Heute startet Mammutprozess

Der Fall Pierin Vincenz zählt zu den grössten Wirtschaftsskandalen der Schweiz.

Keystone

Pierin Vincenz war einst einer der mächtigsten Banker der Schweiz. Ab heute steht der Ex-Raiffeisen-Chef erneut vor Gericht. Die Chronik zeigt, wie aus einem Vorzeigemanager ein Angeklagter wurde.

Dominik Müller

Darum geht’s

  • Der Fall Pierin Vincenz beschäftigt die Schweizer Justiz seit Jahren.
  • Dem Ex-Raiffeisen-Chef werden schwere Wirtschaftsdelikte vorgeworfen.
  • Nun wird der Fall vor dem Obergericht neu aufgerollt.
  • blue News tickert ab Montag live aus dem Obergericht Zürich.
Zusammenfassung erstellt mitmyAi

Der Aufstieg zum Starbanker (1999–2015)

Pierin Vincenz zählt während Jahren zu den einflussreichsten Wirtschaftsführern der Schweiz. Ab 1999 führt er die Raiffeisen-Gruppe als CEO und baut sie zur drittgrössten Bank des Landes aus. Unter seiner Führung wächst Raiffeisen stark, übernimmt neue Geschäftsfelder und steigt unter anderem mit Beteiligungen an der Bank Notenstein sowie am Finanzdienstleister Leonteq in neue Märkte ein.

Vincenz gilt als charismatischer Manager, wird regelmässig ausgezeichnet und gehört zu den bekanntesten Bankchefs des Landes.

Rücktritt und erste kritische Fragen (2015–2016)

Ende 2015 tritt Vincenz als CEO von Raiffeisen zurück und wechselt ins Amt des Verwaltungsratspräsidenten von Helvetia Versicherungen. Gleichzeitig beginnen Medien, über mögliche Interessenkonflikte bei Firmenübernahmen zu berichten.

Im Zentrum stehen private Beteiligungen von Vincenz und weiteren Personen an Unternehmen, die später von Raiffeisen oder deren Tochtergesellschaften übernommen wurden. Der Verdacht lautet, dass sich Beteiligte persönlich bereichert haben könnten.

Die Affäre eskaliert (2017)

2017 weitet sich die Affäre aus. Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (FINMA) untersucht die Corporate Governance bei Raiffeisen. Im Oktober tritt Vincenz auch als Verwaltungsratspräsident von Helvetia zurück.

Die Staatsanwaltschaft III des Kantons Zürich eröffnet strafrechtliche Ermittlungen. Im Fokus stehen Vorwürfe der ungetreuen Geschäftsbesorgung, des Betrugs, der Urkundenfälschung und weiterer Delikte. Die Ermittlungen richten sich auch gegen Vincenz’ langjährigen Geschäftspartner Beat Stocker.

Verhaftung und Untersuchungshaft (2018)

Am 27. Februar 2018 wird Pierin Vincenz überraschend verhaftet. Die Zürcher Staatsanwaltschaft lässt ihn und Beat Stocker festnehmen. Beide verbringen mehrere Monate in Untersuchungshaft.

Die Verhaftung macht schweizweit Schlagzeilen und markiert einen Wendepunkt im Fall. Erstmals gerät einer der prominentesten Schweizer Banker wegen mutmasslicher Wirtschaftskriminalität ins Gefängnis. Im Verlauf des Jahres kommen beide unter Auflagen wieder frei.

Immer neue Vorwürfe und jahrelange Ermittlungen (2018–2021)

Die Ermittlungen entwickeln sich zu einem der grössten Wirtschaftsstrafverfahren der Schweiz. Die Staatsanwaltschaft wertet Millionen von E-Mails, Dokumenten und Bankunterlagen aus.

Die Anklageschrift wächst schliesslich auf mehrere hundert Seiten. Im Zentrum stehen insbesondere die Übernahmen der Kreditkartenfirma Aduno und der Investnet-Gruppe. Laut Anklage sollen Vincenz und Mitbeschuldigte über private Beteiligungen Millionenbeträge verdient haben, ohne die Interessenkonflikte gegenüber Raiffeisen offenzulegen.

