Arzije Asani löst Debatte im St. Galler Rheintal aus


Nach SVP-Abstimmung

In Buchs SG kamen in den 1970er-Jahren an manchen Tagen mehrere hundert Saisonnierarbeiter*innen an. Der Umgang mit ihnen wird kritisch betrachtet.

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Ein Instagram-Text aus dem St. Galler Rheintal macht Erfahrungen von Kindern aus Familien, die eingewandert sind, sichtbar. Die Reaktionen reichen von Zustimmung bis scharfer Kritik.

Petar Marjanović

Darum geht’s

  • Die Autorin Arzije Asani hat in einem offenen Brief auf Instagram beschrieben, wie sie als Kind im St. Galler Rheintal bespuckt, beschimpft und in der Schule benachteiligt wurde.
  • Der offene Brief war eine Reaktion auf das hohe Ja-Ergebnis zur Bevölkerungsdeckel-Initiative der SVP in der Region.
  • Viele Betroffene aus der ganzen Schweiz erkannten sich in Asanis Erfahrungen wieder.
  • Historiker Max Lemmenmeier stützt die Kritik teilweise und verweist auf die nie offiziell anerkannte Aufbauleistung der Zugewanderten.
  • SVP-Nationalrat Mike Egger hingegen nennt den Text eine ungerechte Abrechnung und fordert eine Entschuldigung.
Zusammenfassung erstellt mitmyAi

Ein Instagram-Beitrag beschäftigt das St. Galler Rheintal seit mehreren Tagen. Die Autorin und Filmemacherin Arzije Asani hat einen offenen Brief an ihre alte Heimat geschrieben und darin festgehalten, was sie dort als Kind und Jugendliche an Ausgrenzung erlebte.

Asani ist in Rebstein aufgewachsen und lebt seit rund elf Jahren in Zürich. Sie betont selbst, ihr Brief sei «kein Angriff auf das Rheintal». Sie habe hier 20 Jahre verbracht, auf diesen Feldern gespielt, sich zum ersten Mal verliebt.

Gerade weil ihr die Region etwas bedeutet, treffen ihre Worte einen Nerv: Tausende reagierten, viele erkannten sich wieder. Herausgekommen ist eine Debatte darüber, was Heimat eigentlich ausmacht und wer dazugehören darf.

«Bespuckt und als Ratze beschimpft»: Was Asani ihrer Heimat vorwirft

In ihrem Essay «Liebes Rheintal» beschreibt Asani, wie sie und andere Kinder von Eingewanderten in der Schule behandelt worden seien. Sie hätten Prüfungen wiederholen müssen, weil man ihnen gute Noten nicht geglaubt habe. Sie seien als «Ratzen» beschimpft, an den Haaren gezogen und bespuckt worden. «Meine ganze Kindheit hindurch wurde mir vermittelt, dass wir nicht Teil der hiesigen Kultur sind», hält sie fest.

Besonders ausführlich erzählt sie die Geschichte ihres Vaters. Er kam als Saisonnier in die Schweiz und half mit, das Land aufzubauen. Er wurde, wie viele andere, jährlich wegen des Saisonnierstatus medizinisch untersucht. Laut Gewerkschaft mussten bei solchen «entwürdigenden grenzsanitarischen» Untersuchungen Männer mit nacktem Oberkörper in der Schlange anstehen.

Der Auslöser für den Text war das Abstimmungsresultat der SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!». Landesweit wurde die Bevölkerungsdeckel-Initiative zwar deutlich abgelehnt, im Rheintal jedoch mit über 61 Prozent angenommen. «Endlich kann ich deinen Hass in Zahlen fassen», schreibt Asani und macht damit ihre Verletzung deutlich. Veröffentlicht hat sie den Brief bewusst erst, nachdem ihre Eltern weggezogen waren, um sie zu schützen.

Im Rheintal wird der Text diskutiert

Der kurze Text schlug grosse Wellen. Er wurde über 3800 Mal «geliked» und vielfach kommentiert. Mittlerweile ist er nicht mehr öffentlich sichtbar. Viele Betroffene aus der ganzen Schweiz erkannten sich wieder. Jemand aus dem Sarganserland schrieb ihr laut «Appenzeller Zeitung»: «In Zürich werde ich zum Glück als Teil der Gesellschaft gesehen und nicht als ‹Jugo› abgestempelt.»

Nicht alle konnten den offenen Brief nachvollziehen. In Kommentaren und Leserbriefen war von «fehlendem Integrationswillen» und «Opferrolle» die Rede. Asani hält aber dagegen: «Ich sehe mich als Teil dieses Landes. Ich fühle mich berechtigt, zu kritisieren.» Sie will damit nicht als Aussenstehende reden, sondern als jemand, der dazugehört und deshalb etwas mitzureden hat.

«Ich sehe mich als Teil dieses Landes. Ich fühle mich berechtigt, zu kritisieren.»

Arzije Asani

Autorin und Filmemacherin

Dass es ihr nicht um pauschale Vorwürfe geht, betont sie selbst: Eine einzige verständnisvolle Lehrperson «mit offenem Blick für Migrationskinder» könne für ein Kind den Unterschied machen, sagt sie im «Rheintaler». Solche habe sie an der Wirtschaftsmittelschule in Heerbrugg durchaus erlebt.

Historiker und Nationalrat schalten sich ein

Die Debatte wird nicht nur in Leserbriefen geführt. Das «St. Galler Tagblatt» sprach mit dem Historiker Max Lemmenmeier, der mehrere Bücher über die Geschichte des Kantons und des Rheintals verfasst hat und seit 2006 für die SP im Kantonsrat sitzt. Er ordnet Asanis Kritik ein: «Frau Asani schreibt an das Rheintal, nicht an die Rheintalerinnen und Rheintaler», sagt er im Interview. Auch dort hätten sich viele für Zugewanderte starkgemacht.

Zugleich erinnert er: Das Saisonnierstatut galt von 1934 bis 2002, und eine offizielle Anerkennung dieser Aufbauleistung fehle bis heute. «Der Wohlstandszuwachs erfolgte wesentlich durch die Zuwanderung. Das zu ignorieren, ist falsch», sagt Lemmenmeier. Ein Vorstoss zur Aufarbeitung wurde 2024 im Kantonsrat abgelehnt.

Deutlich anders klingt es aus der SVP. In einem Gastbeitrag im «Werdenberger & Obertoggenburger» nennt Nationalrat Mike Egger den Essay eine «ungerechte Abrechnung» mit einer ganzen Region. Wer sich wegen Wohnungsknappheit oder überlasteter Infrastruktur Sorgen mache, sei kein Rassist: «Wer eine Begrenzung der Zuwanderung fordert, ist nicht fremdenfeindlich», schreibt er. Egger fordert, Asani solle sich entschuldigen.

Asani konnte für eine Anfrage nicht erreicht werden. Sie teilte aber über ihr Instagram-Konto mit, dass sie sich zum Beitrag nicht mehr äussern möchte: «Als Autorin habe ich erreicht, was ich erreichen wollte: eine Diskussion anzustossen und dazu beizutragen, dass in der Ostschweiz endlich über Rassismus gesprochen wird. Dafür bin ich dankbar – denn genau diese Gespräche haben viel zu lange gefehlt.»


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