GC-Captain Amir Abrashi im Interview vor dem Saisonstart


Amir Abrashi, Sie haben sich lange Zeit gelassen mit dem Entscheid, ob Sie als Spieler weitermachen. Was ging in Ihnen vor?

«Die letzten drei Jahre waren brutal. Man vergisst ab und zu, dass man noch eine Familie und ein Leben hat. Eine Zeit lang dachte ich, es geht nur um Fussball, um GC, fertig. Aber das Umfeld leidet mit. Meine Frau merkte, wie riesig der Druck zum Saisonende war. Es waren brutale Spiele und ich war irgendwann auch zu Hause nur noch abwesend. Ich habe mich gefragt, ob das für die Zukunft noch gut ist. Gerade, weil ich vor zwei Monaten erstmals Vater wurde.»

Was hat Sie überzeugt, doch weiterzumachen?

«Die Leute, die gekommen sind. Vor allem Ludo (Ludovic Deléchat, der neue VR-Präsident von GC – Anm. d. Red.) und unser neuer CEO, Richard Feuz, waren ausschlaggebend.»

Können Sie das ausführen?

«Ich sage das jetzt nicht, um mich einzuschleimen, das habe ich nicht mehr nötig. Aber das sind gute Leute mit einer guten Energie. Wir sind die oberste Priorität der Besitzer und das Flaggschiff der Bridge Football Group. Wir können offen und ehrlich miteinander reden, das ist nicht selbstverständlich. Es ist klar, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben, es wird nicht einfach. Aber wenn wir eine gute Atmosphäre schaffen, von der Geschäftsführung bis zu den Spielern, wenn wir eine Einheit werden, dann kommen auch wieder die Erfolge.»

Fehlte in der Vergangenheit diese gute Atmosphäre?

«Mit den Besitzern in Los Angeles war es eine andere Situation. Der Präsident war in den USA, jetzt ist er in Zürich. Das macht einen Unterschied. Aber wir müssen auch den vergangenen Besitzern dankbar sein. Sie haben viel für die Grasshoppers getan.»

Sie klingen sehr euphorisch, wenn Sie über die neuen Besitzer sprechen.

«Ich bin nur am Schwärmen, ich weiss. Ich bin ein positiver Mensch, die letzten Saisons hat man bei GC jedoch nicht viel Positives gesehen. Nun stimmt der Grundstein, ich komme extrem gerne auf den Campus. Ludo war früher GC-Fan, das spürt man und das kauft man ihm auch ab. Zudem stimmt der Austausch mit ihm, vom Trainer über mich bis hin zur Mannschaft.»

Jemand, der diesem Umbruch zum Opfer fiel, war Alain Sutter, der als Sportchef gehen musste. Wie habt ihr das aufgenommen?

«Jeder Abgang ist bitter. Mir tut der Mensch immer leid. Aber es geht um GC. Einzelne Personen müssen hinten anstehen. Man muss vorwärts schauen.»

Dann tun wir das. Was nehmt ihr euch für die kommende Saison vor?

«Dazu sage ich nichts mehr. Nach der Barrage gegen Thun 2024 habe ich gesagt, dass ich nicht mehr in die Abstiegsspiele will. Ein Jahr später waren wir wieder da, und ich war überzeugt, dass uns das nicht mehr passiert. Nun haben wir zum dritten Mal die Barrage gespielt. Was habe ich denn noch für Argumente, ein Ziel zu definieren? Wir wollen Woche für Woche schauen und möglichst viele Punkte sammeln. Wir dürfen nicht mehr träumen, wir müssen zuerst liefern. Aber wir werden alles daran setzen, mehr lachende Gesichter bei den Fans zu sehen.»

Sie sprechen die Fans an. Nach dem Sieg im Barrage-Rückspiel hielt die Kurve ein Banner mit der Aufschrift «Zellt eusi Saisoncharte au nächst Saison? Die Saison hend ihr ja nöd mitgspielt!» hoch. Können Sie den Frust nachvollziehen?

«Ich musste schmunzeln, als ich das gesehen habe. Wir haben einen Scheiss gemacht das vergangene Jahr. Da können wir nicht erwarten, dass sie jubeln, nur weil wir zum dritten Mal den Abstieg verhindert haben.»

Zudem war es wahnsinnig knapp. Vor allem nach der Roten Karte gegen Lee Young-Jun schien das Momentum zu kippen. Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?

«Ich war einfach nur leer. Ich habe meine Beine kaum mehr gespürt. Zum Glück war der liebe Gott auf unserer Seite.»

Was wäre passiert, wenn GC abgestiegen wäre?