Hinzu kommen Vorwürfe wegen der privaten Nutzung von Firmenkreditkarten für Restaurantbesuche, Luxusreisen, Hotelaufenthalte und weitere Ausgaben. Zudem wirft die Anklage Vincenz vor, Geschäftskunden auf Kosten der Bank in Stripclubs und andere Nachtlokale eingeladen zu haben. Diese Ausgaben seien teilweise als geschäftlich deklariert worden. Vincenz weist sämtliche strafrechtlich relevanten Vorwürfe stets zurück.

Die Anklage (2020–2022)

Nach jahrelangen Ermittlungen erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Vincenz, Beat Stocker und weitere Beschuldigte. Das Verfahren umfasst zahlreiche Anklagepunkte, darunter qualifizierte ungetreue Geschäftsbesorgung, Betrug, passive Bestechung und Urkundenfälschung. Wegen der Komplexität des Falls dauert die Vorbereitung des Prozesses mehrere Jahre. Die Akten umfassen zehntausende Seiten.

Der Mammutprozess in Zürich (2022)

Der ehemalige Raiffeisenchef Pierin Vincenz verlässt das Zürcher Volkshaus nach der Urteilseröffnung des Bezirksgerichts am Mittwoch, 13. April 2022.

Der ehemalige Raiffeisenchef Pierin Vincenz verlässt das Zürcher Volkshaus nach der Urteilseröffnung des Bezirksgerichts am Mittwoch, 13. April 2022.

Keystone

Im Januar 2022 beginnt vor dem Bezirksgericht Zürich einer der umfangreichsten Wirtschaftsstrafprozesse der Schweizer Justizgeschichte. Über mehrere Wochen werden Vincenz, Stocker sowie weitere Angeklagte befragt. Im Mittelpunkt stehen komplexe Firmenübernahmen, Beteiligungsstrukturen und die Frage, ob Raiffeisen durch verschwiegene Eigeninteressen geschädigt wurde.

Die Verteidigung bestreitet sämtliche strafrechtlichen Vorwürfe und argumentiert unter anderem, die Geschäfte seien für Raiffeisen wirtschaftlich sinnvoll gewesen.

Am 13. April 2022 fällt das Bezirksgericht Zürich sein Urteil. Pierin Vincenz wird unter anderem wegen mehrfacher qualifizierter ungetreuer Geschäftsbesorgung, Betrugs und Urkundenfälschung schuldig gesprochen und zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt. Beat Stocker erhält eine Freiheitsstrafe von vier Jahren.

Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass sich die beiden bei verschiedenen Firmenübernahmen persönlich bereichert und Raiffeisen beziehungsweise Aduno geschädigt haben. Freigesprochen werden sie in einzelnen Anklagepunkten.

Berufung und neues Verfahren (ab 2022)

Sowohl die Verteidigung als auch die Staatsanwaltschaft legen gegen das Urteil Berufung ein. Das Urteil des Bezirksgerichts ist damit nicht rechtskräftig. Die Verteidigung kritisiert insbesondere die Beweiswürdigung und die rechtliche Einordnung der Vorwürfe. Gleichzeitig hält die Staatsanwaltschaft an ihrer Einschätzung fest, dass Vincenz und Stocker sich systematisch bereichert hätten.

Der Berufungsprozess (August 2026)

Am Montag beginnt vor dem Zürcher Obergericht der Berufungsprozess. Das Gericht überprüft das erstinstanzliche Urteil umfassend und befasst sich erneut mit den zentralen Vorwürfen rund um die Firmenübernahmen, mögliche Interessenkonflikte sowie den Umgang mit Firmengeldern. Der Prozess dürfte sich erneut über mehrere Wochen hinziehen.

Unabhängig vom Ausgang könnte der Fall Vincenz die Schweizer Wirtschaft und Justiz noch länger beschäftigen, da gegen einen Entscheid des Obergerichts grundsätzlich noch ein Weiterzug ans Bundesgericht möglich ist.


Video aus dem Ressort

Gläubiger kauft Villa von Vincenz für 4 Millionen Franken

Eine Villa mit Bootsplatz aus dem Besitz von Pierin Vincenz ist für 4 Millionen Franken in Mendrisio TI zwangsversteigert worden. Käufer ist der Schweizer Unternehmer Dölf Früh, der Gläubiger des ehemaligen Raiffeisen-CEOs.