Perversling-Brillen werden auch in der Schweiz zum Politikum


Versteckte Kameras

Auf den ersten Blick sind Smart Glasses nicht mehr einfach zu erkennen.

Meta

In Luzern fordert die Politik bereits Regeln gegen heimliche Aufnahmen mit smarten Brillen. Die Geräte sehen aus wie normale Sonnenbrillen, filmen aber unbemerkt mit.

Martin Abgottspon

Darum geht’s

  • In der Schweiz ist das heimliche Filmen mit Kamera-Brillen bereits zum Politikum geworden, weil die Grünen in Luzern per Postulat Regeln für Badis und öffentliche Plätze verlangen.
  • Sogenannte «Perversling-Brillen» sehen aus wie normale Sonnenbrillen und werden zunehmend missbraucht, um Menschen ohne ihr Wissen zu filmen.
  • Eine drei Franken teure App namens «AntiZuck» warnt zwar per Bluetooth vor Kamera-Brillen in der Nähe, kann aber nicht erkennen, ob gerade tatsächlich aufgenommen wird.
Zusammenfassung erstellt mitmyAi

Wer derzeit an den heissen Tagen in der Badi oder am See liegt, rechnet in der Regel nicht damit, heimlich gefilmt zu werden. Genau das ist mit Smart Glasses aber möglich und wird auch immer einfacher. In Luzern hat das Thema daher inzwischen auch schon die Politik erreicht. Grüne und Junge Grüne fordern mit einem Postulat, dass die Stadt Regeln für Kamera-Brillen prüft, besonders in Badis, an Badeplätzen wie der Lidowiese und bei städtischen Anlässen. «Smart Glasses machen aus jedem Menschen eine potenzielle Überwachungskamera», wird Grossstadtrat Adrian Häfliger zitiert.

Ein generelles Verbot liegt nicht in der Macht der Stadt und konkrete Vorfälle in Luzern sind bislang keine bekannt. Doch der Vorstoss zeigt, wie schnell aus einem Technik-Gadget ein gesellschaftliches Reizthema geworden ist. Der Grund liegt in der Bauart der Geräte. Sie sehen aus wie gewöhnliche Sonnenbrillen, können aber filmen, Gespräche mitschneiden und Daten direkt in die Cloud laden, ohne dass es das Gegenüber merkt.

Der Prototyp war noch etwas auffälliger als die aktuellen Brillen.

Der Prototyp war noch etwas auffälliger als die aktuellen Brillen.

Imago

Vom «Glasshole» zum «Perversling»

Der Spitzname für diese Brillen ist nicht neu, nur schärfer geworden. Als Google vor gut zehn Jahren die «Google Glass» lancierte, wurden deren Träger als «Glassholes» verspottet, ein Wortspiel aus «Glass» und dem englischen Schimpfwort «Asshole». Heute kursiert im Netz der Begriff «Perversling-Brillen», und der Grund dafür ist unschöner als blosse Technikskepsis. Es häufen sich Berichte, wonach vor allem Männer Modelle wie die «Ray-Ban Meta» nutzen, um heimlich Frauen zu filmen und die Aufnahmen anschliessend ins Netz zu stellen.

Auf Instagram erreichten Kanäle mit solchen Anmach- und Belästigungsvideos teils Hunderttausende Follower. Plattform-Chef Adam Mosseri kündigte inzwischen an, derartige Inhalte zu entfernen, doch eine kurze Suche fördert weiterhin zahlreiche solche Clips zutage. Das Problem reicht über den Flirt-Voyeurismus hinaus. In deutschen Freibädern wurden leicht bekleidete Gäste gefilmt, weshalb erste Bäder die Brillen ausdrücklich in ihre Badeordnung aufnahmen.

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Eine App als digitale Notwehr

Viele Modelle tragen eine kleine Leuchte, die eine Aufnahme signalisieren soll. Bei hellem Gegenlicht oder in einer Menschenmenge wird das Lämpchen jedoch leicht übersehen und im Netz kursieren Anleitungen, es zu überkleben oder gleich auszulöten. Meta hat zwar Sensoren verbaut, welche die Aufnahme sperren, wenn die Leuchte verdeckt wird, doch findige Bastler zeigen Wege, auch diesen Schutz auszuhebeln. Samsung verspricht für seine kommenden Brillen immerhin, die Kamera bei jeder Manipulation der LED komplett zu deaktivieren.

Wie gross das Unbehagen ist, zeigt eine kleine App aus den USA. «AntiZuck Smart Glasses Scanner» kostet knapp drei Franken und kletterte dort auf Platz drei der bezahlten iPhone-Apps, eine Position, die neue Bezahl-Apps sonst kaum je erreichen. Die App lauscht per Bluetooth nach Signalen, die typische Kamera-Brillen aussenden und zeigt Treffer auf einer radarähnlichen Fläche samt grober Distanzschätzung an. Erkannt werden neben der «Ray-Ban Meta» auch «Snap Spectacles», «Amazon Echo Frames» und Modelle von «RayNeo».

Mächtig ist das Werkzeug allerdings nicht. Die App kann nicht sagen, ob eine Brille gerade aufnimmt, sondern nur, dass eine in der Nähe funkt. Kamera-Brillen senden ihr Signal vor allem beim Einschalten, beim Koppeln oder beim Öffnen des Ladeetuis und verstummen oft, sobald sie verbunden sind. Ein Alarm ist damit kein Beweis fürs Gefilmtwerden, und ein stummes Gerät kann trotzdem laufen.

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Wie ist die Gesetzeslage?

Rechtlich ist die Lage zwiespältig. Wer jemanden in einer nicht öffentlichen Situation heimlich filmt, etwa in der Umkleide oder in der Sauna, macht sich strafbar – mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren. Der Persönlichkeitsschutz nach Artikel 28 des Zivilgesetzbuchs und das seit 2023 revidierte Datenschutzgesetz stärken die Betroffenen zusätzlich. Auf dem offenen Trottoir oder der Liegewiese aber, wo zufällige Aufnahmen weitgehend hinzunehmen sind, endet der Schutz oft genau dort, wo das eigentliche Unbehagen beginnt.

Wie ernst die Hersteller das Imageproblem nehmen, zeigt der Blick zu Apple. Der Konzern soll seine eigene Kamera-Brille bewusst verschoben haben, um zuvor die Datenschutzbedenken auszuräumen. Der eigentliche Schutz liegt damit weniger in einer App für drei Franken als in dem, was Gesellschaft und Gesetzgeber als zumutbar akzeptieren. Bis dahin bleibt dir wenig anderes, als die Brille deines Gegenübers etwas genauer anzuschauen.

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