2003 zusammen mit GC Meister

Lichtsteiner: «Koller ist massgeblich daran beteiligt, dass ich meine Profi-Karriere starten konnte»

Mit 65 hat sich Marcel Koller für den FC Zürich statt den Ruhestand entschieden. Vor dem Klassiker gegen Basel spricht er über die Verunsicherung im Team und die Verbindung zu Stephan Lichtsteiner.

Keystone-SDA

Heute um 16:04

Darum geht’s

  • Marcel Koller trifft als neuer FCZ-Trainer im Klassiker auf Basel und seinen früheren Schützling Stephan Lichtsteiner. 2003 wurden die beiden mit GC gemeinsam Schweizer Meister.
  • Koller soll den verunsicherten FC Zürich trotz Sparkurs und weitgehend bestehendem Kader stabilisieren. Nach dem 0:5 gegen Lugano sieht er vor allem spielerisch und bei der Kommunikation auf dem Platz Verbesserungsbedarf.
  • Auch beim FC Basel herrscht Unruhe, Lichtsteiner steht trotz jüngster Siege unter Druck. Koller erinnert sich an dessen grossen Ehrgeiz und sagt, der heutige FCB-Coach mache alles für den Erfolg.
Zusammenfassung erstellt mitmyAi

Er kenne den Klassiker ja von der anderen Seite, wird Marcel Koller gleich zu Beginn der Pressekonferenz im «Home of FCZ» angesprochen. Inwiefern das Duell für ihn immer noch etwas Spezielles sei, will der Fragende wissen. Bei der Antwort merkt man, dass die Begegnung für Koller wahrscheinlich gar nicht so speziell ist. «Weil ich länger nicht mehr dabei gewesen bin», erklärt er zögernd und wirkt fast etwas verlegen, weil ihm nicht wirklich weitere Gründe einfallen.

Allerdings hat Koller als Trainer auch schon viel erlebt: zwei Meistertitel in der Schweiz, den Aufstieg in die Bundesliga, die Qualifikation für die EM mit Österreich und in Ägypten mit Al Ahly neben mehreren nationalen Titeln zweimal den Gewinn der afrikanischen Champions League.

Es war nach einer erfolgreichen Spielerlaufbahn auch eine grosse Trainerkarriere, die er mit seiner Rückkehr in die Schweiz eigentlich abgeschlossen hatte. Koller wurde im November des letzten Jahres 65 Jahre alt und damit auch pensioniert. Doch im Ruhestand merkte er, dass er sich «immer noch jung» fühlte. So jung jedenfalls, dass er statt gemütlicher Gartenarbeit nochmals eine grosse Herausforderung im Fussball angehen wollte: ein verunsichertes Team, das die letzte Saison auf Platz 10 abgeschlossen hat, praktisch ohne Verstärkung aufzurichten.

Verordneter Sparkurs

Denn beim FC Zürich wird das Portemonnaie, nachdem die Familie Canepa in den letzten Jahren wiederholt mehrere Millionen Franken in den Klub schoss, nicht nochmals so weit aufgemacht. Das Präsidentenpaar Ancillo und Heliane Canepa, das schon länger auf der Suche nach einer geeigneten Nachfolge ist, hat einen Sparkurs verordnet. Der Erfolg soll mit den bestehenden Kräften und dem Aufbau der eigenen Nachwuchsspieler erarbeitet werden.

Nach zwei Runden durfte man noch von einem ansprechenden Start sprechen, doch dann folgte das Auswärtsspiel gegen Lugano. Beim 0:5 musste Koller einräumen, gegen einen in allen Belangen überlegenen Gegner gespielt zu haben. Und der folgende Cup-Auftritt gegen den drei Ligen tiefer spielenden FC Tuggen, als der FCZ nach zwischenzeitlich kassiertem Ausgleich den 2:1-Sieg über die Zeit brachte, dürfte auch kaum für den erhofften Schub an Selbstvertrauen gesorgt haben.