«Ich wäre zerstört gewesen. Ein Abstieg hätte mich gekillt. Einen Tag nach dem Klassenerhalt war ich in Zürich unterwegs und habe zu meiner Frau gesagt: ‘Ich glaube, ich wäre nicht hier, wären wir abgestiegen’. Es wäre die Niederlage meiner Karriere, meines Lebens gewesen. Davor hatte ich riesigen Respekt. Es kommen gleich wieder Emotionen hoch. Das Positive aus diesem letzten Spiel müssen wir mitnehmen.»

Konntet ihr das bis anhin?

«Am ersten Tag zurück im Training haben alle nur gelacht. Die Saison zu verarbeiten war nicht einfach, aber wieder für die Super League trainieren zu dürfen, das bedeutet mir viel.»

Wie wichtig wird nun der Start der Saison sein?

«Sehr wichtig. Wenn wir die letzten drei Jahre anschauen, sind wir nie gut gestartet. Ich habe in meiner Karriere gelernt, dass es viel Energie und eine Art Aufwärtstrend bringt, wenn man mit Punkten in die Saison startet. Wenn man gleich zu Beginn verliert, dann kommen sofort wieder Stimmen wie ‘nicht schon wieder’.»

Da hilft es wohl sehr, dass GC mit Peter Zeidler einen Trainer hat, der die Super League in- und auswendig kennt.

«Peter Zeidler war schon für den Ligaerhalt ausschlaggebend. Du musst Mut haben, in dieser Situation zum Klub zu kommen. Wären wir abgestiegen und hätten nicht den sofortigen Wiederaufstieg realisiert, wäre das auch für seine Karriere nicht einfach gewesen. Er hat viel Risiko auf sich genommen, das macht nicht jeder. Auch er findet, dass wir auf einem guten Weg sind, dass wir aber auch Details weiter verbessern müssen. Es wird keine einfache, sondern eine schwierige Saison werden. Man muss von Anfang an kämpfen, sonst wird man keine Chance haben.»

Sie haben gerade Details angesprochen, die noch besser werden müssen. Können Sie ein Beispiel machen?

«Wir haben viele junge Spieler im Team. Im Testspiel gegen Panathinaikos wurde beispielsweise klar, dass sie sich noch etwas mehr Zeit lassen dürfen, bis sie den Ball weiterspielen. Mehr Ruhe bewahren.»

Der Klub hat Sie in der Mitteilung zur Vertragsverlängerung als Spieler bezeichnet, der auf dem Platz, aber vor allem auch in der Kabine wichtige Impulse setzt. Sehen Sie Ihre Rolle auch so?

«Ich spreche viel mit den Jungs, ja. Ich bin hart, aber sie wissen, dass ich ihnen helfe. Das schätzen sie, deswegen habe ich eine gute Verbindung zu ihnen und mache das auch gerne.»

Sie helfen den Spielern auf dem Platz. Was ist sonst noch wichtig für Erfolge?

«Die Klubführung, Trainer, Spieler, Fans, das muss alles eine Linie ergeben. Wir müssen an einem Strang ziehen. GC ist ein Gewicht, das Trikot muss wieder Gewicht haben. Es ist nicht selbstverständlich, dass du bei GC spielst. Zudem müssen die Spieler, die kommen, auch charakterlich passen. Letztendlich bringt es mehr, wenn ein Spieler gut in die Mannschaft passt. Wenn man ein riesiges Talent holt, das nur auf sich selbst schaut, kann das die Mannschaft kaputt machen. Das habe ich den neuen Besitzern zum Beispiel auch gesagt.»

Sie haben vorhin gesagt, dass Sie nicht mehr träumen dürfen. Die letzte Saison hat jedoch gezeigt, wie unberechenbar die Super League ist.

«Wollen Sie eine Erklärung?»

Gerne.

«Bei gewissen Teams merkt man, dass es keine Familie ist. Ich will niemandem zu nahe treten. Aber bei Thun zum Beispiel? Da hat man gemerkt, dass sie eine Familie waren. Über Jahre hinweg haben sie gemeinsam gut gearbeitet. Dank einem guten Saisonstart war die Euphorie dann plötzlich riesig. Alles lief. So ist die Super League. Grundsätzlich ist alles immer 50/50. Man erarbeitet sich die entscheidenden Prozente.»

Man merkt, wie sehr Sie für den Fussball leben. Dennoch die Frage: Wird es ihre letzte Saison als Profi?

«Wahrscheinlich. Die Chancen sind gross. Ich denke nicht, dass ich wie Luka Modric werde und mit 40 noch spiele. Aber ich bin gut gestartet. Ich bin fit und kann mit dem Team mithalten. Wäre das nicht mehr der Fall, hätte ich schon längst aufgehört. Wichtig ist vor allem, dass GC wieder positive Jahre hat. Ich bin Nebensache, ich bin nur ein Spieler. Es ist mein grösster Wunsch, dass GC wieder erfolgreich ist. Dann verkrafte ich es auch eher, aufzuhören.»