Literatur – Serie (1)
Die Schwarzenbach-Überfremdungsinitiative sorgte 1970 für politischen Zündstoff. Schreibende mit Migrationshintergrund begannen, sich literarisch mit ihrer Herkunft auseinanderzusetzen – und öffnen so die Literatur mit neuen Perspektiven. (Archivbild)
Keystone
Die Geburtsstunde der «Migrationsliteratur» in der Schweiz fällt mit einem politischen Ereignis zusammen. Im Juni 1970 stimmte die (männliche) Schweizer Bevölkerung über die «Überfremdungsinitiative» von James Schwarzenbach ab. Die polarisierte Stimmung im Vorfeld beantwortete die «Neue Zürcher Zeitung» mit dem Vorabdruck eines Buches der Tessiner Autorin Anna Felder. Am 20. April 1970 erschien die erste Folge von «Quasi Heimweh».
Felder erzählt darin von den Gefühlen und vom Alltag der italienischen «Gastarbeiter» in der Schweiz. Die Erzählerin, eine junge Lehrerin aus Norditalien, erhält Einblick in die Nöte der Kinder und die Arbeitswirklichkeit ihrer Eltern. Hin und wieder wird sie dabei von einer anonymen Stimme unterbrochen, die im Stakkato dazwischenruft, wie sich die «Tschinggen» in der Schweiz ausgegrenzt und missachtet fühlen. Es sei schwierig, hier zu leben: «Es heisst würgen und hinunterschlucken.»
Die Schwarzenbach-Initiative wurde schliesslich abgelehnt. Vielleicht hat «Quasi Heimweh» einen kleinen Beitrag dazu geleistet.
Max Frischs Appell
Das Dilemma zwischen Wohlstand und Einwanderung hatte Max Frisch schon 1965 im Vorwort zum Buch «Siamo Italiani» von Alexander I. Seiler benannt. «Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen», die für diesen Wohlstand unerlässlich sind.
Auch 1970 erschien «Harmloses bitte», das Debüt der im tschechischen Mähren geborenen Autorin und Künstlerin Erica Pedretti. Ihre Migration wird darin nicht direkt angesprochen, sie steckt vielmehr im befremdenden Blick eines Kindes, dass seine Engadiner Umgebung beobachtet und dabei in Erinnerungen an Angst und Flucht abschweift.
Diesen Effekt der Überlagerung drückt Pedretti poetisch aus. Sie erzählt nüchtern und klar, häufig in aufzählender Weise, um immer wieder ins Stocken zu geraten. Die Erinnerung wird brüchig, die Dissonanz reisst Löcher in den Text. Nicht zuletzt wegen dieser ästhetischen Strategie ist Pedrettis Werk bis heute kaum unter dem Aspekt der Migration betrachtet worden.
Einen vergleichbaren Weg verfolgten auch Ilma Rakusa und Zsuzsanna Gahse. Vor allem Gahse legt seit ihrem ersten Buch «Zero» (1983) den Fokus aufs Sprachliche; sie hinterfragt Ausdrucksweisen und vergleicht sie mit anderen Idiomen. Daraus ist eine sehr individuelle Erzählform entstanden.
Erinnerungen an die Heimat
Mitte der 1980er Jahre hob eine erste Welle von «Migrationstexten» an. 1984 lud die Uni Bern zu einem Preisausschreiben für Schreibende ein, die «Deutsch als Fremdsprache sprechen». Das Thema hiess «Fremd in der Schweiz». Die Siegertexte stammten unter anderem von Irena Brežná, Dragica Rajčić und Franco Supino.
Ein Jahr später erschien «Der Grossvater» von Dante Andrea Franzetti, 1986 dann Francesco Micielis «Ich weiss nur, dass mein Vater grosse Hände hat». Beide Autoren fragten danach, wo die Heimat liegt und welche Erinnerungen sie damit verbinden. Bei Micieli war es der Schmerz der Trennung von den Eltern, bei Franzetti der Zauber des grossväterlichen Dachbodens.
1986 debütierten auch Irena Brežná und Dragica Rajčić mit ersten Büchern. In «So kam ich unter die Schweizer» nahm Brežná das «fremde introvertierte Bergvolk in Betonbauten» mit den Augen einer Anthropologin wahr, die zu kühlem Sarkasmus neigt. Nicht die slowakische Erzählerin ist hier fremd, sondern das Land, das sie besucht.
Die aus Kroatien stammende Rajčić wählte in «Halbgedichte einer Gastfrau» eine sprachliche Strategie, der sie bis heute treu geblieben ist. Um nicht stumm und «varükt» zu werden, verschafft sich die «Gastfrau» mit eigenen «Wortte» Ausdruck, worin die Befremdlichkeit grammatikalisch verankert ist und eine lesbare Differenz zur sprachlichen Norm schafft.
Feministische Standpunkte
Zwei Autorinnen aus Ungarn verdienen in der Hinsicht spezielle Erwähnung. Im Frühjahr 1986 erschien «Le grand Cahier» von Agota Kristof und wurde umgehend auf Deutsch übersetzt (“Das grosse Heft”). Kristof, die erst mit 21 in die Schweiz kam, schrieb in einer Fremdsprache, was sich stilistisch in einer beklemmenden Nüchternheit ausdrückt.
Die Themen Heimat und Flucht bearbeitet auch die 18 Jahre jüngere Christina Viragh im Erstling «Unstete Leute» (1992). Darin überblendet sie die filigrane Detailpräzision mit diffusen Empfindungen, die so dem Roman etwas Ungreifbares verleihen.
Nebst der stilistischen Innovation signalisieren die beiden Bücher etwas Zweites. Die «Migrationsliteratur» der ersten Jahrzehnte war stark von Autorinnen geprägt. Zur Erinnerung: Das Frauenstimmrecht wurde in der Schweiz erst 1971 eingeführt. Feministische Standpunkte waren so wichtiger Antrieb für eine Diversifikation nicht nur der Literatur.
Der tückische Begriff «Migrationsliteratur»
Bücher von Migrierten werden gerne unter dem Begriff «Migrationsliteratur» zusammengefasst. Das ist praktisch, doch der Begriff hat seine Tücken. Denn er drängt die damit etikettierten Schreibenden in eine Nische: in einen «sanften Ausschluss», wie der Autor Eugène einmal sagte.
Dabei signalisiert der Begriff exakt das Gegenteil: Öffnung in Bezug auf Erfahrungen, Motive und Schreibweisen. Mit dem Thema Migration tun sich neue Welten auf, die aus der helvetischen Enge hinausführen. Zudem verbreitert sich die Palette von literarischen Ausdrucksweisen und vitalisiert so die Literatur als Ganzes.
In den letzten Jahren hat sich deshalb ein neuer Begriff eingebürgert: postmigrantische Literatur. Er lehnt sich an die Idee des Postmigrantischen an, die besagt, dass Migrationserfahrungen die Gesellschaft schon immer geprägt haben und deshalb nicht als Kriterium der Abgrenzung taugen.*
*Dieser Text von Beat Mazenauer, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.
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