«Wir müssen uns im spielerischen Bereich weiterentwickeln, aber auch in der Kommunikation auf dem Platz», sagt Koller. Die vielen jungen Spieler, die der Trainer gezwungenermassen einsetzt, sind ihm noch zu ruhig. Wahrscheinlich, so Koller, würden sich einige nicht richtig trauen, ihren älteren Mitspielern Anweisungen zu erteilen. «Davon müssen wir wegkommen: Denn jeder Zuruf, der verhindert, dass der Gegner näher an unser Tor heranrückt, ist wertvoll.»

Als Koller und Lichtsteiner Meister wurden

Der Gegner, der am Samstagabend vom eigenen Tor ferngehalten werden soll, heisst FC Basel. Auch bei diesem herrscht trotz der zuletzt klaren Siege gegen Thun und Courtételle keine Ruhe. Gemäss Medienberichten steht Trainer Stephan Lichtsteiner bereits arg im Gegenwind, kann sich schon jetzt praktisch keinen Aussetzer mehr erlauben.

Auf sein Gegenüber angesprochen, sagt Koller schlicht, er freue sich auf das Wiedersehen mit Lichtsteiner. In den frühen Jahren seiner Trainerkarriere war er bei den Grasshoppers einer der Förderer des jungen Spielers. Unter Koller etablierte sich Lichtsteiner in der ersten Mannschaft, 2003 feierten sie gemeinsam den Meistertitel. Lichtsteiner sei schon immer sehr ehrgeizig gewesen, sagt Koller. «Und so erlebe ich ihn auch als Trainer. Er macht alles für den Erfolg.»

Marcel Koller und Stephan Lichtsteiner im September 2003 in Diskussionen. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Marcel Koller und Stephan Lichtsteiner im September 2003 in Diskussionen. (KEYSTONE/Walter Bieri)

KEYSTONE

Sowieso weiss Koller genau, wie unruhig es als Trainer des FC Basel sein kann. Trotz Cupsieg hatte er 2019 seinen Schrank praktisch schon geräumt. Weil der damalige Präsident (Bernhard Burgener) aber den damaligen Sportchef (Marco Streller) überstimmte, blieb Koller eine weitere Saison am Rheinknie. Ein Jahr später war dann definitiv Schluss. Trotzdem konnte festgehalten werden: In der Phase der stetigen Turbulenzen hatte es Koller mit seiner stoischen Art geschafft, etwas Ruhe ins Team zu bringen.

«Er verkörpert KI»

Das erhofft man sich auch beim FCZ, nachdem die Mannschaft in der vergangenen Saison zum zweiten Mal in Folge den Einzug in die Meisterrunde verpasst hat – dieses Mal deutlich. Man sei stolz, einen Trainer mit einem solch grossen Leistungsausweis präsentieren zu können, sagte Ancillo Canepa bei der Vorstellung Kollers. «Er verkörpert KI – Kompetenz und Integrität.»

Was der Klubpräsident darunter versteht, führte er etwas später aus, als es unter anderem um die Kadergestaltung ging. «Marcel hat nicht eine Sekunde irgendwelche Forderung gestellt, was das Kader betrifft. Das macht den Unterschied zwischen einem guten Trainer und einem sehr, sehr guten Trainer.» Konkret: ein ruhiger Arbeiter, der das Beste aus dem Vorhandenen herausholt.

Daran hält Koller auch nach den ersten Rückschlägen fest. Auf die Frage, ob das Kader tauglich für die Super League sei oder er sich doch noch eine Verstärkung wünsche, lächelt der Trainer bloss. Ob das ein Angebot sei, fragt er den Reporter zurück, ehe er mit gewohnt ruhiger Art antwortet: «Wir arbeiten mit den Spielern, die da sind. Das war uns von Anfang an bewusst. Wir versuchen, sie einzeln und als Team besser zu machen.» Und das brauche halt eine gewisse Zeit.

Vielleicht hat Koller auch deshalb Mühe, dem Klassiker in der vierten Meisterschaftsrunde das ganz Spezielle abzugewinnen: Sein Team befindet sich noch immer in der Gestaltungsphase.

Mehr zu Marcel Koller

GC-Legende Koller beim FCZ: « Ich musste natürlich schon überlegen, aber …»