Früher forderte er Rücktritt

Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz ist in den Ferien.

DPA

Friedrich Merz ist seit Ende Juli in den Ferien. Nun holt ihn seine eigene Kritik an einer Ministerin nach der Ahrtal-Flut ein.

Petar Marjanović

Darum geht’s

  • Kanzler Friedrich Merz ist seit dem 29. Juli in den Ferien und wird erst am 26. August zurückkehren.
  • Während seiner Abwesenheit brach im Hürtgenwald der grösste Waldbrand in der Geschichte Nordrhein-Westfalens aus, doch Merz zeigte sich weder vor Ort noch äusserte er sich öffentlich.
  • Der Fall erinnert an 2021, als Grünen-Ministerin Anne Spiegel nach der Ahrtal-Flut vier Wochen in die Ferien fuhr.
  • Merz forderte damals ihren sofortigen Rücktritt und warf ihr vor, Urlaub über das Schicksal der Betroffenen zu stellen.
  • Europa erlebt einen extremen Hitzesommer mit Rekordtemperaturen, massiver Dürre und geschätzt über 20’000 zusätzlichen Todesfällen.
  • Die Schweiz verzeichnete den zweitwärmsten Juli seit Messbeginn.
Zusammenfassung erstellt mitmyAi

Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte Friedrich Merz (CDU) am 29. Juli, nach der Entlassung und Ernennung mehrerer Minister und einer Sondersitzung der Unionsfraktion.

Seither ist der Kanzler in den Ferien.

Der stellvertretende Regierungssprecher Sebastian Hille sagte am 12. August der Nachrichtenagentur DTS, das Kabinett werde erst am 26. August wieder unter der Leitung des Kanzlers tagen. Kehrt Merz nicht früher zurück, fehlt er volle vier Wochen.

Wo er die Zeit verbringt, hält das Kanzleramt aus Sicherheitsgründen geheim. Aus dem Bundespresseamt hiess es gegenüber deutschen Medien lediglich, der Kanzler spanne ein paar Tage aus, sei aber «natürlich immer im Dienst».

Es ist der grösste Waldbrand, den Nordrhein-Westfalen seit Beginn der amtlichen Erfassung 1991 erlebt hat.

Es ist der grösste Waldbrand, den Nordrhein-Westfalen seit Beginn der amtlichen Erfassung 1991 erlebt hat.

DPA

Der deutsche Ableger des Nachrichtenportals «Watson» erinnert das an einen Fall, bei dem Merz scharfer Ferienkritiker war: Im Juli 2021 fuhr die rheinland-pfälzische Umweltministerin Anne Spiegel (Grüne) zehn Tage nach der Flutkatastrophe im Ahrtal für vier Wochen in die Ferien.

Merz forderte Rücktritt von Ferien-Ministerin

Als das im April 2022 publik wurde – Spiegel war inzwischen zur Bundesfamilienministerin aufgestiegen –, forderte der damalige CDU-Chef und Oppositionsführer Merz ihre sofortige Entlassung durch Kanzler Olaf Scholz.

Über seinen Twitter-Account liess er verbreiten: «Es beweist sich erneut: Für Frau Spiegel waren Urlaub und das eigene Image wichtiger als das Schicksal der Menschen an der Ahr.» Zwei Wochen später war Spiegel ihr Amt los.

So polemisierte Friedrich Merz im Jahr 2022 gegen eine Ministerin, die nach einer Katastrophe Ferien machen wollte.

So polemisierte Friedrich Merz im Jahr 2022 gegen eine Ministerin, die nach einer Katastrophe Ferien machen wollte.

Twitter

Fünf Jahre später hat Deutschland wieder eine Katastrophe: Am 13. August brach im Hürtgenwald im Kreis Düren ein Feuer aus und frass sich über rund 300 Hektar. Es ist der grösste Waldbrand, den Nordrhein-Westfalen seit Beginn der amtlichen Erfassung 1991 erlebt hat. In der Nacht auf den 14. August mussten die rund 1800 Einwohner*innen ihre Häuser verlassen. Bis zu 1800 Einsatzkräfte kämpften gegen die Flammen, unterstützt von Helikoptern der Bundeswehr und der Polizei sowie von Entpannungspanzern.

Erschwert wurde der Einsatz durch den Zweiten Weltkrieg, wie etwa der WDR berichtete: Im Boden des einstigen Schlachtfelds liegt bis heute Munition, die während der Löscharbeiten teilweise explodierte. Fünf Menschen wurden verletzt. Erst am Abend des 15. August war der Brand so weit unter Kontrolle, dass die Evakuierten zurückkehren konnten.

Wie es in Deutschland üblich ist, zeigte sich vor Ort die Landes- und Kommunalpolitik: NRW-Forstministerin Silke Gorissen (CDU) besuchte die Einsatzkräfte und dankte ihnen, ebenso Landrat Ralf Nolten (CDU) und Hürtgenwalds Bürgermeister Stephan Cranen (parteilos).

Der Kanzler kam nicht. Laut der Nachrichtenagentur DPA liess er sich immerhin über die Lage informieren, öffentlich äusserte er sich aber nicht.

Dürre begünstigt Waldbrandkatastrophen

Der meteorologische Kontext dazu: Eine Hitzewelle entzündet keinen Wald. Ist der Boden aber so ausgetrocknet wie in diesem Sommer, genügt ein Funke – etwa eine weggeworfene Zigarette, ein unvorsichtiges Zeuseln –, um eine Katastrophe auszulösen.

Bis zum 2. August zählte der Deutsche Wetterdienst im Landesmittel rund 22 Tage mit hoher Waldbrandgefahr, normal wären etwa zehn. Der EU-Klimadienst Copernicus verzeichnete für Westeuropa den heissesten Juni und Juli seit Messbeginn, mit 21,6 Grad im Schnitt und 2,8 Grad über dem bisherigen Rekord.

In Westeuropa wird es immer heisser.

In Westeuropa wird es immer heisser.

C3S/ECMWF

Laut Robert-Koch-Institut starben in Deutschland dieses Jahr bis Anfang August schätzungsweise 12’500 Menschen an den Folgen der Hitze. Im hessischen Main-Kinzig-Kreis rief die Behörde die Bevölkerung auf, aufs Duschen und Baden zu verzichten, weil das Wasser zum Löschen von Feuern gebraucht wurde.

Liegen die Monatsmitteltemperaturen über der Referenz, sind die entsprechenden Bereiche rot, Gebiete mit unterdurchschnittlichen Temperaturen blau dargestellt.

Liegen die Monatsmitteltemperaturen über der Referenz, sind die entsprechenden Bereiche rot, Gebiete mit unterdurchschnittlichen Temperaturen blau dargestellt.

Meteoschweiz

Die Schweiz erlebte denselben Krisen-Sommer. Laut MeteoSchweiz lag die Mitteltemperatur im Juli 2026 3,2 Grad über der Referenzperiode 1991–2020. Insgesamt war es der zweitwärmste Juli seit Messbeginn 1864.

Gleichzeitig war er besonders trocken: Landesweit fehlte sehr viel Niederschlag, regional fielen weniger als 30 Prozent. Die Sonne schien mancherorts über 140 Prozent des Referenzwerts. An mehreren Orten gab es Feuerverbote. Einzelne Gemeinden riefen zum Wassersparen auf.

Und die Bilanz der europäischen Junihitze fällt noch düsterer aus: Eine erste wissenschaftliche Schätzung kommt auf über 20’000 zusätzliche Todesfälle.


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