Herr Guido Tognoni, was plant die FIFA genau?
Ich will jetzt nicht FIFA sagen, sondern der FIFA-Präsident Gianni Infantino. Er plant eine weitere Kommerzialisierung des Fussballs. Und zwar plant er das nicht mit den Einnahmen, die er bis jetzt schon gemacht hat und die er in erfreulicher Weise steigern konnte – bis und mit der WM in den USA, Mexiko und Kanada. Aber er plant jetzt noch private Investoren einzuladen, um denen einen Teil des Kuchens mit Werberechten und so weiter zu verkaufen und dadurch ein Investment auszulösen.
Infantino selbst bezeichnet das ja als ‹einmalige Chance für die Entwicklung des Weltfussballs›. Ist denn überhaupt zusätzliches Kapital notwendig?
Das ist genau die Frage, die ich mir auch stelle. Ich bin der Auffassung, wenn man im Jahr 2026 13 Milliarden einnimmt und 2030 17 Milliarden einnimmt und möglicherweise später noch mehr, besteht eigentlich kein Bedarf, dass man auf dem privaten Markt noch Geld aufnehmen muss.
Man darf etwas nicht vergessen: Das ist nicht christliche Nächstenliebe, die die Amerikaner anbieten, sondern die wollen für die Investitionen auch wieder Geld zurück. Also wäre die FIFA dann nicht mehr frei, wie sie mit ihrem Geld umgeht, sondern sie müsste das Geld irgendwie zurückzahlen. Auf alle Fälle ist das kein Geschenk, sondern das wäre ein Investment mit Profitgedanken. Und zwar nicht für die FIFA, sondern für die Investoren.
Es gab in der Vergangenheit schon Versuche mit der Project Trophy 2018 oder der Gründung der europäischen Super League der Klubs. Sehen Sie da Parallelen?
Ich sehe keine Parallelen zu den Bestrebungen einer Super League, aber es gibt Parallelen zu den Bestrebungen von Gianni Infantino, der früher mit einer japanischen Bank ein Joint Venture machen wollte. Das ist damals abgelehnt worden.
Und jetzt kommt er einfach mit einer amerikanischen Bank, die im Übrigen auch mitverdienen will – genau wie die privaten Investoren. Es ist ein Konstrukt, das meines Erachtens für den Fussball nicht gut ist und der FIFA jegliche Freiheit nimmt, um selbstbestimmend zu sagen, wie und an wen sie das Geld verteilen will.
Kritiker und auch die UEFA reden von einem Ausverkauf.
Das ist mindestens ein Teilausverkauf. Kein Mensch in der Welt ausser Gianni Infantino wäre auf die Idee gekommen, private Investoren einzuladen, um vom FIFA-Kuchen etwas mitessen zu können. Die UEFA ist allerdings auch kommerziell nicht völlig unbefleckt und weiss auch, wie man zu Geld kommt. Aber diese Art, dass ein privater Investor oder eine Investorengruppe mitreden kann, was mit dem FIFA-Geld passiert, das ist neu und riecht wirklich stark nach Ausverkauf.
Würde damit auch der Druck steigen für mehr Turniere und Spiele?
Der Kalender ist schon ziemlich voll. Die Investoren kommen aus dem Umfeld von Donald Trump – die verstehen ja eigentlich nicht viel vom Fussball und die wollen einfach mehr Geld. Dann werden sie einfach sagen: Ja, gut, dann machen wir eine WM alle zwei Jahre. Der Wunsch nach mehr würde noch verstärkt werden, das ist ganz klar. Und das wäre nicht gut für die FIFA.
Was steckt hinter dem ganzen Projekt?
Ich habe das Gefühl, Gianni Infantino spielt eine Doppelstrategie. Er benutzt das Investmentprojekt jetzt mal als einen Hebel, um zu schauen, wie weit er gehen kann. Er hat ja auch schon von einer WM mit 64 statt 48 Mannschaften geredet. Das wären 24 Spiele mehr pro Weltmeisterschaft im Moment. Ich denke, wenn das mit den Investoren nicht aufgeht – und so sieht es momentan aus –, dann sagt Infantino: ‹Okay, wir lassen das fallen, aber wir machen dafür eine 64er-WM›.
Und das wäre ja auch ein Schritt in Richtung der kleineren Verbände, die dann mehr Chancen hätten, um bei einer WM mitmachen zu können. Wahrscheinlich wird die UFEA einknicken und dann werden alle anderen auch sagen: ‹Schlucken wir halt diese Kröte auch noch›.
Infantino argumentiert, dass die FIFA ja immer noch die Mehrheit an diesem Tochterunternehmen namens FFE (FIFA Forward Enterprise) hätte …
Es ist zwar richtig, dass die FIFA immer noch die Hoheit über den Wettbewerb haben will. Aber wenn man einen starken Minderheitsaktionär hätte, der Milliarden investiert, dann kann man nachher nicht so tun, als ob der keine Mitsprache hätte und als ob da nicht Drucksituationen entstehen würden. Das ist völlig weltfremd. Vor allem wenn Amerikaner dabei sind. Die machen Druck und die wollen Geld sehen. Und das würde die FIFA in ihrer Freiheit massiv einschränken, da kann Infantino sagen, was er will.
