Darum geht’s

  • Anjan Truffer von Air Zermatt spricht über seine 28 Jahre als Bergretter und die zunehmenden Rettungseinsätze am Matterhorn und in den Schweizer Bergen.
  • Selbstüberschätzung, fehlende Ausrüstung und ignorierte Warnungen gehören laut Truffer zu den häufigsten Ursachen für gefährliche Situationen und Bergunfälle.
  • Der Rettungschef erzählt von dramatischen Einsätzen, darunter eine tödliche Blitzverletzung am Matterhorn und ein Mann, den die Bergretter zweimal retten mussten.
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Anjan Truffer arbeitet seit 28 Jahren als Bergretter bei Air Zermatt. In den fast drei Jahrzehnten hat er viele Veränderungen miterlebt – GPS hilft heute beim Navigieren, Rettungsmethoden und Rettungsmaschinen wurden verbessert und Material wurde leichter.

Die grösste Veränderung ist laut Anjan Truffer aber, dass Air Zermatt heute viel mehr Einsätze fliegt. Grund dafür ist, dass immer mehr Menschen in die Berge gehen – auch immer mehr Unerfahrene.

Im Interview mit blue News spricht der Rettungschef von Air Zermatt darüber, warum sich einige auch von Warnungen durch Bergführer nicht abhalten lassen, was die häufigsten Gründe für Hilferufe am Berg sind, und wie oft sich die Geretteten bei den Bergrettern bedanken.

Aufgrund der Hitze und der daraus resultierenden Instabilität des Gesteins warnten die Zermatter Bergführer schon vor Wochen vor einer Besteigung des Matterhorns. Letzte Woche kam es zu einem riesigen Felssturz am Berg. Besteigen also momentan keine Leute mehr das Matterhorn?

Anjan Truffer: Seit wir die Empfehlung ausgesprochen haben, ist es tendenziell ruhig. Die Vernünftigen hören zu und glauben den einheimischen Bergführern. Die Warnung hält sie ab. Viele von ihnen würden sowieso nur mit einem Bergführer aufs Matterhorn.

Anjan Truffer

Anjan Truffer ist Bergführer, Skilehrer und Rettungschef bei Air Zermatt. Seit 28 Jahren arbeitet der 52-Jährige als Bergretter, 11 Jahre davon in der Leitungsposition.

Aber andere denken: «Super, jetzt ist nicht viel los auf dem Berg, dann können wir ganz allein hochgehen.» Manche Menschen kann man nicht abhalten, es gibt immer solche, die denken, sie wissen alles besser. Logisch mussten wir in der Zwischenzeit ein paar Mal ausrücken, aber es war nichts Gravierendes.

Was sind die häufigsten Gründe für Ihr Ausrücken?

Wir evakuieren sehr viele Leute, die am Berg einfach nichts zu suchen haben. Sie haben weder Kenntnisse noch Ausrüstung. Diese Menschen warten auch meist bis zum letzten Moment, bis sie uns anrufen – wenn ein Gewitter kommt, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, oder wenn sie am Seil hängen und sich kaum noch bewegen können. Wenn sie denn überhaupt ein Seil dabeihaben. Schlimmer ist es natürlich, wenn sie nicht mehr selbst anrufen können.

Wie steht es um die Ausrüstung?

Die Tendenz in den letzten Jahren ist klar: Trailrunning und Speed-Rekorde. Die Leute wollen schneller und leichter unterwegs sein. Darunter leidet die Ausrüstung. Viele sind mit Turnschuhen statt mit Bergschuhen unterwegs.

Im Rucksack haben sie vielleicht einen Riegel und einen halben Liter Wasser, aber keine Kleidung. Das reicht nicht für eine zehnstündige Tour. Wenn das Wetter umschlägt und man keine Handschuhe, keine Regenjacke und nicht die nötige Ausrüstung dabeihat, wird es schnell gefährlich. Solche Leute treffen wir immer wieder an.

Welche Probleme am Berg haben in den letzten Jahren noch zugenommen?

Die Selbstüberschätzung. Die Leute überschätzen sich technisch und physisch komplett. Sie haben keine Erfahrung, aber in den sozialen Medien etwas Cooles gesehen. Sie denken, das können sie auch, und versuchen, es nachzumachen.

Trotzdem hat der «Tages-Anzeiger» vor kurzem berichtet, dass die Todeszahlen in den Schweizer Bergen in den letzten Jahren gesunken sind.

Das ist korrekt. Viele haben wohl einfach Glück. Aber es gehen heute auch viel mehr Menschen mit einem Bergführer aufs Matterhorn als früher. Das ist ein Vorteil, das bringt die Todeszahlen runter. Die Statistiken zeigen: Es passiert praktisch nichts Gravierendes mit einem Bergführer. Das ist die beste Lebensversicherung.

Können Sie sagen, welche Menschen sie am häufigsten retten müssen?

