Im europäischen Vergleich ist die Schweizer Regelung ungewöhnlich streng.
- Politisch gerät die Pflichtberatung nun unter Druck. Der Nationalrat will sie abschaffen.
Das Kondom ist gerissen, die Pille wurde vergessen oder beim Sex wurde überhaupt nicht verhütet. In einer ohnehin angespannten Situation folgt in der Schweiz zunächst ein Gespräch. Denn obwohl die «Pille danach» ohne ärztliches Rezept erhältlich ist, darf sie in der Apotheke nicht einfach verkauft werden.
Damit verfolgt die Schweiz im europäischen Vergleich einen ungewöhnlich strengen Weg.
Vor der Abgabe müssen unter anderem der Zeitpunkt des ungeschützten Geschlechtsverkehrs, der Zyklus, die bisherige Verhütung und eingenommene Medikamente abgeklärt werden. Das selbst bezahlte Medikament muss zudem noch vor Ort im Beisein der Apothekerin oder des Apothekers eingenommen werden.
Obligatorisches Gespräch in der Kritik
Rund 100’000 Mal pro Jahr wird die Notfallverhütung laut SRF in der Schweiz eingesetzt. Für manche Betroffene ist gerade dieser Moment in der Apotheke unangenehm: Sie müssen sehr persönliche Informationen gegenüber einer fremden Person offenlegen.
Dass erwachsene Frauen bei einem ohne ärztliches Rezept erhältlichen Medikament zwingend intime Fragen beantworten müssen, berührt dabei auch eine grundsätzliche Frage der Selbstbestimmung.
GLP-Nationalrätin Corina Gredig kritisiert das obligatorische Gespräch als unnötige Hürde und staatliche Bevormundung. Ihrer Ansicht nach sollten erwachsene Frauen bei einem rezeptfreien Medikament selbst entscheiden können, ob sie eine Beratung benötigen. Intime Fragen müssten dafür nicht zwingend beantwortet werden. Die Gespräche seien eine Hürde, wirkten abschreckend und seien oft mit Scham verbunden.
SP-Nationalrätin Tamara Funiciello hatte 2023 die Schweizer Praxis als stigmatisierend kritisiert und die Frage aufgeworfen, weshalb Frauen nicht zugetraut werde, selbst über die Einnahme der Pille danach zu entscheiden. Beratung könne sinnvoll und verfügbar sein, müsse aber nicht zwingend Voraussetzung dafür sein, ein Medikament zu erhalten, das zeitkritisch wirkt.
Smartphone übernimmt unangenehme Fragen
Hier setzt die aus einem Forschungsprojekt der Universität Basel entstandene Web-Anwendung Eviflow an. Die wichtigsten Angaben lassen sich bereits vor dem Gespräch am eigenen Smartphone erfassen, ohne Personendaten einzugeben.
Anschliessend erhält die Apotheke die für die Beratung relevanten Informationen. Selbst wer eine Apotheke aufsucht, die Eviflow nicht verwendet, kann die ausgefüllten Angaben als PDF mitbringen.
Hinter Eviflow steht die Pharmazeutin und Basler Forscherin Esther Spinatsch. Untersuchungen zur bisherigen Beratung zeigten, dass viele Kundinnen die Informationen zwar schätzen, sie allerdings die fehlende Diskretion als Hürde empfinden. Rund ein Viertel der Befragten gab in einer Schweizer Untersuchung an, vor dem Gang in die Apotheke Angst vor mangelnder Diskretion gehabt zu haben.
Seit August ist Eviflow regulär verfügbar, rund 40 Apotheken setzen es laut SRF bereits ein. Das System kann auch auf sensible Situationen wie sexuelle Gewalt hinweisen und zu Hilfsangeboten führen. Für die Apotheken verspricht es Zeitersparnis und einen standardisierten Ablauf.
Andere Länder setzen auf Eigenverantwortung
Während die Schweiz das obligatorische Gespräch gerade digital angenehmer macht, ist andernorts längst weniger vorgeschrieben. In Deutschland ist die Pille danach seit 2015 rezeptfrei erhältlich, ohne vergleichbares Pflichtverfahren.
England hält zwar ebenfalls an einer fachlichen Konsultation fest, hat den Zugang aber erleichtert: Seit Oktober 2025 ist die Pille danach dort kostenlos in Apotheken erhältlich.
