Darum geht’s
- blue News Redaktor Bruno Bötschi findet: Ein langes Leben ist nur dann erstrebenswert, wenn die Lebensqualität stimmt.
- Für den 59-Jährigen ist nicht entscheidend, möglichst alt zu werden, sondern möglichst lange gesund, selbstbestimmt und aktiv leben zu können.
- Deshalb ist er seit vielen Jahren Mitglied einer Sterbehilfeorganisation – nicht, weil er sterben möchte, sondern weil er selbst über sein Lebensende entscheiden will.
Schon einmal darüber nachgedacht, wie alt du werden willst?
Manchmal wundere ich mich über meine Freundinnen und Freunde. Ein langjähriger Freund erzählte mir kürzlich, er wolle 125 Jahre alt werden. Er ist mit diesem Traum nicht allein.
«Ich glaube, niemand will sterben», sagte mir Satiriker Renato Kaiser im Interview.
«Bist du ganz sicher?», fragte ich.
«Ja.»
Ich dagegen frage mich etwas anderes: Was genau ist so erstrebenswert daran, 90 oder gar 100 Jahre alt zu werden, wenn der Körper längst nicht mehr mitmacht?
Über Longevity, also das Thema Langlebigkeit, wird seit einiger Zeit intensiv diskutiert. Vieles davon ist aus meiner Sicht mit Vorsicht zu geniessen.
Was nützt ein langes Leben ohne Qualität?
Natürlich wünsche auch ich mir, möglichst lange gesund und selbstständig zu bleiben. Aber daraus folgt für mich nicht, dass ein immer längeres Leben automatisch ein erstrebenswertes Ziel ist.
Genau diese Hoffnung verkauft die Longevity-Bewegung. Sie verspricht nicht nur ein längeres Leben, sondern vor allem möglichst viele gesunde Jahre. Die Branche boomt – und mit ihr die grossen Versprechen.
Zu den bekanntesten Verfechtern gehört der britische Bioinformatiker Aubrey de Grey. Der 62-Jährige ist überzeugt, der erste Mensch, der 1000 Jahre alt wird, sei bereits geboren.
De Grey will Schäden im Körper reparieren, um den Alterungsprozess aufzuhalten oder sogar umzukehren. Seine Forschung gilt als visionär – und ist gleichzeitig umstritten.
Mich beschäftigt jedoch eine andere Frage. Nicht, ob wir Menschen eines Tages 120 oder gar 150 Jahre alt werden können – sondern wie diese zusätzlichen Jahre aussehen werden?
Denn was nützt ein langes Leben, wenn man nur noch existiert statt lebt?
Ich habe meine ganz persönliche Glücksformel: Wenn mir mein Leben an mindestens vier von sieben Tagen pro Woche Spass macht, ist alles in Ordnung. Fällt diese Quote dauerhaft darunter, läuft etwas schief.
Es sollte etwas bleiben, das Freude macht
Statistisch beginnt mit 80 Jahren für viele Menschen jene Lebensphase, in der Gebrechlichkeit, chronische Krankheiten und Pflegebedürftigkeit deutlich häufiger werden. Natürlich gibt es fitte 90-Jährige, die täglich wandern oder Tennis spielen. Ich bewundere sie.
Aber wenn ich ehrlich bin, möchte ich mich nicht darauf verlassen müssen, selbst zu diesen Ausnahmen zu gehören.
Ja, ich trainiere heute nicht deshalb, weil ich einen perfekten Körper haben möchte. Ich trainiere für mein zukünftiges Ich. Ich möchte Kraft haben, Treppen steigen können, mit dem Rucksack auf Reisen gehen und möglichst lange Badminton spielen.
Joggen kann ich übrigens schon seit über 20 Jahren nicht mehr. Meine Achillessehnen machen das nicht mehr mit. Schwimmen wäre eine Alternative – aber Wasser ist für mich zum Trinken da, nicht zum Bahnenzählen. Also spiele ich Badminton.
Es ist eine der wichtigsten Erkenntnisse meines bisherigen Lebens: Man muss nicht alles können. Aber irgendetwas sollte bleiben, worauf man sich jeden Morgen freuen kann.
Erfüllte statt möglichst viele Jahre
Wenn ich eines Tages keinen Sport mehr machen kann, nicht mehr Badminton spielen, nicht mehr tanzen gehen, wenn eine Reise oder selbst ein Kinobesuch zur Anstrengung werden und jeder Tag vor allem aus Einschränkungen besteht, dann verliert das Leben für mich einen grossen Teil dessen, was es ausmacht.
Andere Menschen empfinden das wahrscheinlich anders. Und das ist völlig in Ordnung. Aber ich habe mit den Jahren realisiert: Mich treibt nicht die Angst vor dem Sterben an – sondern die Angst davor, nur noch zu existieren.
Der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid schreibt in seinem Buch «Die Kunst des guten Alterns», dass wir das Alter nicht als Feind betrachten sollten. Altern gehöre zum Leben.
Wer die eigene Endlichkeit akzeptiere, könne bewusster leben und sich auf das konzentrieren, was wirklich zähle. Nicht möglichst viele Jahre sind entscheidend, sondern möglichst erfüllte Jahre.
Dieser Satz hat sich bei mir eingebrannt. Denn er verschiebt den Fokus. Weg von der Frage, wie wir den Tod immer weiter hinausschieben können. Hin zu der Frage, wie wir die Zeit nutzen, die uns bleibt.
Die Frage nach dem Wunschalter
Für mich ist die Antwort heute klar. Wenn ich mit 75 auf ein erfülltes Leben zurückblicken könnte – eines voller Freundschaften, Reisen, Bewegung, Kino, Badminton und Tanz –, dann wäre das für mich ein gutes Alter, um Abschied zu nehmen.
Nicht, weil ich das Leben gering schätze. Sondern gerade, weil ich es so sehr liebe.
Deshalb bin ich auch schon seit vielen Jahren Mitglied bei einer Sterbehilfeorganisation. Nicht, weil ich sterben möchte. Im Gegenteil.
Ich möchte leben. Möglichst intensiv. Möglichst neugierig. Möglichst mit einem Badmintonschläger in der Hand. Und ich möchte selbst entscheiden können, wann das Leben für mich nicht mehr das ist, was es einmal war.
Ob sich mein Wunschalter wirklich in einer Zahl ausdrücken lässt, weiss ich nicht. Für heute lautet meine Antwort: 75.
Ob ich in 16 Jahren noch genauso denke, weiss ich nicht. Vielleicht verändert das Leben meine Haltung. Vielleicht nicht.
Bis dahin tue ich alles dafür, dass diese 75 Jahre möglichst viele Geschichten, Abenteuer und glückliche Momente enthalten.
Deshalb frage ich dich noch einmal: Schon einmal darüber nachgedacht, wie alt du werden willst?
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