Christopher Nolans neuer Film sorgt wegen Drehort für grosse Kontroversen


Darum geht’s

  • Auf Christopher Nolans neuen Film «The Odyssey» wurde lange gewartet.
  • Nicht zuletzt, weil er bereits im Vorfeld Kritik einstecken musste. Unter anderem von Elon Musk, der den Film auf X als zu «woke» bezeichnete.
  • Doch nun sorgt nicht Musk für Gegenwind, sondern das renommierte Sahara-Filmfestival FiSahara.
  • Dieses ruft zum Boykott auf, wegen eines Drehorts, den Nolan genutzt hat.
  • Dabei handelt es sich um ein Gebiet, das seit Jahrzehnten völkerrechtswidrig von Marokko besetzt ist.
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Seit knapp zwei Wochen läuft Christopher Nolans neuer Film «The Odyssey» in den Kinos. Er erzählt von Odysseus’ gefährlicher Heimreise nach dem Trojanischen Krieg, auf der er sich mit mythologischen Kreaturen, Göttern und seiner eigenen Schuld auseinandersetzen muss, um zu seiner Frau Penelope und seinem Sohn Telemachos zurückzukehren.

Bereits im Vorfeld musste der Film so einiges an Kritik einstecken, unter anderem von Elon Musk. Der Tesla-Gründer bezeichnete die Besetzung auf X als zu «woke».

Lupita Nyong’o spielt in «The Odyssey» Helena.

Lupita Nyong’o spielt in «The Odyssey» Helena.

Captive Camera/Cover Images

Er nahm Anstoss daran, dass keine weisse Darstellerin, sondern die US-Schauspielerin Lupita Nyong’o, die kenianische Wurzeln hat, als Helena besetzt ist. Also als Ehefrau des griechischen Königs Menelaos, die von Göttervater Zeus abstammt, nach Troja entführt wurde und in der Antike als die schönste Frau der Welt galt.

Musk bezeichnete den Cast als «Beleidigung am Autor». Der Tech-Milliardär verstärkte den Post mit dem Kommentar, Nolan habe «seine Integrität verloren». Als ein weiterer X-Nutzer einen transfeindlichen Witz über Elliot Page machte – der im Film die Figur Sinon spielt – lobte Musk diesen als «Banger».

Bis Ende des Jahres will Musk eine eigene Odysee schaffen, mit Hilfe seiner eigenen KI «Grok».

Erst Kritik am Detail, dann Lob für das grosse Ganze

Weitere Hasskommentare betrafen das angeblich amerikanisch gefärbte Englisch der Schauspielenden im Trailer. Kritisiert wurden auch die griechischen Schiffe, die einigen wie Wikingerboote erschienen, sowie der aus Sicht mancher ungriechische Schnitt einzelner Rüstungen.

Als der Film schliesslich veröffentlicht wurde, fiel die Kritik positiver aus als gedacht. Die «New York Times» lobt «The Odyssey» als gross angelegten, klugen und sorgfältig gemachten Film, der Homers Stoff in ein modernes Kinoerlebnis verwandelt.

Auch die «Spiegel»-Kritik fällt positiv aus. Der Film wird als obsessives Männerdrama beschrieben, getragen von einem «durch Selbsthass getriebenen Antihelden». Zugleich heisst es, die Vorabkritik sei überzogen gewesen und der Film werde zu Unrecht runtergemacht.

Sahara-Filmfestival ruft zum Boykott auf

Doch nun wird zum Boykott des Films aufgerufen, unter anderem vom renommierten Sahara-Filmfestival FiSahara. Auch Aktivist*innen ziehen mit. Anlass ist ein Drehort für den Blockbuster: Ein Teil der Szenen entstand in der völkerrechtlich umstrittenen Westsahara, die von Marokko seit Jahrzehnten besetzt ist. Es wurden vier Tage bei den weissen Dünen bei Dakhla gefilmt.

Das Sahara-Filmfestival ruft zum Boykott auf.

Das Sahara-Filmfestival ruft zum Boykott auf.

Screenshot Festival Sahara

Das Festival wirft Regisseur Christopher Nolan vor, mit seiner Entscheidung gegen das Völkerrecht und das Selbstbestimmungsrecht des sahrauischen Volkes zu verstossen.

Dieses Recht besagt, dass ein Volk seinen politischen Status frei wählen und seine wirtschaftliche, soziale sowie kulturelle Entwicklung eigenständig gestalten darf.

Konfliktlinien seit Jahrzehnten

Seit dem Abzug Spaniens im Jahr 1975 und dem Ende der Kolonialherrschaft kontrolliert Marokko den grössten Teil der Westsahara und betrachtet das Gebiet seither als integralen Bestandteil seines Staatsgebiets. International ist dieser Anspruch jedoch umstritten.

Gleichzeitig kämpft die linksgerichtete Befreiungsbewegung Frente Polisario seit Jahrzehnten für die Unabhängigkeit der Westsahara. Sie führte zunächst Krieg gegen Marokko und Mauretanien, wird politisch und logistisch von Algerien unterstützt und beansprucht, die Interessen der sahrauischen Bevölkerung zu vertreten.

Heute stehen rund 80 Prozent des Territoriums unter marokkanischer Kontrolle. Dazu zählen die meisten grösseren Städte entlang der Atlantikküste sowie die wirtschaftlich bedeutenden Phosphatvorkommen.

Karte der Westsahara. Der Film wurde teils in Dakhia aufgenommen.

Karte der Westsahara. Der Film wurde teils in Dakhia aufgenommen.

