«Die Welt muss das sehen»
Albtraum in Cherson: Ein Gemüsehändler wird von einer russischen Drohne gejagt und kommt nur knapp mit dem Leben davon. Das Video des Dramas geht um die Welt: Wolodymyr Selenskyj prangert die «Safari» auf die Zivilbevölkerung an, die in dem Krieg immer stärker leiden muss.
Darum geht’s
- Das Video einer russischen Drohne, die in Cherson einen Zivilisten jagt, sorgt international für Aufsehen und Kritik.
- Dieser Vorfall unterscheidet sich von jenem der ukrainischen Drohne, die kurz zuvor an einem russischen Badestrand sieben Nicht-Kombattanten getötet hat.
- Schon lange nehmen russische Drohnenpiloten in Cherson Unschuldige ins Visier: Die Verluste unter der ukrainischen Zivilbevölkerung brechen Rekorde.
Das Video geht um die Welt: Als «verstörende Aufnahmen» beschreiben sie die Hauptausgabe der deutschen «Tagesschau» und der US-Sender CNN die Bilder, während Euronews titelt: «Schockierendes Video zeigt, wie eine russische Drohne einen Zivilisten auf dem Markt in Cherson jagt».
Das trifft den Nagel auf den Kopf. Der Clip, den der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj höchstpersönlich auf X teilt, zeigt tatsächlich eine Jagd. Die russische Drohne schwebt zunächst vor ihrem Opfer, bevor sie es um seinen Kastenwagen herumhetzt, um schliesslich in seiner Nähe am Boden zu explodieren. Der Mann überlebt die Attacke – siehe obiges Video.
Bei ihm handelt es sich um «Herrn Jurij», schreibt die Militärverwaltung Chersons auf Telegram. Der 52-Jährige ist demnach am Morgen mit seiner Frau zum Markt gefahren, um Gemüse zu verkaufen. Sie kann rechtzeitig fliehen, als die Drohne auftaucht.
«Herr Jurij» rennt um sein Leben
In seiner Auslage sind bloss Tomaten, Gurken und Auberginen zu sehen. «Herr Jurij» hält noch verzweifelt seinen Knoblauch hoch, doch dass er harmlos ist, ändert für den russischen Piloten nichts. Sein Opfer rennt um sein Leben – und hat Glück: Der Ukrainer überlebt mit diversen Splitterwunden und einer Gehirnerschütterung.
«Ich habe ihm gezeigt: ‹Schau, das ist alles Bauernkram.›», berichtet «Herr Jurij», der übersät ist mit kleinen Wunden, später im Spital. «Meine ganze Hinterseite ist aufgerissen. Mein Rücken, mein Kopf.» Weil der Vorfall viele «schockiert», äussert sich auch Selenskyj zu dem Angriff.
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Der sei notabene kein Einzelfall: «Jeden Tag sind ganz normale Menschen in Cherson mit diesen russischen ‹Safaris› konfrontiert«, betont der 48-Jährige. «Die Welt muss das sehen. Sie muss jeden einzelnen Beweis dafür sehen, dass Russland durchdreht und seine Soldaten Freude daran haben, Zivilisten zu töten und zu misshandeln.»
Ukrainische Drohnen tötet am Badestrand
Der gestrige Vorfall in Cherson folgt auf einen tödlichen Drohnen-Angriff auf russischem Territorium am 3. August: In dem kleinen Badeort Archipo-Ossipowka ist eine ukrainische Drohne auf einen Strand gestürzt und hat nach Angaben aus Moskau sieben Menschen getötet. 58 Personen sollen verletzt sein, vier seien in kritischem Zustand.
Über dem Gebäude am Strand ist die Drohne zu sehen, die abstürzt.
Screenshot: Bluesky
«Was heute passiert ist, war ein gezielter Angriff des Kiewer Regimes auf die Zivilbevölkerung – auf Menschen, die absolut nichts mit militärischer Infrastruktur zu tun haben», zitiert NBC News den Gouverneur des Oblasts Krasnodar, Veniamin Kondratyev,. «Es gibt keine Rechtfertigung für einen so zynischen und unmenschlichen Terrorakt, der sich gegen Kinder richtet.»
«Die russische Luftabwehr hat eine Drohne abgeschossen, die auf Menschen am Strand gestürzt ist», kontern Streitkräfte. «Es war Putin, der diese Russen getötet hat. Hätte er den Krieg und die Angriffe auf die Ukraine nicht begonnen, wären sie noch am Leben.»
Drohnen attackieren 1- bis 84-Jährige
US-Journalist Tim White gibt auf Bluesky zu bedenken, dass «Putins Palast», eine Residenz des Präsidenten, nur 25 Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt ist: «Es gibt eine starke Luftabwehr in dem Gebiet inklusive elektronischer [Stör-Massnahmen], was das wahrscheinlich verursacht hat», schreibt er zu einem Video des Drohnen-Absturzes.
Dieser Vorfall lässt sich mit der Szene in Cherson nicht vergleichen. Die ukrainischen Streitkräfte sind bisher nicht für gezielte Angriffe auf Zivilist*innen bekannt – ganz im Gegensatz zu ihrem Gegenüber. Schon lange klagt Kiew über die Jagd auf Ukrainerinnen und Ukrainer in Cherson aus der Luft: Die Attacken begannen im Sommer 2024 nach der Rückeroberung.
Seither trennen im Süden des Landes nur wenige Kilometer und der Strom Dnepr die Kriegsparteien: Russische Drohnen machen nun erbarmungslos Hatz auf die Bewohnenden. Mal wird ein Einjähriger ermordet, mal eine 84-Jährige, die ihre Ziegen gehütet hat. Menschen sterben in zivilen Bussen oder an deren Haltestellen. Selbst Krankenwagen werden gejagt.
Kriegsverbrechen an Zivilist*innen
Auch internationale Organisationen prangern Putins Drohnenjagd auf Unbeteiligte an – von der NGO Human Rights Watch bis zum Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen. «‹Das ist reiner Terror gegen Zivilisten›: Die Bewohnenden von Cherson leben unter der ständigen Bedrohung», fasst «Le Monde» Ende Juni in einer Reportage zusammen.
Die Feuerwehr löscht Anfang April 2026 in Cherson zivile Autos, die von russischen Drohnen attackiert worden sind: Erstaunlicherweise wurde dabei nur eine Person verletzt.
Staatlicher Notfalldienst der Ukraine
Tatsächlich durchleben ukrainische Zivilistinnen und Zivilisten eine schwere Zeit. Zunächst waren der Mai und dann der Juni als diejenigen Monate identifiziert worden, in denen – nach dem April 2022 – am meisten Nicht-Kombattanten getötet wurden. Im Juni waren es angeblich 293 Tote und 1990 Verletzte.
Im Juli wird dieser Negativrekord erneut getoppt: Alleine bis zum 26. Juli werden im vergangenen Monat 377 Menschen getötet und 2129 Zivilistinnen und Zivilisten verletzt, meldet CNN. Seit 2025 wird über die «Safaris» der Russen auf die Bewohnenden von Cherson berichtet. Der neuste Clip mit dem Gemüsehändler reiht sich also nur ein – in die lange Liste der Kriegsverbrechen, die Russen in der Ukraine begehen.
Seedrohne setzt Kampfroboter am Ufer ab
Die Ukraine zeigt in einem Video, wie eine Seedrohne einen Kampfroboter auf der russisch besetzten Kinburn Nehrung absetzt.
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