Die besondere Karriere einer aussergewöhnlichen Fahrerin


Sie hat es lange ausgehalten – auf jeden Fall länger, als sie es selber für möglich gehalten hat. Lara Gut-Behrami hat es so lange ausgehalten, weil ihre Leidenschaft für diesen Sport keinen früheren Rückzugtermin zugelassen hat, vor allem aber, weil sie in der letzten Phase ihrer Karriere die Freude an ihrem Tun über das Ergebnis und das Geniessen in den Vordergrund gestellt hat. Diese Freude hat sie auch zögern lassen mit der Verkündung des Abgangs vom Spitzensport. Gut acht Monate nach der zweiten schweren Verletzung im linken Knie hat sie sich nun entschieden.

Fast 20 Jahre Spitzensport auf höchstem Niveau hat Gut-Behrami hinter sich. Allein die lange Präsenz im Kreis der Weltbesten ist eine aussergewöhnliche Leistung. Doch Gut-Behrami hat in all den Jahren weitaus mehr zu bieten gehabt. Mit der 35-jährigen Tessinerin tritt eine Skirennfahrerin ab, deren Vermächtnis mehr ist als eine lückenlose sportliche Erfolgsbilanz, deren Laufbahn auch als eine mit verschiedenen Wendungen, Irrungen und Wirrungen in Erinnerung bleiben wird.

Die Karriere ist auch eine Geschichte mit vielen persönlichen Komponenten, die vom Erwachsenwerden erzählt, in der eine Athletin schon in jungen Jahren erfahren muss, dass Erfolg zwei Seiten hat, dass er auch erdrückend sein kann, dass er kaum Raum lässt für ein normales Leben. Gut-Behrami hat dieses Spiel lange mitgemacht, oft auch wider Willen – ohne sich eingestehen zu wollen, dass vieles etwa im privaten Bereich aus dem Ruder läuft, dass der Preis für Ruhm und Ehre in unvernünftige Höhen schnellen kann.

Es hat gedauert, bis die Tessinerin dieser Art Leben abgeschworen, vieles hinterfragt und noch mehr angezweifelt hat. Es hat diese schwere Verletzung im linken Knie an der Weltmeisterschaft vor knapp zehn Jahren in St. Moritz gebraucht, um sich mit der schwierigen Situation auseinanderzusetzen, einen Weg zu finden, um nicht nur Körper und Geist, sondern auch das Dasein als Athletin und Mensch ins Gleichgewicht zu bringen.

Damals hat sich Gut-Behrami während der Rehabilitation nicht nur mit der Heilung des Kreuzbandrisses und des Meniskusschadens, sondern auch mit ihrem Inneren beschäftigt – um zum Schluss zu kommen, dass der Mensch viel zu oft auf der Strecke geblieben ist, dass sich viel zu viel um die Athletin gedreht hat.

Die andere Wahrnehmung

Gut-Behrami sinnierte weit über den Skirennsport hinaus, sie hinterfragte ihre Rolle. Die Wahrnehmung als Spitzensportlerin genügte ihr nicht mehr. Sie hatte genug davon, einzig und allein auf ihren Beruf reduziert zu werden, in dem sie auserkoren war, Erwartungen irgendwelcher Menschen erfüllen zu müssen, Spitzenleistungen am Fliessband abzuliefern. Sie forderte auch als Frau Anspruch und Respekt. Fortan, nunmehr an der Seite ihres Ehemanns, des früheren Fussball-Internationalen Valon Behrami, gönnte sie sich mehr Zeit abseits der Öffentlichkeit.

Das Leben unter ständiger Beobachtung war endgültig nicht mehr Gut-Behramis Welt, in der sie sich ohnehin nie richtig wohl fühlte. Die schwierigen Situationen, für die sie keinen Ausweg wusste, hatten sich in zu grossem Umfang gehäuft. Sie war es leid, sich stets erklären, rechtfertigen zu müssen. Sie verschob ihre Schwerpunkte und nahm sich die Freiheit, «einfach Frau» zu sein. Mit ihrem Entscheid, sich zwischen den Renntagen zurückzuziehen, keine Termine wahrzunehmen, lag sie richtig. Das strukturierte Leben zwischen Skipiste und Privatleben bekam ihr gut.