Wahrscheinlich sind viele kleinere Fussballverbände offen, speziell wohl auf dem afrikanischen Kontinent, während von Europa – und teilweise Südamerika – wohl Widerstand kommt.
Es könnte knapp werden, wenn die UEFA nicht den Block zusammenhalten kann. 55 Stimmen würden reichen, um eine Dreiviertelmehrheit zu verhindern. Die Frage ist, inwiefern die UEFA sich aufraffen kann, um einmal als Einheit auftreten zu können, was bis jetzt in der Geschichte des Fussballs noch nie der Fall war.
Die UEFA ist aufgespalten in die lateinisch geprägten Verbände, in die osteuropäischen sowie in die angelsächsischen Verbände, zu denen man auch die Schweiz zählen kann. Und wenn man Russland nimmt, mit Putin hat Gianni Infantino immer noch ein Ass im Ärmel. Er kann dem Putin sagen: ‹Wenn du deine ehemaligen Satellitenstaaten auf unsere Linie bringst, dann schieben wir dir wieder eine Weltmeisterschaft oder ein anderes Turnier zu›. Das ist also auch noch ein taktischer Schachzug, den er machen kann.
Wenn es zu einem Kongressentscheid kommt, wird es nicht einfach sein, eine Dreiviertelmehrheit zu verhindern. Aber so wie es heute aussieht, sind sogar die Asiaten und der Nord-, Mittelamerika und Karibik-Verband (CONCACAF) gegen das Projekt. Aber Gianni Infantino hat noch ein wenig Zeit, um Überzeugungsarbeit zu leisten. Und wo Geld fliesst, sind Meinungsumschwünge immer sehr schnell da.
Die kleinen Verbände profitieren ja jetzt schon enorm von der FIFA …
San Marino, Gibraltar oder die Färöerinseln kriegen gleich viel vom Topf wie Deutschland, England oder Italien. Man kann also nicht sagen, dass es den kleinen Verbänden schlecht geht. Das hat schon Sepp Blatter eingeführt. Man kann jetzt nicht noch mit noch mehr Geld einen Verband wie Gibraltar auf Weltniveau pushen.
Die sind halt einfach einmal limitiert – und die Malediven oder Montserrat in der Karibik ebenfalls. Diese Verbände haben eigentlich wenig Grund zu klagen und noch weniger Grund, um zu sagen: ‹Wir wollen noch mehr Geld von der FIFA›. Sie kriegen bereits überproportional viel im Vergleich zu ihrer Bedeutung im Weltfussball.
Bis jetzt hat aber Infantino eigentlich niemand stoppen können …
Doch, das erste Projekt mit der japanischen SoftBank vor ein paar Jahren ging bachab. Und wenn man nun Infantino genau zuhört, hat er jetzt schon ein bisschen zurückbuchstabiert. Er sagt jetzt: ‹Es ist nur ein Vorschlag, das muss nicht unbedingt sein›.
Infantino ist nicht blöd, er will ja nicht unbedingt in eine Niederlage reinlaufen. Und darum sehe ich auch, dass er einen Deal macht mit den Kontinentalverbänden, dass er eben das Investmentprojekt fallen lässt, aber dafür seine 64er-Weltmeisterschaft durchdrücken kann. Dann sieht er auch wieder gut aus – und jeder will ja gut aussehen auf diesem Feld.
Ist es auch ein Machtkampf zwischen der UEFA und FIFA?
Der Machtkampf UEFA gegen FIFA besteht, seit die UEFA gegründet wurde. Der FIFA fiel es immer schon schwer, anerkennen zu müssen, dass die UEFA einfach das Herz des Weltfussballs ist. Und wenn der Infantino ein riesiges Projekt hat und die UEFA nicht mitmacht, dann ist die Idee gestorben. Die Frage ist einfach: ‹Bringt die UFEA den Druck hin, um einfach Nein zu sagen?› Eine WM ohne Europa ist sowieso gestorben.
Viele Beobachter sind der Ansicht, dass sich Infantino für die Zeit nach der FIFA-Präsidentschaft vorbereitet. Sehen Sie persönliche Motive hinter dem Ganzen?
Dem Verdacht, dass Gianni Infantino nach Ablauf seiner Präsidentschaft einen grossen Job im Fussball beibehalten möchte, muss er sich einfach aussetzen. Er wäre natürlich der Mann, der die neue halbprivate Firma mit der FIFA führen könnte. Das wäre sicher etwas, das ihm passen würde. Er würde sicher viel verdienen und hätte auch entsprechend viel Einfluss. Es wird schwierig sein, dass er diesen Verdacht aus der Welt schaffen kann.
FIFA-Präsident Gianni Infantino im grossen Interview bei blue Sport
#Adessonews seleziona nella rete articoli di particolare interesse.
Se vuoi leggere l’articolo completo clicca sul seguente link






