«Unsere Ambitionen haben sich nicht geändert»


Super League

Hatten trotz oder gerade wegen des Thuner Meistertitels einen arbeitsreichen Sommer: Präsident Andres Gerber (links) und Sportchef Dominik Albrecht

Keystone

Vor einem Jahr Aufsteiger, nun Meister: Thun verkörpert ein Fussballmärchen. Doch die Verantwortlichen sind sich bewusst, dass die Saison der Bestätigung eine schwierige wird.

Keystone-SDA

Keystone-SDA

Heute um 05:01

«Überragend! Überragend!», schreit der eine ins Mikrofon. «Es fühlt sich an, als würde eine Blume in mir aufgehen», sagt ein anderer. Die Fans in der Stockhorn Arena können ihr Glück kaum fassen an diesem 3. Mai 2026. 128 Jahre nach der Vereinsgründung ist der FC Thun zum ersten Mal Schweizer Meister. Und dies nur ein Jahr nach dem Aufstieg in die Super League. Die Geschichte des kleinen Klubs aus dem Berner Oberland ist das grösste Märchen im Schweizer Klubfussball und sorgte weit über die Landesgrenzen hinaus für Schlagzeilen.

Fast drei Monate sind seit der Meisterfeier vergangen. So wirklich realisiert hat man das Geschaffte im Berner Oberland noch nicht. «Es wirkt immer noch surreal», sagt Präsident Andres Gerber. «Mir geht es fast täglich so: Wenn ich irgendwo eine Rangliste sehe, eine E-Mail erhalte oder auf der Strasse einen Kommentar höre, dann denke ich: Ja stimmt, wir sind ja Schweizer Meister.» Alle in Thun seien stolz auf den Klub. «Aber ich habe das Gefühl, wir sind auch alle überfordert mit der Situation.»

Die obere Tabellenhälfte als Ziel

Gerber ist eines der Gesichter hinter dem Erfolg des FC Thun. Seit 24 Jahren ist er im Klub. 2009 fand der fliessende Übergang vom Spieler zum Sportlichen Leiter statt, seit April 2021 ist er Verwaltungsratspräsident. Gerber hat als Spieler und Funktionär Höhen und Tiefen durchlebt mit seinem Herzensklub. 2005 schaffte er sensationell die Qualifikation für die Champions League und lief im altehrwürdigen Highbury gegen Arsenal auf. Drei Jahre später stieg er in die Challenge League ab – um 2010 als Sportlicher Leiter abermals in die Super League aufzusteigen. Trainer damals: Murat Yakin. Zum heutigen Schweizer Nationaltrainer hat Gerber noch immer losen Kontakt. «Ich habe ihm vor der WM geschrieben: Wenn Thun Schweizer Meister werden kann, dann könnt ihr auch…»

Geträumt haben sie im Berner Oberland schon früh in der letzten Saison. Während andere stets den Thuner Einbruch nach verheissungsvollem Start heraufbeschworen, sprachen die Verantwortlichen alsbald von einem möglichen Meistertitel. Bei aller Demut macht sich der Verein nicht kleiner, als er ist. Die Rolle des ambitionierten Underdogs soll auch im Jahr 1 nach dem Meistertitel eingenommen werden. «Das soll jetzt nicht überheblich oder durchgeknallt klingen. Aber: Ich will es nicht ausschliessen, dass wir nochmal Schweizer Meister werden», sagt Gerber. Den Gedanken müsse man zulassen, daran glauben. «Sonst wären wir auch letzte Saison nicht Meister geworden.»

Gleichzeitig hält der 53-Jährige fest, dass schon das Erreichen der Top 6 als Erfolg gewertet werden dürfte. «Dann hast du keine Abstiegssorgen und spielst um Europa. Gleichzeitig ist es kein Weltuntergang, wenn man dieses Ziel nicht erreicht. Unsere Ambitionen haben sich auch durch den Meistertitel nicht geändert», so Gerber.