Es sind vor allem Menschen unter 50. Die Älteren sind in der Regel vernünftiger und planen voraus. Vielleicht haben sie auch weniger Ego. Ausserdem sind es viel mehr Männer.

Wie ist das für Sie, wenn Sie sich selbst in Gefahr bringen müssen, um Menschen aus Situationen zu retten, die ziemlich einfach hätten verhindert werden können?

Wenn die Rettung für die Crew zu gefährlich ist, warten wir ab. Viele, die uns anrufen, sind unverletzt, da können sie auch ein, zwei Stunden oben warten. Wir wägen das Risiko immer ab.

Grundsätzlich sind wir Retter und nicht Richter, es liegt nicht an uns, zu urteilen. Da denke ich gar nicht gross darüber nach. Oft macht es auch keinen Sinn, mit den Leuten zu diskutieren. Es kam auch schon vor, dass wir die gleiche Person zweimal retten mussten. Manchmal war das ein Jahr später, manchmal noch in der gleichen Woche. Da haben die Leute eine Woche Ferien und wollen dann einfach auf den Berg.

Haben Sie ein konkretes Beispiel für eine Person, die Sie zweimal retten mussten?

Vor einigen Jahren wurden wir zur Evakuierung von zwei Personen ans Matterhorn gerufen. Sie hatten noch Material in der Biwak-Hütte und fragten, ob man das auch noch holen kann. Also bin ich zur Biwak-Hütte, und da sassen zwei Menschen, ein Mann und eine Frau. Der Mann schaute mich an und sagte, dass er mich kennt. Ich wusste nicht, wer er ist, und fragte, ob er mir auf die Sprünge helfen kann. Da meinte er, dass ich ihn vor rund einem Jahr schon einmal von einem anderen Berg gerettet hätte.

Ich sagte den beiden, sie sollen doch mit uns mit dem Heli nach unten fliegen. Für den nächsten Tag war schlechtes Wetter mit starken Gewittern angesagt. Doch sie wollten nicht. Also flogen wir ohne sie ins Tal.

Am nächsten Tag wurden wir aufs Matterhorn gerufen. Die Frau war vom Blitz getroffen worden und war tot. Den Mann mussten wir zum zweiten Mal retten.

Wenn Leute nicht auf Ihre Warnungen hören wollen, können Sie nichts machen?

Es ist schon x-mal vorgekommen, dass Menschen bei einem Unfall dabei waren, zu dem wir gerufen wurden. Wir sahen ihnen an, dass sie fixfertig und überfordert sind, doch sie haben unsere Hilfe abgelehnt. Da können wir nichts machen, wir können ja nicht die Polizei holen und die Menschen in Handschellen vom Berg führen.

Wie können Menschen sich so überschätzen?

Vielleicht liegt es an der heutigen Gesellschaft, wo jeder die persönliche Challenge sucht, und es immer schneller, höher, weiter gehen muss. Vielleicht haben die Leute auch einfach zu viel Zeit, dass sie so einen Seich machen.

Oft hat es sicher mit dem Ego zu tun – ob mit oder ohne soziale Medien. Vielen wollen sich selbst etwas beweisen. Früher ist man einen Marathon gerannt. Heute ist das ja fast Standard. Dann verlegt man den Marathon an den Berg.

Wie oft bedanken sich Menschen, die Sie gerettet haben, bei Ihnen?

In den 28 Jahren, die ich als Bergretter arbeite, haben sich weniger als eine Handvoll Menschen nochmals gemeldet oder eine Dankeskarte geschickt. Aber so spielt das Leben, das beschäftigt mich nicht.

Nicht immer können Sie Menschen lebend vom Berg retten. Wie gehen Sie damit um, wenn Sie Tote bergen müssen?

Persönlich habe ich keine Probleme damit, das ist ein Teil des Jobs und gehört leider Gottes dazu. Es passiert viel zu oft. Aber man muss sich am Positiven orientieren – ich kann vielen Menschen helfen.

Was ist Ihr Appell an Menschen, die sich überlegen, eine Bergtour zu machen?

Bereitet euch zu Hause gut vor, körperlich und technisch. Nehmt die richtige Ausrüstung mit und geht am besten mit einem Bergführer.

Und diejenigen, die allein gehen wollen?

Die sollen sich vor Ort über die Verhältnisse informieren und auf die Ratschläge der Hüttenwarte und der lokalen Bergführer hören. Nehmt die Informationen ernst. Das gilt auch für mich: Wenn ich als erfahrener Bergführer eine Tour mache, die ich länger nicht gemacht habe, oder in einer Region, die ich nicht so gut kenne, dann rufe ich einen lokalen Bergführer an und frage nach den Verhältnissen. Wenn er mir sagt, dass sie nicht gut sind, dann mache ich die Tour nicht.

Das ist auch mein Appell an die Leute: Wenn es eine Tour gibt, die ihr unbedingt machen wollt, aber die Verhältnisse sind zu schlecht – dann weicht auf eine andere Tour aus!


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