Darum geht’s

  • Russland erwägt aktuell offenbar eine deutliche Intensivierung ballistischer Raketenangriffe auf Kiew und weitere ukrainische Städte.
  • Verschiedene strategische Analysen sehen zudem Angriffe auf kritische Infrastruktur und hybride Operationen gegen europäische Staaten als besonders wahrscheinliche Eskalationsformen.
  • Über taktische Atomwaffen wird in Moskau offenbar häufiger gesprochen, konkrete Hinweise auf einen bevorstehenden Einsatz gibt es jedoch nicht.
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Im Kreml wächst offenbar die Überzeugung, dass die Friedensbemühungen festgefahren sind. Russland soll deshalb eine neue Eskalationsstufe im Krieg gegen die Ukraine erwägen, berichten verschiedene Medien.

Was Putin konkret planen soll, wie weit die Vorbereitungen sind und wie realistisch selbst ein Einsatz taktischer Atomwaffen ist – blue News liefert die wichtigsten Antworten in der Übersicht.

Im Zentrum steht zunächst eine deutlich stärkere konventionelle Kriegsführung. Die Nachrichtenagentur «Bloomberg» berichtet unter Berufung auf drei Personen aus dem Umfeld des Kremls, dass Russland eine Intensivierung schwerer ballistischer Angriffe auf die Ukraine erwägt. Besonders die ukrainische Hauptstadt Kiew, einschliesslich des Stadtzentrums, sowie Infrastrukturziele in anderen Städten könnten stärker ins Visier geraten.

Der französische Thinktank «Fondation pour la Recherche Stratégique» (FRS) kommt in einer aktuellen Analyse zu einer sehr ähnlichen Einschätzung. Die Autoren nennen drei besonders wahrscheinliche Eskalationsformen: ballistische Angriffe auf ukrainische Städte, Attacken auf kritische Infrastruktur und hybride Operationen gegen europäische Staaten.

Vor allem die ukrainische Energieversorgung dürfte dabei zentral bleiben. Die FRS verweist darauf, dass Russland seit Anfang 2026 bereits Hunderte Angriffe auf Anlagen des Energiekonzerns Naftogaz durchgeführt habe. Das Ziel Putins sei, die Ukraine dazu zu zwingen, gleichzeitig eine Vielzahl von Energie-, Verkehrs- und Versorgungsanlagen zu schützen, was der Ukraine aufgrund der limitierten Ressourcen kaum möglich sei. Mit Massen-Angriffen, so vermuten die Experten, wisse der Kreml, dass er die Ukraine an der einen oder anderen Stelle empfindlich treffen könne.

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Osteuropa-Experte Marcel Hirsiger erwartet im Gespräch mit SRF insbesondere nach den russischen Wahlen im September eine weitere Eskalation und einen besonders schwierigen Winter für die Ukraine.

Gleichzeitig baut Russland seine Drohnen-Kapazitäten an der Grenze zu Belarus und der Ukraine massiv aus. Das berichtete der «Telegraph». In den vergangenen Monaten habe das russische Militär fast 60 neue Drohnen-Stationen eingerichtet. Von dort aus wäre mit den hochmodernen Geran-4 und Geran–5-Drohnen, die rund 1000 Kilometer weit fliegen können, auch Nato-Gebiet erreichbar.

Der US-Thinktank «Institute for the Study of War» geht allerdings davon aus, dass die Drohnen von den neuen Stationen aus eher Richtung Ukraine fliegen werden als in Richtung Europa.

Warum will Putin gerade jetzt eskalieren?

Der entscheidende Punkt ist offenbar, dass Moskau die bisherigen diplomatischen Bemühungen weitgehend als gescheitert betrachtet. Die beiden Seiten seien praktisch wieder am Ausgangspunkt angekommen. Vier Personen aus dem Umfeld des Kremls erklären laut «Bloomberg» demnach, Russland sehe ohne diplomatischen Fortschritt kaum eine Alternative zu weiterer Eskalation.

Gleichzeitig wächst der Druck auf Russland. Ukrainische Angriffe treffen Raffinerien, Logistikzentren und andere strategische Ziele tief im russischen Hinterland. Dazu kommen Sanktionen und wirtschaftliche Probleme. Kreml-nahe Kreise gehen laut «Bloomberg» aber nicht davon aus, dass dieser Druck Putin zu einem Einlenken bewegen wird.

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Die Experten der FRS argumentieren indes, dass der Westen möglicherweise einen grundlegenden Denkfehler begeht: Steigender wirtschaftlicher und militärischer Druck müsse bei einem autoritären Regime nicht zwangsläufig zu Kompromissbereitschaft führen. Für Putin könne ein sichtbares Nachgeben vielmehr als Schwäche wahrgenommen werden und seine Machtbasis gefährden.

Die Folge könnte paradox sein: Je stärker der Druck wird, desto grösser zunächst der Anreiz zur Eskalation. Die FRS formuliert es so: «Druck muss Putin nicht zwingend an den Verhandlungstisch bringen. Vielmehr kann es auch sein, dass der Druck ihn noch gefährlicher und unvorhersehbarer macht.»

Wie weit sind die Vorbereitungen bereits?