Der richtige Entschluss lässt sich in den Ergebnislisten ablesen. Die Ausgewogenheit hat Gut-Behrami in der zweiten Hälfte ihrer Karriere zu einer noch erfolgreicheren Fahrerin gemacht. Im Weltcup hat sie seit der zweiten langen Verletzungspause 25 ihrer 48 Siege errungen, im vorvorletzten Winter, acht Jahre nach dem ersten Gewinn der grossen Kristallkugel, entschied sie zum zweiten Mal die Gesamtwertung für sich. Dazu holte sie sechsmal, so oft wie keine andere, die Auszeichnung als beste Super-G-Fahrerin. Den kleinen Glaspokal als Nummer 1 in der Riesenslalom-Wertung sicherte sie sich einmal.

An Grossanlässen war Gut-Behrami nach der zweiten langen Zwangspause so erfolgreich wie nie zuvor. Vor fünf Jahren in Cortina d’Ampezzo, bei ihrer siebten Teilnahme an Weltmeisterschaften, gewann sie dank Gold im Super-G und im Riesenslalom ihre ersten Titel, im folgenden Winter in Peking, beim dritten Start an Olympischen Spielen, schloss sie mit dem Sieg im Super-G die letzte grosse Lücke in ihrem Palmarès.

Der andere Weg

Gut-Behrami und ihre Familie hatten sich von Anfang an für die Unabhängigkeit entschieden, für ein eigenes Team, gegen die Eingliederung in die Kader des nationalen Verbandes und dessen Strukturen. Ihr bewährtes Umfeld bot ihr Garantie für mehr Freiraum und mehr Selbstbestimmung. Dass sie sich damit zusätzlichen Druck auferlegte, in Eigenverantwortung ein Kleinunternehmen unterhalten zu müssen, nahm sie in Kauf.

Gut-Behrami hat in ihrer langen Karriere den Schlüssel gefunden, um an den grossen Zielen anzukommen, den Erwartungen gerecht zu werden. Sie hat ihrem Talent die richtigen Zutaten beigefügt – Wille und Ehrgeiz, Überzeugung, Selbstbewusstsein und auch die nötige Portion Sturheit. Dieses Rezept hat sie über all die Jahre beibehalten. Es hat sich als Basis dafür bewährt, dass aus einer hochbegabten eine hochdekorierte Fahrerin geworden ist. Zu ihrer Geschichte gehört aber auch, dass sie sich bei der Zusammensetzung nicht selten vertan, den einen oder anderen Zusatz in zu grosser Menge beigemischt hat – mit vielem Unerfreulichem als Folge. Sie, die mit zwei grossen und sieben kleinen Weltcup-Kugeln viel Glas gewonnen hat, hat auch einiges an Geschirr zerschlagen.

Eskapaden, Konflikte, Streit und Gezänke begleiteten Gut-Behramis Karriere. All diese Unruheherde entsprangen der Sturheit, die bei der Südschweizerin wohl ausgeprägter war als bei vielen ihrer Konkurrentinnen. Doch ohne dieses Klammern an eigene Vorgaben, ohne den Glauben an deren Richtigkeit hätte es die aussergewöhnliche Skirennfahrerin Lara Gut-Behrami aller Voraussicht nach nicht gegeben.

Der andere Kampf

Mit Gut-Behrami zog eine Fahrerin den Schlussstrich, die die Konfrontation nicht scheute, die aneckte, polarisierte, die sich mit ihrem Gehabe aber auch angreifbar machte. Die meisten ihrer Kämpfe führte sie mit ihrem Team im Rücken ohne Kompromisse und ohne Rücksicht auf Verluste. Auch das Wissen, dass diese Konsequenz Konsequenzen mit sich bringt, hielt sie nicht auf. Die Annahme, im Recht zu sein und missverstanden zu werden, übertünchte die Gedanken an die Folgen ihres Verhaltens.