Meistertrainer und Leistungsträger sind weg

Die Mannschaft ist nicht mehr dieselbe wie in der Meistersaison. Zahlreiche Leistungsträger haben die Gunst der Stunde genutzt und sind weitergezogen. Topskorer Elmin Rastoder wechselte zu Panathinaikos nach Athen. Der erst 20-jährige Ethan Meichtry wagte den Sprung in die Serie A zum FC Genoa. Die ausgeliehenen Kastriot Imeri (Young Boys) und Noah Rupp (Karlsruhe) gingen zurück zu ihren Stammvereinen. «Alles nachvollziehbar und legitim», kommentiert Gerber.

Worte, die ihm beim Wechsel von Leonardo Bertone zum FC Luzern nicht über die Lippen kommen. Diplomatisch sagt er: «Es macht für uns keinen Sinn, Spieler mit Biegen und Brechen zu halten, nur weil sie noch einen Vertrag haben.» Negative Energie in einer Gruppe sei gefährlich. Teamspirit schlägt Qualität. Davon sind sie in Thun überzeugt. Es sind keine leeren Worthülsen, wie der Blick in die Pokalvitrine zeigt.

Gerber und Sportchef Dominik Albrecht, auch er ein (im positiven Sinn) Alteingesessener, hatten nicht viel Zeit, um den sensationellen Titelgewinn zu feiern. Kurz nach der Meisterfeier deponierte Trainer Mauro Lustrinelli seinen Wechselwunsch. «Das war vom Timing her ein Paukenschlag und hat uns sofort wieder auf den Boden der Realität zurückgeholt», sagt Gerber, dessen Beziehung zu Lustrinelli über jene zwischen Präsident und Trainer hinausging. «Mit Mauro ist auch ein guter Freund gegangen.» Doch auch hier wieder – «absolut legitim, auch wenn es emotional extrem wehgetan hat».

Neuanfang mit «gutem Freund»

In Gian-Luca Privitelli zauberten die Verantwortlichen einen Trainer aus dem Hut, den ausserhalb des Berner Oberlandes kaum einer auf der Rechnung hatte. «Sein Name war bei uns immer im Hinterkopf», sagt Gerber, der den 48-jährigen Berner mit italienischen Wurzeln schon lange kennt. Von 2018 bis 2021 wirkte er in Thun als Trainer der U21 respektive U18, ehe er als Ausbildungschef zum FC Basel ging und zuletzt während gut zwei Jahren die U20-Nationalmannschaft betreute. Mit Privitelli kehrt nicht nur «ein guter Freund» zurück, wie es Gerber formuliert, sondern einer, der perfekt ins Anforderungsprofil passt, junge Spieler weiterentwickeln kann.

Thun geht den Thuner Weg unbeirrt weiter. Statt auf grosse Namen legt man Wert auf Zwischenmenschliches, Fussballsachverstand, Gefühl. Die Erlöse aus den Transfers wurden nicht in kostspielige Neuzugänge investiert. Stattdessen kamen entwicklungsfähige Spieler von YB, aus Aarau, der zweiten österreichischen Liga oder Dänemark.

«Es wird noch Kadermutationen geben, das Transferfenster ist ja noch lange offen», sagt Gerber und fügt hinzu: «Domi hat in den vergangenen Wochen viele Gespräche und Verhandlungen geführt, die teils erfolglos blieben. Das ist nun mal ‘Part of the game’. Darum ist es so wichtig, dass wir unseren Job machen und uns nicht leiten lassen von der erhöhten Erwartungshaltung von aussen. Wir werden selten nervös, wenn ein Transfer nicht klappt.»

Am Samstag startet der Meister in Luzern zwischen Champions-League-Träumen in die neue Super-League-Saison. Die Romantiker wünschen sich, dass die Geschichte des kleinen FC Thun in der kommerzialisierten Welt des Fussballs eine märchenhafte Fortsetzung findet.