Eine grosse Angriffswelle gibt es wohl aktuell nicht.

Eine grosse Angriffswelle gibt es wohl aktuell nicht.

www.imago-images.de

Derzeit gibt es keine Hinweise dafür, dass Russland bereits eine grosse Angriffswelle mit fixem Datum beschlossen hat. Vielmehr soll Russland verschiedene Optionen abwägen.

Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass sich die Art der russischen Kriegsführung bereits verändert. Osteuropa-Experte Hirsiger sagt gegenüber dem SRF, dass in der Ukraine zuletzt vermehrt zivile Einrichtungen wie Supermärkte, Buchläden und Museen getroffen worden seien.

Die Fondation pour la Recherche Stratégique sieht dafür auch eine militärische Logik. Russland wisse um die begrenzten Bestände ukrainischer Patriot-Abfangraketen und könne versuchen, diese Schwäche gezielt auszunutzen. Geschützt seien derzeit vor allem militärische und kritische Infrastrukturen, zivile Einrichtungen hingegen stellten ein leichtes Ziel dar. Massive Raketenangriffe seien zudem eine Möglichkeit, hohen Schaden anzurichten, ohne am Boden einen entscheidenden Durchbruch erzielen zu müssen.

Ähnlich sieht es bei hybriden Angriffen gegen Europa aus. Die FRS beschreibt Sabotage, Cyberoperationen, Einschüchterungsversuche und andere Aktionen unterhalb der Schwelle eines offenen militärischen Konflikts als bereits bestehendes Instrument Moskaus. Eine weitere Intensivierung wäre demnach keine völlig neue Strategie, sondern eine Verschärfung eines bereits laufenden Vorgehens.

Wie realistisch ist denn eine Eskalation gegen Europa?

Eine direkte militärische Konfrontation mit der Nato ist Stand heute kein wahrscheinliches Szenario. Deutlich realistischer erscheinen hybride Angriffe, Provokationen und Aktionen, die bewusst unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges bleiben.

SRF-Experte Hirsiger geht davon aus, dass Russland die Nato spalten und ihre Reaktionsfähigkeit testen wolle. Dabei könne es etwa um Luftraumverletzungen oder andere Provokationen gehen, bei denen Moskau auslotet, wie weit es gehen kann, ohne eine direkte militärische Antwort auszulösen.

Auch die FRS spricht von einer zunehmenden hybriden Kriegsführung gegen europäische Staaten. Cyberangriffe, Sabotage, organisierte kriminelle Netzwerke, Desinformation sowie über soziale Medien angeworbene Helfer gehören seit längerer Zeit zum Standard-Repertoire Moskaus. Solche Mittel erlaubten Russland, Druck auf Europa auszuüben, ohne offiziell die Schwelle zum konventionellen Krieg zu überschreiten.

Eine Eskalation gegen Europa wäre also nicht zwingend an Panzern oder Raketen zu erkennen. Viel wahrscheinlicher wäre eine Zunahme schwer zuzuordnender Zwischenfälle, Sabotageakte und Provokationen.

Der Besuch von CIA-Direktor John Ratcliffe diese Woche in Moskau könnte laut Experten denn auch direkt mit dem zunehmenden Eskalationspotenzial zusammenhängen. Der CIA-Chef habe Russland vor allem mit Blick auf die östlichen Nato-Partner im Baltikum vor einer Eskalation gewarnt. Zudem habe er den Kreml dazu gedrängt, seine militärische und finanzielle Unterstützung für den Iran herunterzufahren.

Und wie realistisch ist ein Einsatz von Atomwaffen?

Dass Russland tatsächlich Atomraketen einsetzen wird, bezweifeln viele Experten.

Dass Russland tatsächlich Atomraketen einsetzen wird, bezweifeln viele Experten.

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Laut «Bloomberg» kommen zunehmend russische Funktionäre zu der Einschätzung, Putin könnte im äussersten Fall den Einsatz taktischer Atomwaffen erwägen. Kreml-nahe Quellen berichten demnach, dass die Zahl jener Stimmen in Moskau zugenommen habe, die ein solches Szenario offen diskutieren. Die Logik dahinter: Für Putin könnte eine Niederlage als noch gefährlicher gelten als die Fortsetzung eines immer kostspieligeren Kriegs.

Wichtig ist hier aber eine klare Differenzierung: Es gibt derzeit keine Hinweise darauf, dass Russland einen Atomwaffeneinsatz in der Ukraine konkret vorbereitet. Von einer unmittelbar bevorstehenden nuklearen Eskalation kann aufgrund der vorliegenden Informationen also keine Rede sein.

Derzeit ist also davon auszugehen, dass die Thematik hinter den Mauern des Kreml stärker diskutiert wird. Je schwieriger Putins Lage wird und je stärker er den eigenen Machterhalt mit einem Sieg verbindet, desto grösser könnte seine Bereitschaft werden, Risiken einzugehen. Ein tatsächlicher Einsatz ist damit aber noch lange nicht wahrscheinlich oder unmittelbar bevorstehend. Denn auch Putin weiss: Setzt er eine Atomwaffe ein, überschreitet er eine klare rote Linie. Die Folgen wären unabsehbar.


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