Frankreich geht noch weiter. Dort wird die Notfallverhütung seit 2023 unabhängig vom Alter rezeptfrei und kostenlos in Apotheken abgegeben.
Der Vergleich zeigt: Die Schweizer Pflichtberatung ist keine medizinische Selbstverständlichkeit. Andere Länder setzen stärker auf freiwillige Beratung und die Eigenverantwortung von Frauen. Nun steht auch in der Schweiz eine Lockerung zur Debatte.
Nationalrat will Pflichtgespräch streichen
Am 29. April nahm der Nationalrat mit 113 zu 73 Stimmen eine Motion von GLP-Nationalrätin Corina Gredig an. Das obligatorische Beratungsgespräch soll fallen, die Pille danach künftig etwa auch in Drogerien und nicht nur in Apotheken erhältlich sein. Nun ist der Ständerat am Zug.
GLP-Nationalrätin Corina Gredig will die obligatorische Beratung bei der Pille danach abschaffen.
KEYSTONE
Der Bundesrat hält dagegen. Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider verweist auf Neben- und Wechselwirkungen und darauf, dass eine Fachperson beurteilen müsse, welches Präparat geeignet sei. Auch das Bundesgericht hat die heutige Pflicht mit dem Schutz der Anwenderinnen begründet.
Was für eine Beratung spricht
Ganz trivial ist die Pille danach medizinisch tatsächlich nicht. Welches Präparat passt, hängt unter anderem davon ab, wie lange der ungeschützte Geschlechtsverkehr zurückliegt, welche Medikamente eingenommen werden und wo im Zyklus sich die Frau befindet. Denn die Pille danach kann eine Schwangerschaft nur verhindern, solange der Eisprung noch nicht stattgefunden hat.
Wichtig ist auch eine häufige Verwechslung: Die Pille danach beendet keine bestehende Schwangerschaft. Sie verschiebt oder verhindert den Eisprung und ist deshalb keine Abtreibungspille. Religiöse oder ethische Einwände gegen einen Schwangerschaftsabbruch greifen hier also nicht in gleicher Weise.
Beratung kann deshalb medizinisch sinnvoll sein. Ob sie zwingend vorgeschrieben sein muss, ist eine andere Frage.
WHO setzt auf Selbstbestimmung
Die Weltgesundheitsorganisation WHO setzt deutlich stärker auf einen niederschwelligen Zugang und empfiehlt ausdrücklich, Notfallverhütungspillen ohne ärztliches Rezept zugänglich zu machen.
Gerade weil die Präparate möglichst rasch eingenommen werden sollten, könne ein unkomplizierter Zugang Zeit sparen. Die WHO nennt auch die Möglichkeit, die Pille danach bereits vorsorglich zu beziehen.
Der verbreitete Ruf als «Hormonbombe» ist dabei irreführend. Nebenwirkungen wie Übelkeit, Müdigkeit oder Zyklusverschiebungen sind laut WHO meist mild und vorübergehend. Auch eine wiederholte Einnahme birgt nach bisherigem Wissen keine bekannten gesundheitlichen Risiken.
Grundsätzliche gesundheitliche Ausschlussgründe oder eine Altersgrenze für die Anwendung nennt die WHO nicht.
Auch eine wiederholte Einnahme verursacht nach bisherigem Wissensstand keine bekannten gesundheitlichen Risiken, kann aber häufiger zu Zyklusunregelmässigkeiten führen. Damit spricht sich die WHO für Information und Beratung aus, macht diese aber nicht zur Voraussetzung für den Zugang.
Beratung bleibt vorerst bestehen
Vorerst bleibt die Pflichtberatung bestehen. Der Nationalrat hat zwar für eine Lockerung gestimmt, nun muss sich aber noch der Ständerat mit der Motion befassen. Erst danach könnte der Bundesrat die Abgaberegeln anpassen.
Das neue digitale Beratungstool könnte auch danach weiter genutzt werden, dann allerdings freiwillig, beispielsweise um vorab Fragen zu Medikamenten, Verhütung oder dem richtigen Zeitpunkt der Einnahme zu klären.
Der Unterschied wäre grundlegend: Beratung bliebe verfügbar, wäre aber nicht mehr Voraussetzung dafür, dass erwachsene Frauen Zugang zur Notfallverhütung erhalten.
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