Wikipedia

Der verbleibende Teil im Osten wird von der Polisario verwaltet, ist jedoch infrastrukturell schwach entwickelt und wirtschaftlich kaum lebensfähig. Getrennt werden die beiden Gebiete durch einen über 2000 Kilometer langen, von Marokko errichteten und militärisch gesicherten Sandwall, der sich quer durch die Wüste zieht.

Immer weniger Indigene

Für die Sahrauis, der ursprünglichen Bevölkerung der Westsahara, verschlechtert sich die Lage zunehmend. Inzwischen stellen sie weniger als ein Sechstel der rund 600’000 Einwohner*innen. Die Mehrheit besteht aus Zugewanderten aus Marokko.

Mehr Sahrauis leben inzwischen in Flüchtlingslagern auf algerischem Staatsgebiet als in ihrer eigentlichen Heimat. Wer im von Marokko kontrollierten Teil geblieben ist, berichtet immer wieder von Repressionen und Einschüchterung, wie mehrere Medien und Menschenrechtsorganisationen schreiben. Auch lokale Filmemacher können vor Ort kaum frei drehen.

Die Uno betrachtet die Westsahara zudem als «Gebiet ohne abgeschlossenen Entkolonialisierungsprozess».

Blockiertes Referendum seit Jahren

Eigentlich hätte bereits vor Jahren ein Referendum über die Selbstbestimmung stattfinden sollen. Dieses wurde jedoch nie umgesetzt, da sich Marokko und die Polisario bis heute nicht auf die Voraussetzungen und die Wählerlisten einigen konnten.

Die Frente Polisario forderte, nur die ursprünglichen Sahraui aus der spanischen Kolonialzeit und deren Nachkommen zuzulassen. Marokko verlangte die Einbeziehung weiterer Personen. Da es immer weniger Indigene gibt und die Zahl der Marokkaner*innen steigt, ist es schwierig festzulegen, wer abstimmen darf, damit die Abstimmung fair verläuft.

Die ungeklärte Abstimmungsfrage blieb jedoch nicht ohne Folgen und rückte den Konflikt verstärkt ins Zentrum internationaler Politik: Die US-Regierung hatte 2020 unter Donald Trump mit der Anerkennung der marokkanischen Souveränität über die Westsahara für ein diplomatisches Beben gesorgt.

Marokkaner feiern 2025 in der westsaharischen Stadt Laayoune den 50. Jahrestag des Grünen Marsches von 1975. Damals begann Marokkos Anspruch auf die Westsahara. Gleichzeitig nennt eine neue UN-Resolution den marokkanischen Autonomieplan als möglichen Weg zur Lösung des Konflikts.

Marokkaner feiern 2025 in der westsaharischen Stadt Laayoune den 50. Jahrestag des Grünen Marsches von 1975. Damals begann Marokkos Anspruch auf die Westsahara. Gleichzeitig nennt eine neue UN-Resolution den marokkanischen Autonomieplan als möglichen Weg zur Lösung des Konflikts.

EPA

Der Schritt erfolgte im Zuge der Annäherung zwischen Marokko und Israel und stiess international auf Kritik, weil er den Status des Gebiets zugunsten Rabats verschob, ohne die Frage der Selbstbestimmung der Sahrauis zu klären. Beobachter warfen Washington damals vor, damit das Völkerrecht zu unterlaufen und einen ohnehin festgefahrenen Konflikt weiter zu verschärfen.

Besonders umstritten bleibt die Entscheidung auch deshalb, weil die Westsahara von den Vereinten Nationen weiterhin als ungelöster Dekolonisationsfall behandelt wird. Mit der Anerkennung der marokkanischen Souveränität über die Westsahara durch die USA im Jahr 2020 gerieten jene unter Druck, die seit Jahren auf ein Referendum über die Zukunft des Gebiets pochen.

2025 erhielt die Debatte neuen Auftrieb, als der UN-Sicherheitsrat mit Resolution 2797 den marokkanischen Autonomieplan zur Verhandlungsgrundlage machte. Der Text fand zwar die Unterstützung von 11 der 15 Mitglieder, wurde aber wegen mangelnder Neutralität und einer Benachteiligung der Polisario-Front scharf kritisiert.

Finanziell kann sich ein Dreh in Marokko lohnen

Und ausgerechnet inmitten dieses angespannten Konflikts wurde dort nun ein Hollywood-Film realisiert. María Carrión, Leiterin des Sahara-Filmfestivals, zieht einen Vergleich: Die Öffentlichkeit solle den Film so behandeln, als wäre er etwa in einem von Russland besetzten Gebiet der Ukraine, etwa im Donbass, mit Zustimmung der russischen Regierung gedreht worden.

Das Filmfestival wirft dem Filmteam vor, durch die Dreharbeiten zur Normalisierung der politischen Situation beizutragen. Dakhla gilt als Prestigeprojekt Marokkos, das gezielt für Tourismus, Sportevents und internationale Filmproduktionen vermarktet wird. Marokkos Kulturminister Mehdi Bensaid erklärte damals, der Film werde die Region weltweit sichtbarer machen.

Auch finanziell kann sich ein Dreh in Marokko für «The Odyssey» lohnen: Internationale Produktionen erhalten 30 Prozent der Kosten zurück, wenn sie mindestens eine Million US-Dollar investieren und mindestens 18 Tage im Land drehen. Diese Regel gilt auch für die Westsahara. Das marokkanische Filmzentrum CCM behandelt das Gebiet wie andere Teile des Landes und nennt es «südliche Provinz».

Zu den Boykottaufrufen hat sich Nolang bislang nicht geäussert – und es ist fraglich, ob er sich überhaupt dazu äussern wird.



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