Es wäre natürlich übertrieben, die Länge der Liste mit den Nebenschauplätzen mit dem Auszug mit all den Erfolgen zu vergleichen. Umfangreich ist sie aber auf jeden Fall. Sie zeugt unter anderem von Kontroversen mit der Spitze von Swiss-Ski wegen Forderungen im Zuge der Bildung des Privat-Teams Lara Gut. Zu jener Zeit war die Tessinerin noch ein Teenager und hatte erst eine Handvoll Starts im Weltcup hinter sich. Sie führt weiter über den angedrohten Gang vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne zwecks Prüfung von Rechten und Pflichten gegenüber dem nationalen Verband bis hin zu einer Suspendierung für zwei Weltcup-Rennen in Österreich.

Die Verantwortlichen von Swiss-Ski reagierten mit der Sperre für den Riesenslalom und den Slalom im Dezember 2010 in Semmering auf öffentlich vorgetragene Kritik der aufmüpfigen Athletin an Cheftrainer Mauro Pini und auf Verstösse gegen die Kleidungs-Vorschriften des Verbandes. «Er, Pini, hat nicht die Qualitäten, die es braucht, ein Chef zu sein», hatte die Tessinerin ihren einstigen Privatcoach in einem Interview mit der italienischen Zeitung «Gazzetta dello Sport» brüskiert.

Das andere Ansehen

Schaden nahm selbstredend Gut-Behramis Ansehen in der Öffentlichkeit. Aus dem «Schätzchen der Nation» wurde die «Zicke», aus dem «Talent» die «Unbelehrbare». Ihre ersten Signale, nicht nur eine sehr gute Skifahrerin, sondern ab und zu auch eine mühsame Zeitgenossin zu sein, stiessen in weiten Kreisen auf Unverständnis. Natürlich war Gut-Behrami der eigene Ruf nicht egal. An ihren Strategien und Plänen hielt sie gleichwohl fest. Für sie blieb die eingeschlagene Richtung die einzig richtige.

In die Zeit der Image-Rochade fiel der erste gesundheitliche Rückschlag – siebeneinhalb Jahre vor dem fatalen Sturz beim Einfahren für den Kombinations-Slalom an der Weltmeisterschaft in St. Moritz. Eine Hüft-Luxation, erlitten im Training in Saas-Fee, hatte den Ausfall während einer gesamten Saison zur Folge und verhinderte vor 16 Jahren die olympische Premiere in Vancouver.

Eine Olympiade später in Sotschi sicherte sich Gut-Behrami Bronze in der Abfahrt, was für sie, die Gold wollte, zu wenig war. Mit ihrer Enttäuschung hielt sie nicht zurück – und erntete dafür ein weiteres Mal heftige Kritik. Weitere vier Jahre später verliefen auch die Spiele in Pyeongchang in Südkorea nicht nach dem Gusto Gut-Behramis. Im Super-G verpasste sie den Sieg um zwölf Hundertstel, eine weitere bronzene Auszeichnung um einen Hundertstel.

Die Versöhnung mit den fünf Ringen wurde zur Geduldsprobe. Das Gold im Super-G an den Spielen in Peking setzte entsprechende, bei Gut-Behrami selten gesehene Emotionen frei. Die Tränen an jenem Samstag im Februar vor vier Jahren in Yanqing waren Zeichen von Erleichterung und Genugtuung. Da stand eine besondere Fahrerin im Zielraum, die sich ihren letzten Traum als Sportlerin erfüllt – und den letzten Akt der Krönung ihrer aussergewöhnlichen Karriere vollzogen hatte. Es war der perfekte Tag, für den allein es sich lohnte, derart lange durchzuhalten.